ALLGEMEIN TRINKEN WEINLESE

Schluss mit der Weinromantik – Weinlese Teil 2

20. November 2013
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Viel schneller als gedacht ging eine Zeit vorbei, auf die ich mich so wahnsinnig vorgefreut hatte. Meine Zeit auf dem Weingut an der Saar ist mittlerweile vorüber und weil es so schwerbeschäftigt vonstatten ging, kam ich gar nicht dazu, euch währenddessen darüber zu berichten. Denn so eine Weinlese lässt kaum Zeit für andere Beschäftigungen. Und damit sind wir auch schon bei dem Punkt angelangt, den ich bei der ersten Berichterstattung von der Saar schon leise ankündigte: die Weinromantik. Irgendwann muss damit Schluss sein. Dieser Tag ist heute für euch. Für mich war es der erste Lesetag. Da lernte ich sofort, dass Wein nicht nur Vergnügen, sondern vor allem harte Arbeit ist.

Aber ich fange einfach mal ein bisschen weiter vorne an:
Ja – ich hatte mich durchaus darauf eingestellt, dass es anstrengend wird. Auch darauf, dass meine Muskeln wohl schmerzen werden, da ich das Arbeiten im Steilhang als robuster Großstadtmensch mit wohltrainierter Büroarbeit-Sitzmuskulatur und kräftigen Blogger-Tippfingern sowie unsteter Jogging-Ambition nicht unbedingt so sehr gewohnt bin. Ich hatte Schmerzmittel in den Koffer gepackt, allerlei Globuli zur Wundheilung und Schmerzlinderung, einen Jahresvorrat Blasenpflaster und diverse Packungen Vitamin-Zusatzpräparate als Abwehrmittel für jede Erkältung, die anklopfen könnte, hinterhergeworfen.

Die Garderobenplanung hatte hochwertige Funktionsklamotten für jede Jahreszeit vorgesehen – in jeder Länge und mit unterschiedlichen Zusatzfunktionen – und war auch bereits ein zweckmäßiges Repertoire an Zwiebellagen-Looks für diverse Wetter-Eventualitäten konzipiert. Desweiteren hatte ich Balsamico di Modena, französisches Mandelöl, eine Pfeffermühle, Fleur de Sel, mehrere Teecvarietäten, Rohrohrzucker, Beluga Linsen, Bio-Gemüsebrühe, Couscous, vakuumierten Pumpernickel und Vollkornbrot und ein Glas überlebensnotwendigen Instant-Kaffee dabei, um für alle kulinarischen Notfälle gewappnet zu sein. Man weiß ja nie, ob es 15 km von Trier entfernt überhaupt noch Supermärkte gibt. Ich fühlte mich wirklich gut vorbereitet.

Eine einzige Sorge umtrieb mich: meine bestellten Wanderschuhe waren noch nicht angekommen. Aber das konnte ja noch alles klappen, schließlich blieb noch eine ganze Woche Zeit, als ich mich von Hamburg langsam gen Süden aufmachte und erst einmal einige Tage in Hessen zwischenstoppte.

Natürlich kamen die Schuhe nicht mehr an. Doch der Online-Händler redete mir mit immer neuen Ausreden stets wieder Hoffnung ein, sodass ich mit geliehenen Bundeswehr-Stiefeln, die im Notfall den ersten Tag aushelfen sollten (bis die Wanderschuhe eintreffen) auf dem Weingut ankam. Ungeplanterweise hatte ich jedoch keine zwei weiteren freien Tage zum langsamen eingewöhnen,  sondern wir begannen gleich am nächsten Morgen mit der Riesling-Lese. Alles anders als gedacht. Schön und gut.

Am nächsten Tag schnürte ich also die geliehenen Bundeswehr-Stiefel so eng zusammen, dass die eigentlich gegenüberliegenden Schnürsenkelösen eng aneinander lagen und begab mich mit großer Vorfreude und in eines der Teil-Funktions-Outfits (3 Lagen Funktionsoberteile mit Jeans kombiniert) gehüllt in das Abenteuer. Oben auf dem Weinberg angekommen erstarrte ich nicht nur zuerst in Ehrfurcht ob der traumhaft schönen Morgennebel-Kulisse, sondern merkte kurze Zeit später auch, wie rutschig es ist, sich auf Schiefergeröll in bis zu 70% Hangneigung zu bewegen. Aber als Anfänger beißt man natürlich die Zähne zusammen und stürzt sich kopfüber in den Hang. Oder vielmehr: mit Handschuhen und Schere bewaffnet und eine Lesekiste hinter sich herziehend. Irgendwie musste ich von diesem Berg schließlich wieder runter kommen. Völlig gleich, ob tot oder lebendig – Hauptsache mit einer Kiste voller Trauben.

Während ich versuchte mir eine Fortbewegungstechnik zu erarbeiten, die es ermöglichte, die Lesekiste bei sich zu behalten, die Trauben nicht den kompletten Berg hinunter rodeln zu lassen und folglich das Gespött der erfahrenen Lesekollegen auf sich zu ziehen, sowie derweil noch bemüht war, meinen Körper in gebückter Unmöglichpostion unmittelbarer in Nähe der Rebstöcke zu fixieren, obwohl er dazu neigte, einfach weiter zu rutschen, kamen mir kurz die ersten Gedanken, wie ich es wohl durch den Tag schaffen sollte und ob das alles wirklich eine so schlaue Idee war, diese Sache mit der Weinlese.

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Glücklicherweise lenkten diese zwei Hauptbeschäftigungen, das Haltsuchen im Hang und des Festhalten der Lesekiste, ungemein von der Zeit ab. Irgendwann war der erste Lesetag überstanden. Mit schmerzenden Füßen in geliehenen Bundeswehr-Stiefeln, Rückenschmerzen, die mich kaum noch gerade stehen ließen und einer matschbraunen Jeans, das Resultat zu weit rutschender Fortbewegungsfehlversuche, machte ich nach 10 Stunden Feierabend. Und ich hatte es dazwischen sogar irgendwie geschafft, die Riesling-Beeren von den Rebstöcken zu schneiden.

Tapfer wie ein Bergbauarbeiter verschwand ich auf meinem Zimmer. Um mir dort mit Hilfe einer Rücken-Yoga-DVD wieder den aufrechten Gang beizubringen, mit einer hohen Dosis Arnica-Globuli im 15-Minuten-Takt die Wundheilung meines Muskelkaters anzukurbeln und anschließen bei 10 Minuten Rückenentspannung auf dem Holzfußboden einzuschlafen. In verschwitzter Funktionskleidung und fertig mit der Welt schaltete mein zuerst heiß-, dann leergelaufener Akku einfach alle Körperfunktionen ab.

Es dauerte ungefähr 30 Minuten bis mein Körper wieder lebensfähig war und genug Kraft hatte, die Augenlider zu betätigen. Mein Geist hingegen schwebte schon längst wieder durch den Raum und lachte mich in meinem übertriebenen Leiden ein bisschen aus. Ich beschränkte mich weiter darauf zu atmen, die einzige Tätigkeit, zu welcher ich immer noch in der Lage war. Es dauerte weitere 30 Minuten Ladezeit, bis meine Finger sich wieder bewegen konnten. Die Beine aber wollten noch immer keinen cm von ihrer Position weichen.

Also tat ich was mir blieb: ich berichtete per SMS von meinem Leid und holte mir ein kleines bisschen Mitleid aus dem engsten Umfeld ab. (So ähnlich wie ich es mit diesem Bericht noch einmal nachträglich mache.) So lange bis auch meine Beine endlich begriffen hatten, dass nur noch eine heiße Dusche, eine handvoll Vitamintabletten, ein heißer Tee und ein Abendbrot sie vom endgültigen Schlaf abhielten. Sie gaben nach, schleppten mich mit letzter Kraft und schmerzenden Füßen durch Bad, Küche, nochmal zum Zähneputzen und wieder die vielen Treppen zurück in mein Dachzimmer. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so früh im Bett lag, so früh das Licht ausmachte, so früh einschlief. Aber Erinnerung braucht Energie. Und davon hatte ich keine mehr. Deshalb beendete ich einfach den Tag und zählte Schäfchen im Weinberg – mit dem friedlichen und tiefen Schlaf der Gerechten und Gepeinigten.

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1 Comment

  • Reply Genuss sucht – Santé! Teil 15: Funkelnde Momente 16. August 2014 at 00:39

    […] ins Land streichen, bevor er mich in den Kanzemer Altenberg trieb um wunderbarsten Riesling zu lesen. Die Prüfungsergebnisse der Level 3 Prüfung kannte ich bis dahin noch nicht. Wie es eine […]

  • Leave a Reply

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