ESSEN REZEPTE

Sauer macht lustig

16. April 2012
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Ich kündigte an, eine Tarte au Citron zu backen, entschied mich dann heute mittag in der Küche doch kurzerhand für Tartelettes und verzweifelte, irgendwann an diesem Sonntag, zwischen Küchenchaos und Kopfchaos, fehlender Konzentration aber immerhin mit trotzdender Motivation (es war der Frühstücks Shake, glaubt mir!), kurz an meinem eigenen Anspruch.

Ich hatte da eine fixe Idee im Kopf, wie meine Tarte au Citron heute schmecken sollte. Bislang hatte ich mich immer an die einfache Lemon Curd Variante gehalten, immer ein bisschen Curd auf den Mürbeteig gestrichen und dann hauchdünne Zitronenscheiben darauf gelegt, bevor er noch einmal kurz gebacken wurde. Doch heute sollte alles anders werden. Mir war nicht nach Lemon Curd kochen, nicht nach sämig-cremigem Tarte-Belag, nicht nach dem was immer war. Irgendwo in den letzten Winkeln meines Hirns war, während ich gerade mal nicht darauf achtete was dort so getrieben wurde, ein Geschmacksbild entstanden, dessen ich mich danach nicht mehr erwehren konnte. Sauer-süß sollte es sein, unverstellt zitronig, mit Kitzeleffekt in Mund, Hals, Kopf und Herz. So zitronig, dass die Gänsehaut auf Bereitschaftsdienst umstellt, die Mundwinkel sich kurz verziehen und die Geschmacksnerven Salsa tanzen. Fragwürdig war nur, wie ich zu diesem Ziel gelangen konnte. Und das bis zur Nachmittagskaffeezeit.

Also recherchierte ich vielfach Tarte au Citron Rezepte, stöberte in allen möglichen französischen Kochbüchern aus meiner Sammlung, fand Vieles, aber das Meiste wollte mir Rezeptversionen auf Basis von puddingähnlichen Cremes oder eben Lemon Curd Einsatz verkaufen. Meine Verhandlungsbereitscchaft jedoch lag bei Null. Am Ende fand ich – nein, leider nicht die Lösung, aaaber – immerhin einen Ansatz. Das Rezept schien mir auf den ersten Blick fehlerhaft (mein Blick sollte sich bewahrheiten), aber mein Siegeswille ließ mich Kopf und Intuition kurz zurückhalten. So verbrutzelte das erste Testobjekt unter Einsatz effekthaschender Nebelschwaden und blubberndem Zitronencremegetöse ganz nach Rezept im Ofen. Glücklicherweise hatte ich für den Testlauf nur ein Tartelette-Förmchen zum Einsatz gebracht (Instinkt siegt!) und 5 weitere Tartelette-Förmchen warteten unbefüllt und sicher außerhalb des Ofens. Nun gut. Versuch macht ja bekannterweise klug (darf man das überhaupt noch behaupten, wenn man die Klugheit vorher ganz arrogant ignorierte?).

Für die weiteren Versuche beschloss ich dann, wie vermutet, doch erstmal alles blindzubacken. Die Füllung des teilverbrannten Exemplars dickte leider trotz enthusiastischen Blasenwurfs im Ofen auch nach 10 Minuten an der Luft nicht weiter ein. Da musste ich also wohl oder übel auch noch einmal ran. So landete die Füllung kurzerhand in einem Topf, wurde unter Beigabe eines einzigen, harmlosen Ei ein bisschen angedickt und zog mir nach Zugabe des Safts einer weiteren Zitrone endlich wie gewünscht, gehofft und erträumt alle Geschmacksrezetoren zusammen: perfekt! Wenn ich sie zulasse, ist die Erfolgsrate meiner Intuition eben doch zuverlässig. Mut den Mutigen, dachte ich kurzerhand (es muss die Lustigkeit des Sauren gewesen sein, die mich so wahnwitzig machte), füllte gleich alle verbliebenen 5 Tartelettes mit der Füllung, garnierte mit hauchdünnen Zitronenscheiben, schob sie noch einmal in den Ofen. 20 Minuten später wurde der Mut belohnt: mit einer perfekten Tartelette (Versuchsart „dicker ausgerollter Boden“), zwei unperfekten, aber trotzdem leckeren Tartelettes (Versuchsart „recht dünn ausgerollter Boden“) und zwei leider am Rand doch verbrutzelten Tartelettes (Versuchsart „so dünn ausgerollter Boden, dass die Gabelenstiche später Löcher waren, durch welche die Zitronenfüllung beim backen entweichen könnte und folglich zwischen Boden und Tartelette-Form anbrannte“). Aber weil sauer so lustig macht, Sonntag und frei haben erst recht, und außerdem die gelungenen Tartelettes wirklich genau dem Geschmack entsprachen, den ich erreichen wollte (jippieh!), war am Ende alles wunderbar. Die Tartelettes, der Sonntagsnachmittagskaffee und meine Laune: alles tanzte Salsa. Nach 6 konsumierten Zitronen an einem Tag hat meine Erkältung auch keinen Pieps mehr von sich gegeben. Die ist jetzt wohl eher sauer auf mich. Aber auch das finde ich lustig.

Damit ihr nicht die gleiche Tarte au Citron Odyssee über euch ergehen lassen müsst, gebe ich die Ergebnisse meines wissenschaftlich anmutenden Forschungsnachmittags gerne preis. Aber Achtung an alle Harmlosmöger: Sauer macht lustig!

 

GenussSucht_Gourmandises_TarteauCitron_Zitronentarte

 

TARTELETTES AU CITRON MERINGUÉE

Zutaten für 6 Tartelettes-Förmchen (oder 1 reguläre Tarte-Form):

Teig:
250 g Mehl
1 EL Speiseöl (geschmacksneutral)
Salz
125 g Butter
2 EL Wasser

Füllung:
1 Ei
2 Bio Zitronen (Saft von beiden Zitronen und Zitronenabrieb von einer Zitrone)
60 g Butter
1 Bio Zitrone als Garnitur

Meringue-Topping (wer mag, sonst einfach ohne dieses Chi Chi):
2 Eiweiß
65 g Puderzucker

Vorbereitungen:

Mehl mit Öl und der in kleine Stücke geschnittenen Butter zu einem homogenen Teig verkneten. Bei Bedarf (nur beim Handkneten) immer wieder leicht mit wenig Wasser befeuchten. Zu einer Kugel formen und 3 Stunden ruhen lassen (bei Zimmertemperatur).

Und los geht’s:

Ofen auf 200 Grad (Ober-/Unterhitze) vorheizen. Teig ausrollen (Nicht zu dünn! Man lese den Post oben zu diesem Thema.) und die Tartlette-Förmchen bzw. die Tarte-Form damit auslegen. Mit einer Gabel Löcher in den Boden stechen, mit Backpapier belegen und Backerbsen als Beschwerung darauf legen, in den Ofen geben und ca. 12 – 15 Minuten (bei einer großen Tarte-Form 25 Minuten) blindbacken. Heraus nehmen, Backerbsen und Backpapier entfernen und falls nötig noch einmal wenige Minuten bis zum gewünschten Bräunungsgrad in den Ofen geben. Auskühlen lassen.

Zitronenschale einer Zitrone fein abreiben. Diese und eine weitere Zitrone auspressen. Die dritte Zitrone in hauchdünne Scheiben schneiden und die Kerne aus den Scheiben entfernen.

Für die Füllung Zitronenabrieb, Zitronensaft, Zucker und Butter in einen Topf geben und bei geringer bis mittlerer Hitze erhitzen unter ständigem Rühren (mit dem Schneebesen) die Butter schmelzen lassen. Noch ca. 2 Minuten weiterrühren, bis die Crme langsam andickt. Darauf achten, dass die Creme nicht zu heiß wird und zu kochen beginnt, da das Ei sonst zu schnell stockt (wir wollen ja eine Zitronentarte und nicht Rührei machen).. Sobald die Creme angedickt ist und der Zucker vollständig aufgelöst ist vom Herd nehmen.

Ofen wieder auf 180 Grad erhitzen. Creme auf die ausgekühlten Böden verteilen (nicht zu voll machen, sondern lieber nur zu 2/3 füllen, man lese nochmals meinen Leidensbericht), mit Zitronenscheiben garnieren und ca. 15 Minuten (ganze Tarte: ca. 25 Minuten) backen. Abkühlen lassen.

Für das Topping Eiweiß und Puderzucker zusammen ca. 5 Minuten lang sehr steif schlagen (die Masse muss sehr dick und hochglänzend cremig sein). In einen Spritzbeutel geben und Tupfen auf die kalten Tartelettes sprühen. Mit einem kleinen Crème Brulée Gas-Flambierer die Eiweiß-Spitzen anbräunen.So bleiben die Tupfen weich und cremig.

Alternative: nach dem Befüllen der Böden mit der Zitronencreme bereits die Eiweiß-Tupfen aufsprühen und mitbacken (wird dann ein leicht knuspriges Baiser). Bei der backzei dann aber genau die Spitzen beobachten, damit sie nicht verbrennen.

 

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6 Comments

  • Reply Genuss Sucht | Gourmandises Françaises: Tarte au Citron 17. September 2014 at 17:41

    […] zubereitet und besticht später durch leuchtendes Sonnengelb auf dem Kuchenteller, wie man im GenussSucht Rezept für Tarte au Citron sehen […]

  • Reply Ina Kellner 23. Januar 2013 at 20:51

    …bringt mir den Geschmack,Geruch und die Erinnerung an die Bretagne in die Küche…vielen Dank…toller Blog

  • Reply Farid 27. April 2012 at 22:54

    Wirklich Nice! Gefaellt mir! Wo ist der Like Button fuer Facebook?

    • Genuss-sucht
      Reply Genuss-sucht 27. April 2012 at 23:05

      Vielen Dank! Der Button ist direkt über und direkt unter dem Einzelbeitrag. I like likes!

  • Reply Debbie 19. April 2012 at 02:04

    Can you translate this amazing looking lemon tart to English, please! 🙂

    • Reply genusssuchtblog 19. April 2012 at 10:05

      The easiest and quickest way to translate usually is http://translate.google.de/
      So here we go with the lemon tartlet recipe:

      Ingredients for 6-tartlets molds (or 1 regular tart form):

      dough:
      250g flour
      1 tablespoon cooking oil (neutral taste)
      salt
      125g butter
      2 tablespoons water

      filling:
      1 egg
      2 organic lemon (juice of two lemons and lemon zest from one lemon)
      60g butter
      1 organic lemon for garnish

      Meringue topping (if you like):
      2 egg whites
      65g icing sugar

      Preparations:
      Cut the butter into small pieces and knead with flour with oil into a homogeneous dough. If necessary (only for manual kneading) add a little water to moisten the dough. Shape dough into a ball, cover and set aside for 3 hours (at room temperature).

      And there you go:
      Preheat oven to 200 degrees celsius (top and bottom). Roll out the dough (not too thin) and line the ramekins with it. Use a fork to prick holes in the ground, cover with parchment paper and baked peas as a weight, set out in the oven and blindbake it for about 12 – 15 minutes (for a large tarte 25 minutes). Take out, remove parchment paper and baked peas and, if necessary, put it back into the oven for a few minutes up to the desired degree of browning. Allow to cool.

      Finely grate one lemon’s zest. Squeeze 2 lemons. Cut the third lemon into thin slices and remove the seeds from the slices.

      For the filling put lemon zest, lemon juice, sugar and butter in a saucepan and heat on low to medium heat. Keep stirring the liquid (with a whisk) and melt the butter. After about 2 more minutes of stirring the crème will slowly start thickening. Make sure that the cream is not too hot and starts boiling (we do not want to make a lemon tart and scrambled eggs) .. Once the cream has thickened enough and the sugar is completely dissolved, remove from heat.

      Reheat oven at 180 degrees. Fill the cream into the tartlets (only fill up to 2/3 unless the lisquid will bubble while baking), garnish with lemon slices and bake about 15 minutes (whole tart: 25 minutes). Allow to cool.

      For the topping, beat egg whites and powdered sugar for about 5 minutes until very stiff (the mass should be thick and glossy). Place in a piping bag and spray spots onto the cold tartlets. Gently brown the tops with a gas pistol (one of these crème brulée gas pistols will do). This way the meringue remain soft and creamy.

      Alternative: After filling the shelves with the lemon cream you can garnish with the meringue right away and bake it (for a slightly crunchy meringue). Keep an eye on the tips to avoid burning while they bake in the oven.

      Hope I could help you out with this. Have fun with the recipe!

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