Douce France LEBEN

Wilder Wechsel und viele Schweigeminuten für Paris

26. November 2015
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Der Herbst fegte so schnell davon wie die Blätter im Wind und zack! – schon ist Winter. Wie konnte das nur so schnell geschehen und überhaupt: was habe ich die ganze Zeit gemacht? So richtig erklären kann ich mir das nicht. Auch wenn die Liste an (leider meist unerfreulichen) Dingen, die mir zwischenzeitlich widerfahren sind, im Kopf spontan länger ausfällt als es mir lieb ist. Neben anderen Geschehnissen hat mich vor allem eine sehr, sehr dunkle Technikchaoswolke umgeben.

Erst löste der alte, 17 Jahre lang treu dienende Langschlitztoaster – danke, Philips, für so viele Jahre Toastfreude – mehrfach Elektrizitäts-Totalausfall im Haus aus (der Zusammenhang zwischen Toaster und Kurzschlüssen musste erstmal gefunden werden!), dann war mein Arbeitscomputer zum 4. Mal wegen des gleichen Fehlers in Reparatur bei dem wohl schlechtesten Dienstleister aller Zeiten (leider gab es in 130 Kilometern Umkreis keinen Original-Herstellersupport) und ich durfte mich sehr, sehr viele Stunden mit verzweifelten Telefon-Supportern auseinandersetzen bis ich den Sub-Dienstleister endlich schachmatt gesetzt hatte (dann dauerte die Reparatur auch nur noch 4 Wochen) und jüngst ließ mich meine alte Automöhre gleich mehrfach im Stich, mal mitten in der tiefsten Pampa in der Dunkelheit einer Landstraße, die nicht mal Google Maps zu orten vermochte, mal im eisigen Schneeregen des Spätnovembers.

Dazwischen die herzschlaglähmenden Anschläge auf Paris und auf meine persönliche wie auch unser aller Freiheit, omnipräsenter Terrorismus, tief empfundene Staatstrauer und in der ganzen leidlichen Suppe hochkochende Emotionen. Merkt ihr wie ich nach Luft schnappen muss, allein beim Niederschreiben dieser Ereignisse? Sie haben viel Kraft gekostet, viele Sorgen bereitet, viele traurige Gespräche, viele energieraubende Gefühlsausbrüche nach sich gezogen und mich vor allem eine ganze Weile sprachlos gemacht. Trotz meiner sonstigen Plapperfreude. Muss ich mehr erzählen? Nein? Vielleicht doch. Schließlich war ich lange genug still.

Doch inmitten all dieser kleineren und größeren Dramen meines Mikro- und Makro-Universums haben sich immer wieder viele kleine Wunder aufgetan.

Hoffnung keimte nach jedem Niederschlag wieder schnell aus dem Boden, genau dort wo sich für einen Moment die Hoffnungslosigkeit auszubreiten versuchte. Franzosen, die aus der Scheußlichkeit des Terrorismus eine Solidarität, trotzige Lebensfreude und tiefempfundene Gegenseitigkeit erwachsen ließen wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe – noch bevor die ersten 24 Stunden nach den Anschlägen auf Paris verstrichen waren. Menschen aus aller Welt, die daran Anteil nahmen und nach Wegen und Möglichkeiten suchten ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verleihen. Besorgte Fremde und Helfer, als mein Motor mitten auf der einspurigen Landstraße ausfiel, ohne Möglichkeit am Wegesrand zu stehen. Abschleppdienstfahrer, mit denen man sich herrlich über die Sternegastronomie der Region unterhalten konnte. Fantastische Mitfahrgelegenheiten, die auf einmal der Abschlepptragödie Sinn gaben, weil ich diese Menschen wahrscheinlich sonst niemalsnie getroffen hätte. Motivierende Geschäftskontakte, die jahrelang heimlich gehegte Wunschprojekte an mich herantrugen und gerade in dem Moment, als ich schmerzvoll dazu ausholen wollte, dass ich sie momentan wegen ausgefallenem Rechner nicht annehmen könnte, hinzufügten: „Abgabe ist erst in ein paar Monaten“. Fast so, als hätten sie gewusst, was los ist.

Und dann noch ein neuer Lieblingsbäcker, der den Langschlitztoasterverlust erträglich machte. Was ein Glück!

Nennt es Ressentiment, unverbesserlichen Optimismus oder vielleicht auch einfach nur Gleichgewicht der Welt: aber jedes Mal, wenn etwas Schlimmes geschah, stellte sich kurz danach etwas Gutes ein. Es gab also einfach keinen Grund zu Verzweifeln und schon erst recht keinen zum Aufgeben. Diese Achterbahn der vergangenen Wochen wollte nicht enden und hatte auch keine Notbremse, also schrie ich mal laut vor Freude und schwieg mal stumm vor Wut, Trauer und das Gesause durch die Welt, aber wollte einfach keine Worte dafür finden.

Der letzte Artikel, der am Freitagabend der Anschläge für euch veröffentlicht werden sollte, blieb so stumm hängen wie ich und der Rest der geschockten Welt. Auch das RECETTE DU WEEK-END NOVEMBRE habe ich in diesem Monat schweren Herzens geopfert – nicht weil es mit dem Toaster zubereitet werden sollte, in Frankreich noch immer Ausnahmezustand angeordnet ist oder weil der Rechner erst seit Kurzem zurück ist, sondern weil ich das ganze Auf und Ab erstmal verdauen musste und darüber lieber den ein oder anderen Wein mehr trank anstatt zu kochen.

Trinken? Gutes Stichwort.

Denn ich habe glatt was vergessen in meiner Aufzählung. Anfang des Monats veranstaltete ich nämlich wieder eine Soirée Champagne und habe dabei einen ganzen Abend lang einer genussfreudigen Runde die Kunst der Assemblage in vielen Schlucken einer herrlichen Winzerchampagner-Auswahl nähergebracht. Dass mir dabei so unerwartet viele Menschen gute 5 Stunden lang mit gebannten Augen und Ohren sowie größtmöglicher Konzentration folgten, hätte ich vorher nicht vermutet bei dieser Gruppengröße. Zwischendurch wurden schon besorgt Wassergläser angereicht, weil man befürchtete, ich könnte bei soviel ununterbrochenem Sprechen irgendwann meine Stimme verlieren. Doch die kleinen Champagnerschlucke, die ich mir selbst als Moderatorin erlauben durfte, ölten die Kehle besser als jedes Wasser. Wenn euch interessiert, was dort sonst noch geschah, könnt ihr hier Video und Artikel zur Soirée Champagne finden.

Der Abend hat mich auf jeden Fall bestärkt im nächsten Jahr noch mehr Events zu planen. Termine für zwei weitere Genusseminar-Wochenenden im Rahmen des Atelier Culinaire en Champagne (ein Wochenende in deutscher, eines auf beharrliche Nachfragen in englischer Sprache) stehen bereits fest und sind buchbar. Weitere Genussevents 2016 sind nun hochmotiviert in Enstehung und Planung.

À propos Planung. Während ich das RECETTE DU WEEK-END NOVEMBRE über den Haufen geworfen habe und mich über das Hopplahopp dieser Welt ausschwieg, saß ich natürlich nicht in Dauermeditation untätig herum und bemitleidete mich selbst. Sondern ich habe versucht alle verbliebene Energie nach vorne zu lenken. Weiter Richtung Dezember. Nein, Herr November, hier gibt es nichts mehr zu sehen.

Bitte packen Sie Ihre elende Sensationsgier ein und gehen Sie jetzt weiter!

Dorthin, wo das Drama endlich sein Ende finden wird und klein bei geben muss (Hast du gehört, Drama? Ich sagte „Ende“!) weil endlich wieder andere Zeiten anrollen und alles besser – ach, sagen wir einfach: richtig gut wird. Im Dezember, so habe ich mir fest und unverrückbar vorgenommen, wird all das, was zwischendurch ausfallen musste, stattfinden. Da gibt es keinen Zweifel.

Ich werde das langanhaltende Schweigen ins Gegenteil umkehren und euch so entzückend unterhaltsam auf den Geist gehen, wie es nur in meiner (technischen) Macht steht.

Ein kunterbuntes Genussallerlei nur für euch.

Denn ich freue mich nach all den aufreibenden Ereignissen auf mein erstes Weihnachten und mein erstes Silvester in Frankreich wie ein kleines Kind auf den Trampolin. Ich will endlich wieder genießen, staunen, entdecken, feiern, den Wundern der Welt danken und mit meinen Liebsten und mit euch das Leben zelebrieren. Deshalb gibt es im Dezember viel Bewegung bei GenussSucht, mit allerlei Genussideen, Anekdoten, Tipps für stressfreie Weihnachtsvorbereitungen und … ach, lasst euch einfach überraschen!

Wir lesen uns im Dezember. Bis dahin muss ich diesen nervigen Sensationsgeier November noch aus dem Weg räumen.

À très bientôt, ihr treuen Genussfreunde.

 

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2 Comments

  • Reply Marja 26. November 2015 at 22:56

    Chère Madame S,

    Von Herzen liebe Grüße in den Süd-Westen. Ich freue mich einmal wieder über die berührenden Worte.
    Beste Wünsche für ein besseres Technik-Karma. Voller Vorfreude und Dank
    Deine Marja

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 27. November 2015 at 00:32

      Danke, liebe Marja. Das bedeutet mir viel.
      Bis ganz bald wieder!

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