ALLTAGSKÜCHE ESSEN REZEPTE

Weiche Landung

3. Juli 2012
Genuss_sucht_Weiche Landung

Die Orangenblüten-Erinnerungswolke ist weich gelandet. Ich bin wieder mit den Gedanken im Hier angekommen, verarbeite noch immer nacheinander meine vielschichtigen Erfahrungen in Lyon und finde dabei aber wieder zu meiner Ruhe und Gelassenheit zurück, die mich Projekte vorantreiben und neue Ideen finden sowie ausprobieren lassen.

Für mich gibt es keine meditivere Arbeit als das Kochen und Backen. Wenn ich bereit bin für Ruhe und echte Gemütlichkeit, dann endet es in der Regel im Kochen toller Dinge. Das Schneiden, Zubereiten, Rühren und vor allem das Abschmecken und Kombinieren verschiedener Geschmacksnuancen entfernen meine Gedanken von allem, was man sonst denkt oder denken müsste. Pflichten, Erledigungen, Sorgen und Diskussionen treten in weite Ferne und bleiben außerhalb der Küche. Wenn ich koche, koche ich (das schließt das Backen ein). Jedenfalls wenn ich dort allein bin. Ich mag die Konzentration, die damit einher geht, den Fokus auf das Jetzt, das sich ausbreitende Chaos um mich herum, das einen übergeordneten Sinn hat. Die Zeit steht dann ganz still – egal wie oft der Timer Countdowns herunter piept.

Ganz anders gestaltet sich die Küchenarbeit, wenn ich Besuch in meinem Kochrefugium habe. Ich mag es gerne wenn Menschen in meiner Küche sitzen, mit einem Glas Wein in der Hand, und vielen Worten, mit denen sie den Raum schmücken. Große Sensationen kann ich derweil aber nicht zusammenbringen, weil meine Aufmerksamkeit zu sehr bei meinem geschätzten Gästen ist und ich nebenbei mehr einstudiert als innovativ zugange bin. Es ist toll, wenn sie dabei einige vorbereitende Aufgaben übernehmen, ein bisschen waschen und schnipseln – aber mehr dürfen sie in der Regel nicht tun, weil ich sonst die Konzentration komplett verliere. Sinne lassen sich schlecht aufteilen. Deshalb ist das Kochen mit Freunden für mich eher ein gemeinschaftlicher Akt zu einem leckeren Essen, als die Spielweise für neue Kreationen.

Diese Woche habe ich meine Sinne lieber gänzlich für mich behalten und die erwähnten Ideen in die Tat umgesetzt, umgeben von regnerischen, gewittrigen und bewölkten Tagen. Die Schieflage meiner postkulinarischen Laune in der Zeit nach der Rückkehr fand nach einigen Tagen der Anspannung endlich seine Entspannung wieder im Kochen und Backen. Meine Gedanken hingen ständig beim Brotbacken und Grillen – ausgerechnet die beiden einzigen Dinge, die meine Wohnung so überhaupt nicht hergibt, weil ich weder einen vernünftigen Bäckerei-Ofen noch eine Terrasse habe. Doch die Gute-Laune-Tage mit dem Chef de Boulangerie hatten sich eingeprägt und ich wollte unbedingt ein Stück französisches Brot in den Händen halten und dessen zarte Krümel über meine Zunge tanzen lassen.

[flickr id=“7490361126″ thumbnail=“medium_640″ overlay=“true“ size=“medium_640″ group=““ align=“none“]

 

Als ich skeptisch meinen wirklich alten und dazu sehr zickigen Ofen, der von Umluft noch nie etwas gehört hat und dabei auch noch seine Unterhitze stets stärker regelt als die Oberhitze, näher in Augenschein nahm, triumphierte glücklicherweise meine Starrsinnigkeit über die Unvertrauenswürdigkeit des Altgeräts. Den Siegeswillen im Genick, suchte ich zumindest ein verträgliches Brot für das kleine Temperaturspektrum meines Ofens heraus, der im sonst üblichen Brotbackbereich von 250 bis 300 Grad einfach nicht mithalten kann. Eine Entscheidung für das französische Pain au lait – das Milchbrötchen, das abhängig von seinem Gelingen im besagten Ofen über Grillen oder Nichtgrillen am nächsten Tag entscheiden sollte.

Einige „Ommms“ und Teig-Ruhepausen später hatten sich meine Gedanken schon längst von der Möglichkeit des Nichtgelingens gelöst und ich war mir sehr sicher, das die Brötchen sehr gut werden würden. Denn der Teig fühlte sich an wie die Tage mit dem vor mir und meinen Kurskameraden gerne Moonwalk-tanzenden Chef de Boulangerie: glatt wie eine Tanzschuh-Sohle und elastisch-beschwingt wie eine Tänzerhüfte. Es würde köstlich werden! Der Ofen hatte am Ende keine Chance gegen mich und mein meditatives Küchen-Omm und gab als Abschluss des Meditationskurses fehlerfreie, wunderbar gleichmäßige und aromatische Milchbrötchen her. Irgendwo in der Wolke des Brotdufts und den Mehlspuren, die ich in der ganzen Küche verteilt hatte, fand ich dann endgültig meine Entspannung wieder. Tollster Nebeneffekt: Meine Grillideen konnten in Angriff genommen werden (davon berichte ich im nächsten Post). Aber erstmal musste ein wunderbares Marmeladenbrötchen gegessen werden. Milchbrötchen mit Quark und selbstgekochter Himbeer-Johannisbeer-Ingwer-Rosmarin-Samtmarmelade. Die wunderbare Fortsetzung einer Milchbrötchenliebe.

[flickr id=“7493944204″ thumbnail=“medium_640″ overlay=“true“ size=“small_320″ group=““ align=“none“]

 

FLUFFIGE MILCHBRÖTCHEN
(wunderbar als samtig-weiche Frühstücksbrötchen oder als Burger Buns)

Für ca. 12 – 16 Brötchen:

500 g Mehl (Type 550)
10 g Salz
20 g Zucker
10 g frische Hefe
100 g Butter (auf Zimmertemperatur)
300 g Milch
optional: getrocknete Kräuter, Mohn oder Sesam zum Bestreuen

Alle Zutaten mit einer Küchenmaschine bei kleiner Geschwindigkeits-Stufe ca. 5 Minuten kneten. Wenn sich daraus schon ein homogener Teig gebildet hat, noch einmal ca. 5 Minuten bei höherer Stufe durchkneten. Der Teig sollte sich schon vom Schüsselrand getrennt und sich zu einer Kugel geformt haben. Die Teigkugel mit Folie abdecken und 30 Minuten ruhen lassen. Danach die Kugel je nach gewünschte Größe in ca. 12 – 16 gleich große Stücke teilen. Die Stücke jeweils zu gleichmäßigen Kugeln rollen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech legen. Für Burger Buns die Kugeln noch etwas flach drücken auf den gewünschten Durchmesser. Nochmals mit Folie abdecken und 1 Stunde bei Zimmertemperatur gehen lassen.

Ofen auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen. Ein Küchentuch mit Wasser tränken und bereit legen. Die Kräuter, Mohn oder Sesam auf einen tiefen Teller geben. Dann die Brötchen mit einer Seite über das nasse Tuch rollen und anschließend in dem gewünschten Topping. Mit einem Pinsel jeweils etwas Wasser auf die getrockneten Kräuter geben, damit sie nicht so schnell verbrennen. Blech in den Ofen geben und ca. 15 Minuten backen. Dabei gut im Blick behalten und bei der gewünschten Bräunungsstufe herausnehmen.

[flickr id=“7493943910″ thumbnail=“medium_640″ overlay=“true“ size=“medium_640″ group=““ align=“none“]

 

 

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Gutburgerlich. | Genusssucht 6. Mai 2013 at 21:47

    […] Burger Buns in entsprechender Anzahl (z. B. selbstgemacht nach meinem Rezept für Milchbrötchen) […]

  • Reply Gutburgerlich - Ein Genusssucht Rezept für Tomatenburger und Pimiento-Burger | Genusssucht 5. Juli 2012 at 17:32

    […] Post navigation ← Weiche Landung […]

  • Leave a Reply

    Ausrechnen, eintippen und dann absenden. * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

    Genuss bringt Menschen zusammen.
    Du willst mehr kulinarische Anekdoten und Rezepte? Dann trage dich für den Newsletter ein. Als Dankeschön erhältst du ein RECETTE DU WEEK-END mit allen Genussextras.