ALLGEMEIN

Schlammbeule wird Superstar.

22. Februar 2012
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Ihr habt auf einen weiteren Post zu einem Resteverwertungsbeispiel erwartet? Tja, falsch gedacht. Ich war doch auf dem Isemarkt. Ich erwähnte das schon beiläufig beim letzten Mal. Wenn ich verrate, was mich dort aufgegabelt hat (Jawohl, richtig gelesen! Nicht nur ich gabele dort Dinge auf sondern viel öfter gabeln mich die Dinge dort auf), dann liest wahrscheinlich niemand mehr weiter. Egal, ich erzähle es trotzdem.

Isemarkt. Gestern. Nieselregen. Eine motiviertes Ich, frisch aufgetankt mit Lebenslust vom gerade beendeten Frühmorgen-Französischkurs. Freudig rastlos auf der Suche nach der perfekten Mango im noch perfekteren Reifegrad, die mit 2 ebenso perfekten Schwestern irgendwo an einem Stand auf mich warten musste. Dem Trio blieb eigentlich keine Wahl. Dennoch versteckten sie sich recht lang vor meinem suchenden Blick, der jede Mango an wirklich jedem Obststand inspizierte und auch Gemüsestände auf verdächtige Kisten hin röntgte. Man weiß schließlich nie wo sich die guten Dinge verstecken. Am Ende lagen sie in Kleinfamiliengröße und kleiner Stückzahl bei einem Italiener. Mit knallroten Wangen und grasgrünem Teint, samtiger und fleckloser Schale, mit gut 600 g Lebendgewicht pro Stück und einem Duft, der sich selten nach Deutschland verirrt. Noch fest, aber trotzdem schon drucknachgiebig wie ein auf den Punkt medium gebratenes Steak. Die Damen müssen sich ja erst für Samstag richtig fein machen. Dann werden sie auf Druck eher rare bis very rare sein. Das haben sie fest versprochen. Ansonsten gibt’s Kompostarrest für immer und Haue für den Gemüse-Italiener.

Gefunden habe ich am Ende aber nicht nur die brasilianischen Ladies, sondern auch fantastische kleine, kugelrunde Weintrauben. Mit so klarer Haut und so kugeliger Form dass man sie glatt für eine Burgunderballon-Miniatur hätte durchgehen lassen können. Und als ich die gerade zahlte und mich über die Theke lehnte um die Münzen herüber zu reichen, da purzelte mir ein kleiner Beutel Minikartoffeln entgegen. Dunkel-schlammig mit fester Haut. So dunkel wie der Winter aus dem sie kommen. So fest wie mein Wille, alles außer Kartoffeln zu kaufen. Aber irgendwie haben sie mich eben aufgegabelt mit ihrer Form, ihren lustigen Verkrümmungen und dem unperfekten Aussehen. Sie waren so ein schöner Kontrast zu perfekten Mangos und diesen makellosen, kugelrunden Weintrauben. Und kosteten nur 2 Euro pro Beutel liebenswerter Hässlichkeit. Kurzer Prozess – sie mussten mit. Ebenso wie die Merguez ein paar Stände weiter – zwei Stück für je zwei Euro. Auf dem Rückweg fiel ich noch schnell in einen Hackenporsche-Fachhandel ein und mit großem Schock schnell wieder hinaus. Nicht nur war die Auswahl größer als erwartet (Schock! Diese Dinger werden gekauft!) sondern es gab sogar welche, die mir gefielen (Noch größerer Schock! Diese Dinger werden von Menschen wie mir gut gefunden!). Soviel Einsicht kann niemand innerhalb von 3 Minuten verdauen. Also lieber schnell nach Hause. Erstmal die Beute in die Höhle tragen. So haben die menschlichen Gene es vorgesehen. Unsere Vorfahren hatten auch keinen Hackeporsche, als sie sich auf die Jagd und zum Beerensammeln begaben.

Gestern abend landeten erstmal die Merguez auf Abendessen-Teller. 100 % Lammfleisch – mit so fantastisch intensivem Lammgeschmack, dass auch die kräftig scharfe Würzung den Fleischeigengeschmack nicht in die Knie zwingen konnte. Konkurrenz konnte ich nicht noch mit auf den Teller werfen, dafür waren die Merguez zu sehr Diva. Aber ein Gurkensalat mit Sahne und frischem Dill, der hat die beiden nicht nur ausgeglichen sondern geradezu besänftigt. Die Kartoffeln waren vorerst vergessen.Wer träumt in seinen wilden Genussfantasien schon von Kartoffeln? Ich jedenfalls äußerst selten, und wenn, dann handelt es sich meist eher um Ausnüchterungsfantasien, die sich um höchst salzige und meist eher frittierte Kartoffelvarianten drehen. Nach echten, unfrittierten und auch ungestampften Kartoffeln war mir heute Abend trotzdem. Weil gekochte Kartoffeln so einfach sind, so ehrlich, so unkompliziert. Und sie außerdem so schlammig-faszinierend angezogen waren, dass ich sie gerne ausziehen wollte.

Kurzerhand wurden daraus gekochte Baby-Dreckstücke mit dem unglaublichsten Paprika-Sellerie-Karotten-Tomaten-Quark, den die hackenporschelose Menschheit an einem Mittwochabend je zu Gesicht bekommen hat. Das Geheimnis des Quarks liegt im Pimentón de la Vera, einem der tiefreichendsten erdig-feurig-fruchtigen Raucharomen, die ich kenne. Getrocknete und über Eichenholz geräucherte Paprika. Die Antwort auf alle Gemüsequarkfragen, glaubt mir. Aber, liebe Kalorienzähler, kommt bloß nicht auf die Idee, so einen Aroma mit Magerquark zu versauen. Diesem Gewürz kann nur die rahmige Frische eines echten Sahnequarks, gerne unter Beigabe einiger Löffel säuerlichen Joghurts, eine Stütze zur Entfaltung sein. Und so begab es sich dann auch: Quark und Kartoffeln steigerten gegenseitig ihren Geschmack exponenziell. Im Mund wurde plötzlich aus den Kartoffeln eine Süßigkeit, so geschmacksintensiv buhlten sie um meine Aufmerksamkeit. Kein bisschen mehlig, bröselig, kartoffelig. Dafür umso weicher, buttrig-nussig-süßer und schmeichelhafter. Und während ich meinen Sinneseindrücken zuerst keinen rechten Glauben schenken konnte, musste ich nach Einzelverkostungstests ohne Beigeschmäcker einsehen: Da lag nicht nur ein Quark-Star auf dem Teller sondern auch ein echtes Kartoffel-Wunder. Diese kleinen unscheinbaren Schlammbeulen! Mit ein bisschen Gemüsebürsten-Hilfe konnte ich aus ihnen noch lange keine Schönheit herauspolieren, aber machte sie nur mit Wasser und Salz zu einem echten Superstar. Wer hätte das gedacht, als sie mir am Marktstand entgegen fielen. Ich jedenfalls kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so begeistert von einer bloßen Kartoffel mit Schale war, ohne sie mit Sauce zu so vollem Geschmack zu bewegen.

Das Grünzeug übrigens wurde nach dem Foto sofort und als erstes, ich gestehe ungern, in Achtungslosigkeit vernichtet, weil es auf der Tellerbühne niemanden mehr wirklich interessierte. Dieser Spinat hatte einfach keine Ahnung, mit wem er sich da eingelassen hatte. Und musste Platz machen für das Dreamteam.

Heute also, heute träume ich das erste Mal von Kartoffeln. Weil ich für morgen Mittag noch welche übrig habe. Und es kaum erwarten kann.

Sollte ich irgendwann einen Hackeporsche besitzen, dann werde ich zur Ehre bei der Jungfernfahrt einen Beutel Schlammbeulen darin nach Hause transportieren.

Gute Nacht, Welt.
Gute Nacht, Schlammbeulchen.

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