ESSEN

Sommeranfang

25. Mai 2014
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Habt ihr heute schon aus dem Fenster geschaut? Es ist Sommer! Ein kleines bisschen schon. Das schwermütige deutsche Wetter spielt vielleicht noch nicht immer ganz zuverlässig mit, aber das macht gar nichts.

Lasst uns einfach die Augen schließen – und spätestens dann kitzelt die Sonne unsere Gesichter und warmer Sommerwind streicht durch unser Haar. Riecht ihr die salzschwangere Luft des Meeres und hört das Ächzen des Ventilators, der fleißig seine Runden dreht? Na also, ich sag’s doch: Es ist Sommer.

Was mich da so sicher macht? Das verrate ich gern. Besonders gern, weil ich auf zahlreiche Unterstützung hoffe. Heute wird gefeilscht. Wie auf allen Märkten, über die ich regelmäßig mit immer größer werdenden Taschen schlendere.

Du und ich, wir zwei machen ein kleines Tauschgeschäft. Ich erzähle eine Geschichte vom Sommeranfang und Du hilfst mir dabei, dass ich noch mehr Geschichten erzählen kann. Wie das gehen soll? Dazu komme ich noch. Aber nun erstmal zurück zum eindeutigen Indiz, das mir verriet, dass der Sommer gerade begonnen hat.

Ich schlenderte über den Markt. In Cotignac, einem der schönsten Dörfer des Var, im Herzen der so genannten Provence Verte. Mit weit geöffneten Entdeckeraugen und dem suchendem Blick nach dem Besonderen erforschte ich erstmalig diesen Markt. Warme Sonnenstrahlen durchfluteten die Straßen und fanden ihren Weg bis in die kleinsten Ecken des Place de la Mairie, der von alten, großblättrigen Bäumen überschattet wird.

Vorbei an riesigen Nougatblöcken, provencalischem Honig, hochgetürmten Charcuterie-Spezialitäten und Bergen von buntem Obst und Gemüse war ich im Findungsprozess für meine Tagesaufgabe. Für die Aktion Vive le Ziegenkäse galt es ein – Achtung, Überraschung! – Ziegenkäse-Rezept zu entwickeln, das sich im Contest mit Rezepten anderer Foodblogger behaupten würde.

Eine grobe Vorstellung trug ich bereits im Kopf mit mir herum, den großen Ziegenkäseappetit hingegen im Bauch. Meiner unglaublich strikten Konsequenz zum Dank kam es aber – wie auch sonst, wenn ich irgendeinen Plan schmiede – gänzlich anders.

Glücklicherweise hatte ich mir vorgenommen – wegen Sonne und andauernder Unentschlossenheit zwischen möglichen Reifestufen – den Ziegenkäse ohnehin zuletzt zu kaufen. Mein Blick schwirrte auf Inspiration hoffend umher, folgte französischen Gesprächen zwischen Markthändlern und ihren Kunden, erkundete farbenfrohe Obst- und Gemüsekisten, schlich sich heimlich in die kulinarischen Vorhaben fremder Einkaufskörbe.

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Geduldig in der Warteschlange eines Gemüsehändlers stehend, einen zusammengestellten Korb mit anderen Notwendigkeiten haltend, kam dann plötzlich der Sommer vorbei.

Während ich gedankenversunken auf mein ausgewähltes Gemüse geblickt hatte und derweil mit einem Ohr dem Gespräch zwischen der alten Dame vor mir und dem Gemüsemann lauschte, hatte sich Erfreuliches getan.

Als meine Augen aus dem Korb wieder auftauchten und sich auf den Lobeshymnen predigenden Mann richteten, hielten seine Hände zwei Pakete Sommer in der Hand und priesen diese gerade der alten Dame an: Zucchiniblüten.
Sonne! Sommer! Inspiration!

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Vor Wärme und Sonne geschützt ruhten die fragilen Blüten hinter dem Verkaufstisch in der Obhut des Markthändlers. Und warteten geduldig darauf, dass ich sie endlich finden würde. Welch Schätze.

In weniger als einem Bruchteil einer Sekunde waren meine vorher in Erwägung gezogenen Ziegenkäsepläne vollständig über den Haufen geworfen und durch eine neue, in Lichtgeschwindigkeit durchdachte Idee ersetzt.

Die letzten Meter zum Ziegenkäsestand flogen nur so dahin im Rausch der am Arm baumelnden ersten Zucchiniblüten dieses Jahres und meines provençalischen Sommers. Von einem lokalen Ziegenkäseproduzenten kaufte ich die saftigsten und frischesten Chèvre Frais ab, die mich anlachten. Ein Ziegenfrischkäse, der so jung ist, wie man sich fühlt, wenn man gerade seiner großen Zucchiniblütenliebe über den Weg gelaufen ist. Genau deshalb ergänzen sich diese beiden auch so wundervoll in ihrer Kombination.

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Der Ziegenfrischkäse ist die Einstiegsstufe der Ziegenvielfalt, die meist sogar noch von all denjenigen gegessen wird, die eigentlich behaupten keinen Ziegenkäse zu mögen.

Ich mag seine quarkige Cremigkeit, seine pastöse, noch feinkörnige Textur, die das feine Aroma und die frische Säurenote einbindet. Je nachdem, welches Exemplar man kauft, schwankt er irgendwo zwischen jugendlich frischem Quark und rahmigem Frischkäse. Je mehr Feuchtigkeit dieser junge Käse im folgenden Prozess verliert, umso fester wird seine Konsistenz und umso mehr reifen seine typischen Aromen aus.

Was so banal klingt, wird in Frankreich in höchster Kunst betrieben. Nicht nur 12 AOP geschützte Ziegenkäse haben hier ihre Heimat, sondern unzählige Chèvre Varianten mehr. Mal weich, mal fest, mal cremig, mal jung, mal gereift, mal veredelt. Ihre Formvielfalt muss unzählbar sein, sie tauchen in dicken Rollen, dünneren Stangen, Pyramiden, Quadraten, Rechtecken, Talern, Ovalen und allerlei anderen Formen sowie Größen auf.

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Der leichte, grün-salatig-schmeckende Biss des Zucchiniblütenblatts, die ganz sanft nach Aprikose und einem Hauch tieforanger Paprika schmeckenden Blütenspitzen, dazu die Frische, Jugendlichkeit und Säure des Ziegenfrischkäses, gepaart mit etwas feinem Estragon – so stellte ich mir mein Gericht vor.

Alle, die diese feinen Blüten regelmäßig der Unart des Panierens, Frittierens und Bratens ausliefern, schämen sich jetzt bitte sofort eine Runde. Es gehört sich einfach nicht, die ersten Sommerboten einfach in Fett auszubacken und ihnen dann im Nachhinein auch noch nachzusagen, sie schmeckten eigentlich nach kaum etwas. Wie soll so ein fragiles Wesen noch seinen Geschmack behalten, wenn man es durch brutzelndes Öl zieht?

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Der Sommer, und damit auch die Zucchiniblüte, ist leicht, filigran, knackig und erfrischend. So erfrischend leicht, dass er einfach auf einem grünen Süppchen schwimmt, das man sowohl warm als auch kalt essen kann – ganz nach Sommertag und Laune.

Es war ein großes Glück, diese Blüten auf dem Markt entdeckt zu haben. Nach und nach übermannen sie nun die Märkte, denn hier in Südfrankreich hat dank der Sonnenstunden die aufregende Sommergemüsesaison soeben begonnen.

Haltet Ausschau nach den ersten Blüten, wenn sie in Kürze bestimmt auch die deutschen Märkte in größeren Mengen auftauchen. Seid aufmerksam und wachsam, denn die Blüte dauert bekanntermaßen nicht sehr lang. Greift zu, solange sie erhältlich sind und lasst euch den Sommeranfang auf der Zunge zergehen.

Hier endet nun meine Geschichte.

Bevor es jetzt aber zum Essen und dem wunderbaren Rezept weitergeht, würde ich mich freuen, wenn ihr ab dem 2. Juni, wenn alle teilnehmenden Foodblogger ihre Rezepte veröffentlicht haben, für mein Rezept bei Vive le Ziegenkäse votet und eure Freunde auf facebook, Twitter, Pinterest oder sonstwo mobilisiert, auch ihr Stimmchen in die Suppenschale zu werfen.

Wenn ihr dann noch euren Teller aufesst, dann ist bald für alle Sommer. Versprochen.
Hoch und Heilig. Bei der Ehre des Ziegenkäses (und dass der mir viel bedeutet, wissen doch längst alle, oder?).

 

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ZUCCHINI-SÜPPCHEN MIT ZIEGENKÄSEGEFÜLLTEN ZUCCHINIBLÜTEN

 

Für 4 Sommerhungrige:

3 große Knoblauchzehen
2 Schalotten
6 mittelgroße, feste Zucchini
3-4 EL Olivenöl
250 ml aromatischer Gemüsefond
175 g Ziegenfrischkäse
Saft von 1/2 Limette
Saft 1/2 Orange
4 Zweige Estragon
8 Zucchiniblüten
1 TL Honig
1 TL heißes Wasser
1 TL Limettensaft (oder Zitronensaft)
Fleur de Sel
Weißer Pfeffer
etwas gehackter Estragon und Olivenöl zum Anrichten

Vorbereitung

Knoblauchzehen sowie Schalotten schälen und fein würfeln. Zucchini waschen, Enden abschneiden und in grobe Stücke schneiden.

Und so wird’s gemacht

Den Boden eines Topfes mit Olivenöl bedecken, erhitzen und Zwiebel und Knoblauch darin sanft anbraten, ohne Farbe nehmen zu lassen. Zucchiniwürfel hinzugeben und unter gelegentlichem Rühren 5 Minuten anschwitzen. Mit Gemüsefond ablöschen und 15 Minuten köcheln bis die Zucchini weich, aber nicht vollkommen matschig sind. Vom Herd nehmen, die abgezupften Estragonblätter eines Zweigs, Limetten- sowie Orangensaft zufügen und mit einem Pürierstab glattpürieren. 100 g des Ziegenfrischkäses grob zerbröckeln und untermixen. Die Suppe mit Fleur de Sel und Pfeffer kräftig abschmecken. (Für kalte Suppe sollte sie nun im Kühlschrank heruntergekühlt werden.)

Die grünen Teile der Zucchiniblüten vorsichtig mit etwas Wasser waschen und gut trockentupfen. Darauf achten, dass die gelben Blütenteile dabei nicht kaputt gehen und diese einfach mit einem trockenen Tuch von außen behutsam abrubbeln.

Den Honig in 1 EL heißem Wasser auflösen. Die restlichen 75 g Ziegenfrischkäse mit der Honiglösung und dem Limettensaft gut vermengen, mit Fleur de Sel und weißem Pfeffer abschmecken. Die Masse sollte feincremig, aber weder zu flüssig noch zu pastös sein. Von 2 Zweigen Estragon die Blätter abzupfen, fein hacken und in die Käsecreme rühren. Zum einfacheren Füllen der Zucchiniblüten die Masse in einen Spritzbeutel mit kleiner Öffnung geben (oder einen Gefrierbeutel, von welchem man eine feine Spitze abschneidet).

Die meist leicht verzwirbelten Blüten nun mit Gefühl an den grünlichen Rippen der Blütenblätter leicht auflockern und auseinander ziehen. Mit einem scharfen, spitzen Messer seitlich einen Schlitz hineinschneiden. Mit zwei Fingern den inneren Blütenstempel abdrehen und entfernen. Dann mit dem Spritzbeutel etwa einen Teelöffel Käsecreme einfüllen und die Blüten wieder vorsichtig verschließen.

Die Suppe auf Tellern anrichten. Mit gehacktem Estragon bestreuen und einige Tropfen Olivenöl darübersprenkeln. Je zwei Blüten auf der Suppe drapieren.

Bon Appétit!

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2 Comments

  • Reply GenussSucht | Für mich soll's rosa Goldmelisse regnen 16. August 2014 at 00:52

    […] ich gestehe: wer hier von meiner innigen Liebe zu Zucchini-Blüten und dem gespaltenen Verhältnis zu deren Missbrauch […]

  • Reply Vive le Ziegenkäse: Der Blog! 2. Juni 2014 at 10:09

    […] Dann haben wir hier etwas für Sie: Wir haben die Blogger von Cucinapiccina, Confiture-de-vivre, Genuss-sucht, Highfoodality, Küchenchaotin, Lizandjewels, Magnoliaelectric und Törtchenzeit aufgerufen, für […]

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