ALLGEMEIN

Seele braucht Futter.

21. März 2012
Genuss_sucht_Seele braucht Futter

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Die Seele meiner Genusssucht ist ein sehr komplexes Ding. An manchen Tagen sucht sie die einfache, unkomplizierte Erfüllung, an anderen Tagen wird sie eher heimgesucht – von der großen Sehnsucht. Immer steckt dahinter eine spezielle Laune, eine Abfolge von Ereignissen, die mich in eine ganz besondere, eigene Stimmung versetzt hat.

Für viele Launen kann weder mein proppenvoller Schuhschrank noch meine Lippenstift- und Lidschattenkollektion und schon gar nicht die auf den ersten Blick schier endlose Schal- und Tüchersanmlung eine zufriedenstellende Lösung finden. An ganz schlimmen Tagen nicht einmal mein Lieblingssneaker. Aber fast immer gibt es ein Essen, das alle Probleme lösen, alle Gedanken befreien, jeglichen Stress wegwischen oder sämtliche Unzufriedenheit ausmerzen kann. Und dabei spreche ich nicht vom Fruststopfessen, sondern von echter Seelennahrung.

In der frühen Jugend fragte ich mich stets was Afro-Amerikaner wohl mit Soulfood meinen könnten. Die Definition lernte ich irgendwann im Englisch-Unterricht, das Wort beflügelte meine Phantasie, stellte Fragen, wollte aber doch mehr Antworten als eine Übersetzung und Kurzdefinition. Der später folgende amerikanischen Freundeskreis füllte das Wort Jahre später endlich mit Inhalt. Ich aß Fremdes und lernte Vertrautes: Wie glücklich ein simples Cornbread machen kann, eine Gumbo oder ein Philly Cheese Steak. Wie ein Thanksgiving Turkey sich von einem anderen Turkey unterscheiden kann. Wie sehr die anfänglich ernsten Gespräche und zarten Lacher nicht nur durch die Kommunikation, sondern auch durch Essen immer gelöster und unaufgesetzter wurden, sich Alltagskonfrontation in ein zuversichtliches Tagesresumée verwandelte und Frage-Antwort-Ambitionen in echte Gespräche, wie die Wangen aller am Tisch Sitzenden auf einmal erglühten und die Augen wieder Glanz erlangten. Kurz: wie aus einem Essen auf einmal Seelennahrung wurde. So, wie es am Familientisch ist, wenn Mama und Papa Besonderes kochen.

Der Moment, in dem ich das Wort Soulfood endlich nicht nur verstand sondern auch fühlte, ist mir noch heute in Erinnerung. Ich durfte erleben, wie sich der betrübte Angst- und Frustschleier eines mir damals sehr nahestehenden, depressiven Menschen durch nur ein an die Kindheit und Zuhause erinnerndes Gericht verflüchtigte und Lebenslust und Freude für eine gute Stunde aus dem Herz heraus den ganzen Tisch erhellte. Seitdem weiß ich, dass Essen heilsam ist und eine Form von Glück. Dafür muss man es nicht zwangsweigerlich essen, manchmal reicht auch schon der Anblick der perfekten Praline, des schönsten Tartelettes, des matschigsten Haufens Kartoffelbrei. Oder, wie in meinem Fall, sogar das Schreiben darüber, weil es Erinnerungen weckt.

Meine persönlichen Soulfood-Favoriten für die schwierigen Launen im Leben sind alle sehr einfach und unkompliziert und funktionieren irgendwie doch ähnlich meinem Lieblingssneaker: Einmal probiert und schon befreit von allen Launemonstern. Abhängig von Umständen und zeitlicher Verfügbarkeit gibt es mitunter Kombinationen, die besonders heilsam für meine Seele sind: Kartoffeln mit Rahmspinat und Spiegelei gegen Anflüge von Einsamkeit, Kartoffelbrei gegen Alle-sind-gegen-mich-Frustanfälle, ein Teller Spaghetti Bolognese mit dem Extradoppeldreifachschuss Rotwein gegen Erschöpfungszustände nach arbeitsamen Tagen und Wochen, indisches Zimt-Tomaten-Curry als universelles Weltverbesserungswerkzeug.

Aber es gibt durchaus auch viele positive Zustände, in denen Soulfood das Vehikel zum ultimativen Kleinglück meines Lebens ist, zur Komplettierung des Tagewerks. An Tagen, an denen die Welt von Grund auf in Ordnung ist zum Beispiel, an denen mir alle Möglichkeiten offen stehen und ich mich dennoch für das Einfache, Ehrliche, Echte entscheide: da muss es dann Wurst sein. Keine Wurst im Brötchen mit Senf – nein, nein. Auch keine Wurst vom Grill, denn den bestücke ich lieber mit Steaks und anderen Großartigkeiten anstatt mit langweiliger Solo-Wurst. Wenn es in meinem Leben schon mal Wurst sein muss, dann bitte grobe Wurst mit Röstgemüse. Diese beiden gehören einfach zusammen. Dazu brauche ich weder Brot noch Kartoffelsalat oder anderes kohlehydratiges Gedöns.

Einer meiner ersten Blog-Einträge kündigte die kleine Vorliebe schon an: damals war es eine Merguez mit Röstpaprika. Und diesmal? Eine grobe Bratwurst, am Samstag beim Lieblingsmetzger abgegriffen, kräftig gewürzt und fernab jeglicher Langweile oder unzulänglicher Parteilosigkeit, in wenigen Minuten zubereitet. Gepaart mit gebratenem und leicht karamellisiertem Fenchel, in gehacktem Dill und Fenchelgrün geschwenkt, obendrauf ein Häubchen aus Knoblauch-Zitronen-Schafsquark und ein Eßlöffel geröstete Fenchelsaat. Nur 20 Minuten und ein Klacks obendrauf, und tadaaaa: Soulfood, Glück zum Essen. Der Moment, in dem alles leicht und lebhaft wird. In dem Herz und Geist endlich ihre Protestschilder wegwerfen, vom Demozug an ihre Plätze zurück kehren und unwillkürlich „Zuhause!“ schreien. So laut, dass selbst der letzte Klecks noch mit den Fingern vom Teller gewischt und abgeleckt wird. Denn Soulfood ist, wenn man wieder bei sich ankommt und sich zuhause fühlt. Egal, wie viele Kilometer man tatsächlich davon getrennt ist.

Genießt, wo ihr herkommt und wo ihr hingeht.
Die Hauptsache ist, dass ihr immer wieder bei euch ankommt.

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