ESSEN REZEPTE

Spektakulär unspektakulär.

21. April 2012
Genuss_sucht_Spektakulär unspektakulär

 

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Ein Samstag voll spektakulärem Unspektakulärsein war das heute. Denn zwischen einiger Arbeit erledigte ich zuhause ein bisschen von Allem. Geschenke wurden verpackt, Dinge organisiert, Kurztelefonate geführt, Hausarbeit verrichtet, Termine vereinbart, viel recherchiert und dann auch noch gekocht und fotografiert. Mitten in diesem Einbisschenvonallem unterbrach mich am Nachmittag der Paketmann mit hektischem Klingeln und reichte mir schlecht gelaunt und ächzend ein kleines Paket entgegen, dessen Gewicht keinesfalls ächzenswert war. Einen skeptischen Blick, ein kopfschüttelndes Türschließen und ein brachiales Aufreißgeräusch später hielt ich in Händen, was das erste Stück meiner heute eingerichteten Lyon-Sammelkiste werden sollte: ein federleichtes (jawohl, lieber Paketmann, federleicht!) Ethernet-Kabel mit Sonderklinke, wie es im Hotel in Lyon eingesetzt werden kann, weil man dort noch nicht auf dem modernen WiFi Stand angekommen ist und auch noch auf Sonderklinken besteht. Spektakulär unspektakulär. Aber am Ende der Nabel zur großen Welt. Zu allen, die mir wichtig sind und allem anderen, was mir auch wichtig ist. Das Kabel von Lyon in mein kleines Universum.

Um noch einmal zu diesem Punkt zurück zu kommen: Ja, ich habe jetzt eine Sammelkiste. Eine, in die ich Dinge lege, die ich keinesfalls vergessen darf und jetzt schon entbehren kann. Weil mich das am Ende – kurz vor der Abreise – sicherer macht, nichts Essentielles vergessen zu haben. Und mich Paul dann nicht nachts höchstpersönlich nach Hamburg fahren muss während mich Weinkrämpfe schütteln, nur weil ich Lebensnotwendiges vergessen habe. Meine Eltern wissen, wovon ich rede. Wenn der Bär nicht da ist, dann musste früher eben, völlig egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, der Bär gesucht werden. Zuhause und draußen. Ja, auch nachts im unbeleuchteten Schrebergarten, wenn es die Umstände erforderten. Bis das Kind aufhörte zu heulen. Die Kiste ist also nur zum Schutz von Paul. Damit der betagte Küchengott durchschlafen kann (Paul, nicht ich) und ich in Lyon bleibe um auch Küchengöttin zu werden.

Zum Internetkabel gesellt sich deshalb jetzt auch schon mein grundnötiges Espressokännchen (das Apartment verfügt nur über eine Filterkaffeemaschine, die während meiner Anwesenheit die Situation wohl eher vom hintersten Eck des Küchenschranks aus beobachten werden darf) und des Weiteren das Not-Mini-Stativ für meine Kamera sowie die kleine Digicam zum Stetseinsatzbereitsein. Schließlich werde ich nicht jeden Tag mit vollem Foto-Equipment-Rucksack in die Großküche anreisen. Dort muss ja noch genug Platz für Messersammlung, allerlei Küchengerätschaft, tote Tiere aller Art und für fantastischste Köstlichkeiten bleiben. Fotografieren will ich aber trotzdem, was ich dort verun- als auch veranstalte. Nicht nur meine Enkel sollen irgendwann mal darüber lachen können. Sondern auch ihr.

Und auf einmal ist alles so nah.

Heute in genau zwei Wochen werde ich das erste Mal in Lyon aufgewacht sein, werde das erste Mal eine Idee davon bekommen, wie es sich anfühlt, andenkt, anfasst, wenn man nicht nur angekommen, sondern aufgewacht ist und auch nicht in wenigen Tagen wieder abreisen, sondern noch viele weitere Wochen bleiben wird.

Ich frage mich, ob ich mit Argwöhnen die anderen Bewohner des Apartment Hotels beobachten werde um herauszufinden, wer davon mit mir in den kommenden zwei Monaten am Institut Paul Bocuse um die Wette eifern, lernen, schneiden, würzen, abschmecken, hysterisch lachen und nahe den Frusttränen stehen wird. Ob man es ihnen wohl ansieht, diesen gleichgesinnten Menschen, und sie vielleicht von innen heraus strahlen wie ich zur Zeit. Oder ich sie im ungünstigsten Fall für die unsympathischsten Touris halte, die diese Welt je gesehen hat. Alles ist ungewiss. Nur eins nicht: In zwei Wochen bin ich nicht nur dort, sondern da. Sehr da. Lange da. Sehr lange da.

Bis dahin bilde ich mich jedoch noch in der lückenlosen Restevernichtung aus. Jeder Überlebenstrainer hätte seine wahre Freude an meinen Vorräten. Ich bin nicht nur für die empfohlenen 3 Krisen-Wochen bevorratet, sondern für ein komplettes Krisenjahr. Dafür musste ich weder Überlebensliteratur noch Weltuntergangsthesen studieren. Seit 2 Wochen esse ich nun nur noch Reste, zwinge mich unter wirklich unmenschlichen Anstrengungen dazu, nicht auf den Markt zu gehen kaufe nur noch frisches Beiwerk wie Milch, Obst und Gemüse. Im Tiefkühlfach warten, trotz wirklich großer Bemühungen in den vergangenen Monaten, noch einige Fische, 16 Jakobsmuscheln, ein Kaninchenrücken, Lammhack und Lammfond, Rinderhack, eingefrorenes Brot und einge andere Dinge auf den Verzehr. Ich könnte in einer Krise wirklich verdammt gut leben aus diesen 4 Schubladen. Die Krise ist nur, dass die Schubladen nie für den Fall einer Krise gefüllt wurden und vor allem: gar keine Krise ist – und ich den Tiefkühler einfach nur vor Lyon gerne mal abtauen würde. Weil ich es mir wunderschön vorstelle, nach Lyon mit neuer Bevorratung und frischen Ideen neu durchzustarten.

Aus diesem Grund werdet ihr von mir in den nächsten zwei Wochen weiterhin nur Verwertungsrezepte erhalten. Weil mir andere Zutaten nicht erlaubt sind. Sonst gebe ich mir selbst Hausarrest, jawohl! Glücklicher Nebeneffekt ist, dass so der Spannungsbogen bis Lyon gewahrt wird und meine Lernkurve dann umso größer erscheint, weil ich hier vorher nur einfachstes Küchenhandwerk präsentierte. Angeben ist nicht mein Ziel, könnte es aber noch werden! Gar nicht so doof, wäre das Resteverwerten bloß eine Strategie und keine Notwendigkeit.

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Während die Tage meine Gedanken zerstreuen, die in wellenähnlichen Bewegungen von meiner Aufgeregtheit umspült werden, brachte das Tiefkühlfach gestern noch Fischfilets meines Filetierkurses zu Tage. Eine wunderbare Freundin bekam das (nein, ich hatte im gestrigen Kontext nicht darüber nachgedacht, erst jetzt fällt es mir auf:) fast schon traditionelle Freitagsrisotto. Diesmal handelte es sich um ein Fenchel-Zucchini-Risotto, getoppt von gefenchelten Filets der Rotzunge. Drei Filets blieben übrig. Nachdem im Gemüsefach des Kühlschranks noch eine einsame Süßkartoffel auf ihren Einsatz wartete, schmiedete ich kurzschlussähnlich Pfannenpläne, die in einem aufregenderen Abendessen endeten, als es die sprühenden Funken zu Beginn erhoffen ließen. So gut und so einfach war es, dass ein Rezept und ein Foto dabei raussprangen, ohne dass es irgendwie Mühe machte. So leicht und frisch und doch ein vollständiges Mahl. Eines, dass trotz sehr weniger Zutaten ohne Beiwerk, ohne Vorspeise oder Dessert auskam. Erst Stunden später sitze ich hier, bei einem Glas (naja gut, zugegebenermaßen ist es schon das zweite) Rotwein und ein paar Stücken Valrhona Lieblingsschokolade. Der Tag geht zu Ende. Spektakulär unspektakulär. Ganz ohne Höhe, aber trotzdem mit vielen Punkten.

Gute Nacht.

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SÜSSKARTOFFELSCHEIBEN MIT ROTZUNGE UND THYMIAN-ZITRONEN-HONIG-DRESSING

Zutaten für 2 Personen:

Butter oder Butterschmalz zum Braten
Filets von 2 ganzen Rotzungen (auch Limande genannt)
3 TL Fenchelsaat
Pfeffer
2 – 3 Süßkartoffeln (je nach Größe)

Für das Dressing:
1/2 Bund glatte Petersilie
2 EL Thymian-Olivenöl (z.B. von Villa Masecri „Olivenöl mit Thymian-Öl, s. weiter unten)
6 EL frisch gepresster Zitronensaft (ca. 1 Zitrone)
1 TL Honig
Salz

Vorbereitungen:

Fisch abwaschen und trockentupfen. Fenchelsaat mit dem Mörser fein zermahlen. Fischfilets mit Fenchelpulver und ein bisschen Pfeffer von beiden Seiten einreiben. Petersilie sehr fein hacken. Zitrone auspressen. Süßkartoffeln schälen und mit einem Hobel in ca. 3 mm dünne Scheiben hobeln. (Ja, ich schrieb hobeln und meine das auch so. Wenn ihr keinen verstellbaren Hobel habt, dann versucht es mit einer Brotmaschine, falls vorhanden. Die Scheiben sollten unbedingt gerade geschnitten sein, damit sie in der Pfanne plan aufliegen. Falls ihr keinen Hobel habt, schneidet lieber kleine Würfel mit ca. 1 cm Kantenlänge).

Und los geht’s:

Olivenöl mit Petersilie, Zitronensaft, Honig und einer kleinen Prise Salz zu einem Dressing verrühren. Beiseite stellen.

Ein große beschichtete Pfanne erhitzen und 1 TL Butter oder Butterschmalz darin schmelzen. Die Süßkartoffel-Scheiben in einer Schicht einlegen und bei mittlerer Hitze langsam braten bis sie gar sind. Mehrfach wenden. Sie sollen leicht anbräunen, aber nicht zu kross werden. Heraus nehmen, kurz auf Küchenkrepp legen und danach warm halten (z. B. auf einem Teller im leicht warmen Ofen). Die weiteren Süßkartoffel-Scheiben braten, ggf. noch etwas Butter bzw. Butterschmalz nachgeben.

Erst wenn alle Süßkartoffelscheiben gar sind, die Hitze etwas höher drehen, einen halben TL Butter hinein geben und dann die Fischfilets hineinlegen. Ca. 1 Minute von einer Seite braten lassen, dann vorsichtig wenden und nur noch ca. 30 Sekunden garen lassen. Von der Platte nehmen.

Süßkartoffeln auf dem Teller anrichten, Fischfilets daruaf geben und ein paar Löffel des Dressings darüber geben.

Bon appétit!

Abschließend noch Infos zum Öl:
Das Oliven-Thymian-Öl ist mein absolutes Lieblingsöl. Es schmeckt frisch-zitronig, blumig-kräuterig und kräftig zugleich und ist das perfekte Öl für Thymian-Junkies wie mich. Da es für dieses Gericht ein wichtiger Geschmackbestandteil ist, solltet ihr es nicht einfach mit irgendeinem anderen aromatisierten Öl ersetzen. Falls ihr es nicht bekommt, dann mörsert einfach ein paar Zweige frischen Thymians in kräftiger Handarbeit zusammen mit einem kräftigen Schuss sehr guten Olivenöls, um einen ähnlich intensiven Geschmack zu erhalten.

Weil es so gut ist und der Produzent auch viele andere köstliche Öle hat, die ich schon fast alle mal auf einer Messe probieren durfte, möchte ich ihn auch weiterempfehlen: Villa Masecri ist in den FrischeParadiesen verschiedener Großstädte erhältlich, bei Feinkost Käfer, bei Mutterland oder bei vielen Edekas in Hamburg.

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