REZEPTE

Wettlauf gegen den Hunger

4. Februar 2013
Genuss_sucht_Wettlauf gegen den Hunger

Manchmal muss es schnell gehen. V-e-r-d-a-m-m-t-s-c-h-n-e-l-l. Weil der Tag weggelaufen ist, die Zeit knapp und der Hunger exorbitant groß. Wenn die Gier signalisiert, dass schon Nudelkochen eigentlich viel zu lange dauert, der Verstand sich sträubt, den Lieferservice zu beauftragen und der Hunger eben doch Lust auf Pasta hat, dann muss es eben eine Pasta werden, die keine einzige Sekunde länger als das Nudelkochen dauert.

Großen Nudeltopf aufgesetzt, den Regler bis zum Anschlag aufgedreht. Es bleiben ab sofort keine 11 Minuten Zeit. 3 Minuten bis das Wasser kocht, 8 Minuten bis meine Wunschspaghetti al dente sind. Da ich leider nicht der Nudeln-mit-Butter-Typ bin (was wünschte ich heute, das wäre anders!), muss noch schnell eine Idee zur Pastasauce her. Alles Tomatige fällt raus, da habe ich heute keine Lust drauf. Ich reiße den Kühlschrank mit solch hungriger Energie auf, dass mir fast die Flaschen aus der Tür entgegen fallen. Während die Augen bereits den Kühlschrankinhalt scannen, greifen die Hände reflexartig nach den klirrenden Flaschen – alles gerettet. Obst- und Gemüseschale auf, schneller Suchblick, die Idee ist geboren.

Eigentlich hatte ich den wunderhübschen Radicchio Rosso di Treviso Tardivo vom Markt mitgenommen um ihn noch roh zu fotografieren. Denn in der Auslage war er ein Prachtexemplar. Allerdings hab ich das mit dem Fotografieren noch nicht geschafft. Und nun kam mir der bestialische, besitzergreifende Hunger zwischen das Fotoglück geschlichen. Es dauert keine 10 Sekunden bis der Kühlschrank wieder zuknallt, abermals mit klirrenden Flaschen, und was danach folgt ist reinste Routine. Noch bevor die ersten Bläschen am Nudelwassertopfgrund erkennbar sind, habe ich schon ein Brett und das große Kochmesser zum Einsatz gebracht. Der Radicchio Rosso di Treviso Tardivo hat im Gegensatz zum normalen Radicchio dünne lange Stiele mit weißen Rippen und dunkelroten Rändern.

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Unter fließendem Wasser ist er schnell abgespült, mit kräftigem Rütteln abgetropft und mit einem einzigen Schnitt entstrunkt. Die langen Stiele fällen blättrig und einzeln auseinander und sind umgehend einsatzbereit. In einer Pfanne brate ich sie bei höchste Hitze zischend an bis sie leicht angeröstet sind und tollen, herben Duft verbreiten, lösche sie mit einem Schuss Rotwein, dem frisch gepressten Saft einer Orange und einem Esslöffel alten Balsamicos ab und gebe noch zwei Teelöffel holzig-kräftigen Kastanienhonig hinzu. Als das Nudelwasser endlich fröhlich blubbert und ich die Spaghetti hineinwerfe, fällt mir noch ein Rest bereits gebratenes Roastbeef vom Vortag ein. Großartige Idee. Ich schneide es fein auf. In der Pfanne lasse ich den Radicchio Rosso di Treviso Tardivo bei niedriger Hitze weitergaren bis der Rotwein-Orangen-Honig-Sud etwas einreduziert, dann werfe ich die feinen Roastbeefscheiben hinzu und lasse sie sanft warm werden bis die Spaghetti fertig sind. Zwei Teelöffel Crème Fraîche in die Sauce gerührt, verbindet sich alles zu einer cremig orangigen Sauce. Und dann halte ich ganz entspannt mein eigenes Versprechen.

Als ich die erste Spaghetti-Probe mache und den Nudeln noch 1 Minute einräume, bleibt sogar noch Zeit, die Spülmaschine schnell einzuräumen um die Küche von Brettern, Messern, Probierlöffeln zu befreien und der Katze einen Napf Futter vorzubereiten. Kaum sind die Nudeln auf den Punkt gegart, ist alles fertig. Ich gieße sie ab, kippe den dampfenden Siebinhalt in die warme Sauce, schwenke kurz alles durch, lasse es auf den Teller gleiten. Fertig.

11 Minuten nachdem Hunger und Verstand gegen die Gier siegten, halte ich einen Teller mit sensationeller Pasta in der Hand. Nicht nur einer Aglio e Olio, sondern ein echtes Pasta-Gericht. Den Bruchteil einer Sekunde lang tut es mir unglaublich leid, mein Fotomodell sofort aufessen zu müssen, ohne es seinem Bestimmungszweck zuzuführen, aber als ich noch auf dem Weg zum Tisch die erste Gabe in den Spaghetti drehe und sie zum Mund führe, bevor ich sitze, da ist jegliches Bereuen sofort vergessen. Denn eines ist sofort klar: das wird wieder gemacht. Bald, ganz bald.

Wie ihr sehen könnt, war bald schon wenige Tage und nur einen Marktbesuch später. Diesmal konnte ich mich im Zaum halten, bis der Radicchio Rosso di Treviso Tardivo ein neues Passfoto und ich ein Andenken an seinen Geschmack hatte. Denn wenn schon viel zu bald wieder seine Saison vorbei ist, werde ich wohl lange ohne ihn ausharren müssen. Normaler Radicchio ist kein ehrwürdiger Ersatz. Denn die Süße und Milde sind seine Vorzüge im Gegensatz zum rundköpfigen Bruder. Es ist eben ein bisschen wie mit jeder kulinarischen Saison-Affäre: Erst ihre zeitliche Begrenzung macht sie zu etwas wirklich Außergewöhnlichem.

Ich wünsche euch eine entspannte Woche.
Und eine aufregende Saison-Affäre – welche auch immer es bei euch sein mag.

 

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SPAGHETTI MIT RADICCHIO ROSSO TREVISO TARDIVO IN ROTWEIN-ORANGEN-KASTANIENHONIG-SAUCE

Zutaten für 2 hungrige Menschen:
250 g Spaghetti
1 Radicchio Rosso di Treviso Tardivo (alternativ eine andere Sorte Stangen-Radicchio)
Saft von 1 Orange
50 ml Rotwein (trocken)
2 TL Kastanienhonig
1 EL alter Balsamico
2 TL Crème Fraîche

Für die nicht-vegetarische Variante bei Bedarf noch:
150 g Rinderlende / Roastbeef (schon gebraten und in feine Scheiben aufgeschnitten)

Und wer nicht auf den obligatorischen Käse auf den Nudeln verzichten mag:
ein Stück Scamorza (geräucherter Mozzarella)

Und so wird’s gemacht:

Nudelwasser mit einer ordentlichen Prise Salz aufsetzen, zum Kochen bringen und Nudeln.

In der Zwischenzeit den Radicchio Rosso di Treviso Tardivo unter fließendem Wasser abspülen und mit einem Küchenhandtuch ummantelt kurz trocken schütteln. Die Wurzel ca. 5 cm vom Ende abschneiden, sodass der gesamte Strunk entfernt ist. Dann sollten alle Blätter auseinander fallen. Ggf. noch den inneren Strunk ein bisschen herausschneiden.

Eine Pfanne mit 2 EL Olivenhöl auf höchster Stufe erhitzen. Sobald leichter (!) Rauch entsteht, den Radicchio Rosso di Treviso Tardivo hineinwerfen und kräftig rundum anbraten (immer wieder wenden). Nach ca. 2 Minuten mit Rotwein und Orangensaft ablöschen, Honig und Balsamico hinzugeben und auf sanfte Hitze herunterschalten. Kräftig salzen und pfeffern. Den Radicchio Rosso di Treviso Tardivo so langsam weiterköcheln lassen. Gegen Ende der Nudelgarzeit noch die Crème Fraîche, gut einrühren und ggf. noch die Fleischstreifen zur Sauce geben und erhitzen. Nudeln abgießen und sofort in die Sauce geben. Alles gut durchschwenken, evtl. noch etwas Scamorza grob darüber reiben und sofort servieren.

Bon Appétit!

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3 Comments

  • Reply Franzi 4. Oktober 2014 at 20:35

    So, melde Vollzug.
    Habe anstatt Roast Beef einen Tag altes Pulled Pork genommen, was auch seeeehr lecker war.
    Das koche ich bestimmt wieder.

    🙂

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 9. Oktober 2014 at 23:28

      Toll, dass es geschmeckt hat. Besonders toll, dass es wieder mal gekocht wird. À propos wieder mal kochen: Pulled Pork Appetit grummelt nun dank der Erwähnung im Bauch… 😉

  • Reply Elena 4. Februar 2013 at 18:26

    Mmmmh, klingt das gut! Muß ich demnächst ausprobieren; danke fürs Rezept.
    Und ich kann mir sehr gut den Gier-Faktor vorstellen 😉

    Liebe Grüße
    Elena

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