GENUSSKULTUR

Seelenheimat in der Champagne

12. April 2015
Seelenheimat in der Champagne

Eine ganze Weile ist vergangen seit ich das letzte Mal aus der Champagne berichtete. Vielbeschäftigte Tage rund um die ProWein in Düsseldorf hielten mich auf Trab, dazu kam noch immer die nicht enden wollende Wohnungssuche, die ich eigentlich schon längst abgeschlossen haben wollte.

Das Finden einer Wohnung, die nicht nur in Schnitt, Zustand und Ausstattung meinen Vorstellungen, Bedürfnissen und Träumereien entsprechen, sondern auch noch meinen Ansprüchen an kulinarische Verfügbarkeiten sowie geographische Lokalisierung und Infrastruktur Genüge tun sollte, stellte sich als langwierigere Angelegenheit heraus, als ich es zu Beginn eingeschätzt hatte.

Während ich eine Menge wichtiger Projekte mit unverrückbarem Endtermin abarbeitete und gleichzeitig neue Projekte vorantrieb rückte das Mietende meiner vorübergehenden Interimswohnung bedrohlich näher, ebenso wie die in Ton und Ausdruck immer spitzer werdenden Nachfragen nach dem Anschlussplan. „Wie geht es denn dann in zwei Wochen weiter?“ waren zu Beginn die heiter-aufgeregten Fragen von außen, später verdichteten sie sich zu einem „Dann wirst Du also erst einmal nach Deutschland zurück kommen?“ mit prophezeiend-nachdrücklichem Unterton.

Glücklicherweise habe ich in den letzten 3 Jahren vor allem eines wieder gelernt: meinem Gefühl und meinen Sehnsüchten blind zu vertrauen. Darin lasse ich nicht mehr an mir rütteln. Ich hüpfe über Ängste, Zweifel und Besorgnis hinweg, wenn sie mir auf meinen Weg gestreut werden. Manches Mal führt das zu einem kurzen Balance-Akt der unvorhergesehenen Art, aber es beantwortet auch immer wieder auf bestätigende, erfüllende und motivierende Art die Frage wie sehr ich diese Veränderung wirklich will.

Ein Entscheidungsprozess, der nicht nur ein oder zwei, sondern gleich aberhunderte „JA!“ verlangt, der an jeder Wegbiegung wieder sanft nachfragt, ob man diesen Weg weiter gehen will, der ist zwar in mancher Minute nervig und kraftfordernd, in den meisten Momenten aber vor allem kraftschenkend in seiner spielerisch tänzelnden Weise. Jedes „JA!“ ist Erleichterung, Hoffnung, Bestätigung, Angstlosigkeit, Versuch, Unvoreingenommenheit, Freiheit.

Ich hörte mich selbst immer wieder in unaufgeregt tiefenentspanntem Ton die gleichen Phrasen auf besorgte Fragen antworten: „Ich bin mir sicher, dass das klappt. Ab April habe ich eine Wohnung. Ich muss sie nur noch finden.“ Selbst 2 Tage vor dem Verlassen der Interimswohnung und der Abreise zur ProWein wiederholte ich diesen Satz noch gelassen, routiniert, zutiefst überzeugt von jedem einzelnen Wort.

Es war an einem der ProWein Tage als ich, in der Straßenbahn zum großen Business sitzend, abermals eine interessante Wohnungsannonce kontaktierte. Irgendwas war diesmal anders. Zwar hatte ich schon einige eindrucksvolle Wohnungsbilder gesehen, die sich im Nachhinein bei der Besichtigung als totaler Hereinfall herausstellten, aber trotzdem verliebte ich mich in die Atmosphäre eines der Wohnungsbilder.

Sie schien am perfekten Ort gelegen, ruhig und doch zentral, erfüllte nicht den gesamten Anforderungskatalog an die Ausstattung, aber hatte einen ausschlaggebenden Vorteil: ich sah mich sofort darin leben. Während ich durch die Bilder klickte, saß ich bereits im Wohnzimmer und blätterte durch Bücher, arbeitete im kleinen Büro, kochte in der Küche und lief, noch ohne die genaue Straße zu kennen, in meinen Phantasien zum Markt und ins Herz dieses kleinen Städtchens hinein.

Nur wenige Tage später fuhr ich wieder die Autoroute Richtung Paris, diesmal zur Besichtigung. Kontakt und Austausch zur Wohnung waren längst intensiver als bei allen anderen Besichtigungen, wir verhandelten bereits über den Einzugstermin bevor ich die Wohnung persönlich gesehen hatte. Es war also mehr ein formeller Akt als eine wirkliche Frage des Wollens und der Entscheidung, als ich die Treppenstufen zu meinem neuen Leben in Frankreich hinaufstieg. Im Herzen wusste ich seltsamerweise schon längst was mich erwarten würde.

Keine Enttäuschung, keine Abweichung von träumerischen Phantasien folgte. Die Wohnung war keineswegs mängellos, in meinen Augen aber genauso wenig mängelhaft. Sie war genau so, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Zwei Stunden angeregten Gesprächs später hielt ich die Mietverträge zum genauen Lesen, Studieren und Unterschreiben in den Händen und konnte kaum glauben was sich gerade abspielte.

Die Ereignisse wurden mit eineinhalb Tagen ausgelassenem Savoir-Vivre mit Freunden in Frankreich gefeiert, die mich nach einem kurzen Anruf und der Nachfrage „Habt ihr was zum Feiern kaltstehen?“ mit großer Aufregung, Freude und natürlich Champagner empfingen.

Was wirklich geschehen war, realisierte ich erst peu à peu in der darauf folgenden Woche. Immer wieder musste ich mir in stillen Momenten vorflüstern „Ich habe eine Wohnung in Épernay“ und jedes Mal hüpfte mein Herz aufs Neue und begann wild zu flackern. Glückshormonausstoß galore, danach wieder stille See und fassungslose Ungläubigkeit. Es brauchte Zeit bis der Kopf wirklich verstand, dass das Herz nach so vielen Jahren einen Heimsieg für sich entschieden hatte, trotz aller Zweifel, allen Wartens, aller Unwegsamkeiten.

Dennoch blieb vorerst irgendwie alles beim Alten. Wie schon immer an elementaren Veränderungspunkten in meinem Leben sollte auch diesmal alles viel zu schnell und unerwartet losgehen. Weniger als zwei Wochen später war schon der Einzugstermin datiert. Mein Gefühl und meine stoische Überzeugung hatten Recht behalten: Anfang April sollte, wollte und würde ich in Frankreich sein.

Es blieb keine Zeit für ausführliche Vorbereitungen, Mitteilungen, Benachrichtigungen – oder Blogposts. Neben dem Umzug stellten sich noch einige andere Dinge und to dos in die Schlange und wollten Stück um Stück abgearbeitet werden, von früh morgens bis spät in die Nächte hinein. Alltag und Normalität mitten im Umbruch. Es blieb nicht einmal Zeit für die unbändige Ungeduld, für die ich sonst bekannt bin. Mein Schiffchen schipperte über die Wellen der Veränderung, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Bereits an Ostern kam ich wieder in Frankreich an und eroberte mir mit einer einzigen Autoladung die Wohnung. Es stehen noch einige Renovierungsmaßnahmen und chaotische Wochen an, aber das Gefühl von Erfüllung, Glück und innerer Ruhe hat es sich bereits zwischen den wenigen Dingen, die bislang die neue Bleibe notdürftig ausstatten, überaus gemütlich gemacht.

Es ist, wie ich es vor einiger Zeit schon beschrieben habe: Ich bin nicht weggegangen aus Deutschland, sondern ich komme nach Hause. Das wurde mir abermals bewusst, als meine Familie beim ersten Telefonat aus der neuen Stadt en passant sagte „Wir wollten nur kurz wissen, ob Du gut nach Hause gekommen bist“. In der Betonung lagen weder Bedeutungsschwere noch bewusste Absicht, sonder eine längst Alltag gewordene Anerkennung aller Vorhaben und Realität, die ich schon seit langer Zeit lebe. Heimat bleibt Heimat, aber Zuhause ist Zuhause.

Die erste Woche habe ich nun in meinem neuen Zuhause verbracht. Sie war glücklich und ereignisreich, aber noch längt nicht bequem oder gar geregelt. Nach Ostern riefen gleich Verpflichtungen und eine spannende Konferenz in Reims nach mir. Mit den wichtigsten Dingen notausgestattet begann sofort der Alltag über mich hereinzubrechen, für welchen ich trotz Muskelkater und Übermüdung ausgesprochen dankbar war. Urlaub habe ich in Frankreich oft genug gemacht, aber diesmal bin ich gekommen um hier zu leben. Wäre da kein Alltag, wäre es eben wieder nur Urlaub oder eine Übergangslösung.

Während die Katze es sich in diesem Moment in an den geöffneten, sonnengefluteten Fenstern bequem macht und durch eine äußerst französisch anmutende, verschnörkelte Halbbalkonbrüstung über die Dächer des Städtchens hinausblinzelt, sitze ich mit einem großen Café au lait an einem 30 Jahre alten, herrlich knarzenden Holztisch, den ich für wenige Euro einer örtlichen Champagner-Familie abgekauft habe, bestaune die wunderschönen uralten Armlehnstühle, von welchen ich gleich 4 Stück erworben habe und deren rustikales Eichenholz ich auf dem Dachboden nach und nach neu lackiere, und verfasse das erste Mal reflektierte Worte zu meiner Ankunft.

Die große Verzückung des Jetzt liegt nicht in der Perfektion irgendwelcher Gegebenheiten, nicht im Vergleich mit dem was Deutschland nicht hat aber in Frankreich überall präsent ist, nicht in der Abgeschlossenheit der Dinge, auch nicht mehr im großen Abenteuer. Sie offenbart sich vielmehr in der Erfüllung eines Herzensrufes, der schon so unendlich lang in mir vibrierte, mich oft erschütterte, immer wieder wachrüttelte, mich nicht mehr rasten und ruhen ließ und mich damit Stück um Stück in die richtige Richtung bewegte. Das Vibrieren entweicht nun langsam, Tag um Tag in vielen Atemzügen und Gedanken, macht Platz für Ruhe und Geborgenheit, für Ankommen und Loslassen, für Stolz und Selbstanerkennung – die essentiellsten Pfeiler in meinem Leben, die ich so lange für das gewünschte große Ganze entbehrt habe, weil sich nichts bewegt, wenn man nicht kräftig daran rüttelt.

Endlich habe ich eine Wohnung, ein Zuhause in Frankreich. Mitten im Pulsschlag der Champagne, dem Herzen ihrer Historie, im Département Marne, im kleinen Städtchen Épernay. Kein Dorf, aber auch keine Stadt. Keine Hektik, aber auch keine Langeweile.

Nur 30 Minuten von Reims entfernt, eineinhalb Stunden von Paris, mit allerlei Feinkostläden, tollen Boulangeries und Pâtisseries, lebendigem Marktleben, charmanten kleinen Gassen und der prestigeträchtigen Avenue de Champagne, an der nicht nur früher Geschichte geschrieben wurde, sondern auch heute noch große Champagner-Häuser erhaben thronen.

Meine unmittelbare Nachbarschaft ist nicht vom großen Glanz schillernder Gebäude der Moderne umsäumt, sondern vom stillen, unverhohlenen Glanz alter Zeiten. Bäuerliche Einflüsse sind überall zu finden, denn die Region war in ihrer Geschichte lange ein armer, ausschließlich landwirtschaftlich geprägter Strich auf der französischen Landkarte. Doch gerade diese Mischung aus Einfüssen, Armut und Reichtum, Landwirtschaft und Luxusgut, macht diesen Ort zu etwas Besonderem für mich.

Auch in meiner eigenen Geschichte spielt Épernay eine besondere Rolle. Als ich mich vor einigen Jahren auf einen Roadtrip begab, der zugleich Orientierungs- und Sinnsuche war, weil ich in meinem damaligen Leben an Grenzen stieß, landete ich nach vielen Stationen erstmalig in der Champagne und direkt in Épernay. Die Faszination für diese Stadt blieb seitdem immer bestehen, immer wieder kehrte ich hierhin zurück für Tagesausflüge, Stopover, Einkäufe, Entdeckungen. Und immer wieder sehnte ich mich heimlich nach der Stadt.

Sie war nie die große, aufflammende Liebe auf den ersten Blick, aber sie war der heimliche Gewinner, der alle kurzen Liebschaften überdauerte, wenn ich nun zurückblicke. Hatte ich mich in der Region verfahren und wusste nicht mehr in welche Richtung ich fahren sollte, fand ich doch stets wieder nach Épernay zurück, orientierte mich von hier erneut. Selbst im Straßenführungschaos der verwinkelten Stadt landete ich intuitiv immer wieder an den gleichen Plätzen, die meisten davon jetzt nur noch 3 bis 5 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt und Anlaufpunkt täglicher Besorgungen wie auch Unternehmungen.

Bemühungen und Angebote für Wohnungen in Reims hatten stets ihren Reiz, hinterließen mich aber seltsamerweise immer mit zögerlichem Nachdenken und Zweifeln. Der Bauch schrie auf, das Herz stimmte ein. Die beiden wollten gerne Tagesausflüge nach Reims machen, dorthin wo es wirklich alles in Hülle und Fülle gibt, was sie lieben, aber sie schienen dort nicht wohnen zu wollen, egal was der Verstand ihnen einzureden versuchte. Und so verliefen am Ende alle Optionen dort im Sande.

Selbst eine spontane Bekanntschaft, die ich vor nicht allzu langer Zeit frühmorgens in Reims kennenlernte und die dann den Tag mit mir durch die Stadt schlendernd verbrachte, um mir in höchst bewundernden Tönen die wunderschöne, an Paris erinnernde Architektur und Atmosphäre der Stadt zu erklären und mir ausdrücklich den Umzug nach Reims ans Herz legte, konnte an daran nichts ändern. Drei Wochen später triumphierte Épernay über alle Gedanken an andere Städte der Champagne.

Da bin ich nun, angekommen in der Zukunft, die ich mir in langjährigen Kopfkino-Vorstellungen ausgemalt habe, Szene um Szene. Es brauchte nicht nur viel Zeit, sondern auch Geduld mit mir selbst bis ich ankam. Die Entscheidung für diesen neuen Fixpunkt ist zugleich Liebeserklärung an Frankreichs Kultur, Menschen und Kulinarik wie auch ein Zugeständnis an den Wein, der lange eine hitzige Affäre war und sich längst zu einer soliden Beziehung entwickelt hat.

Hier, umringt von meinen favorisierten Rebsorten, unweit meiner zweiten großen Liebe Burgund, bin ich sowohl im siebten Weinhimmel als auch im Schlaraffenland meiner größten kulinarischen Leidenschaften. Pinot Noir und Chardonnay – mit Bläschen als Champagner oder ohne Prickeln als große Burgunder – finden hier meiner Meinung nach ihren spannendsten Ausdruck. Meine liebsten Käsesorten aus Burgund und Champagne, wie zum Beispiel Chaource, Brillat Savarin, Soumaintrain, Epoisses oder Coulommiers, sind überall direkt aus handwerklicher Herstellung verfügbar. Niemand wundert sich hier über meine Vorliebe für Schnecken, die hier auf keiner Karte fehlen. Überall die Seelengerichte à la champenoise oder bourguignonne.

Wenn man überhaupt von einer fehlenden Komponente sprechen kann, dann wäre es wohl das Meeresrauschen und der Duft von Kräutern, Fisch und Hafen. Andererseits wäre das dann wieder mehr Urlaubs- als Alltagsszenerie. Gut also, dass ich hier bin: im echten Leben, im unverstellten Frankreich, mitten in der Realität meiner echten Erfüllung. Mit einer Flasche Champagner in der Kühlung.

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2 Comments

  • Reply Nele 12. April 2015 at 19:26

    Liebe Stefanie,

    das klingt wunderbar. Man merkt beim Lesen, dass Du angekommen ist. Ich wünsche Dir alles Gute und Liebe in Deinem neuen Zuhause.

    Schokoladige Grüße,
    Nele

  • Reply Thomas 12. April 2015 at 18:17

    Alles Gute zum Ein- bzw. Umzug! So eine schöne Fügung. Der Weg zum Ziel ist oft nicht geradlinig, wie man hier sehr schön sieht. Ich freue mich schon auf deine weiteren Berichte aus der Champagne!

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