GENUSSKULTUR LEBEN

Raum für mehr. / Teil 1 einer kleinen Retrospektive

21. September 2012
Genusssucht_Post_Platzhalter

Der letzte Blogpost ist mittlerweile eine gute Weile her und ein bisschen Schuldbewusstsein schleppte sich mit mir durch die Tage des letzten Monats. Warum ich gerade nicht blogge, wurde ich bereits mehrfach gefragt, oder ob das Bloggen langweilig geworden sei. Aaaaber – es ist natürlich ganz anders als vermutet. Und weil ich euch nicht mit einem einzigen, langen Blogpost über die erste Retrospektive meines Jahres verschrecken will, habe ich es mal lieber in zwei Häppchen aufgeteilt. Heute gibt es Teil 1 davon zu lesen. Aber Vorsicht: Es geht so wenig um Essen wie nie zuvor. Diesmal gibt es nur ein Rezept zum Glücklichwerden.

Aber nun zurück zum Grund, weshalb alles anders ist als vermutet. Denn das war so:
Ich habe Freiheit geatmet, viel davon, in langen, tiefen Atemzügen. Habe die Ideen fliegen lassen durch die Tage, die Zeit, den Raum, mein Leben. Und ich flog mit. Der Genuss nimmt eine so große Rolle in meinem Leben ein, dass ich nicht nur dem Kochen, den Produkten, dem Essen und Trinken, sondern selbst dem freien geistigen Flug großen Genuss abgewinnen kann. Heute ist ein Moment, an dem ich euch gerne ein bisschen mehr dazu erzählen möchte. Vom großen Rahmen, der sich um das Kochen, Essen, Trinken und Genießen herum gesponnen hat und diese Dinge sowie die Begeisterung und Ambition, die ich damit sehr eng verbinde, zusammen hält. Ich möchte euch ein Stück vom Beginn meiner Reise erzählen – um euch irgendwann demnächst, wenn die Zeit dafür reif(er) ist, mehr Einblicke in die sich Stück um Stück erweiternde Welt meiner Reise geben zu können.

Die Reise, die vor langer Zeit in meinem Kopf zu einem immer konkreteren Wunsch erwuchs und deren Realisierung vor einem Jahr mit den ersten Schritten auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel begann, bringt mich zu immer neuen Orten. Dabei meine ich nicht Städte oder Flecken, sondern Seelenorte. Es mag ein bisschen abstrakt, ein bisschen hoffnungslos poetisch und fast schon anmaßend philosophisch, wenn nicht sogar annähernd abgedroschen klingen, aber die Reise führt mich an die entlegensten Winkel meines Seins. An einer Idee angekommen, verweile ich gern ein bisschen, spinne mich durch die Flut an Eindrücken und neuen Blickwinkeln, verharre kurz im Möglichen, diskutiere mit dem Tatsächlichen, resümiere das Wünschenswerte, springe dann wieder weiter zu anderen Perspektiven, anderen Orten. Es ist eine Weltreise durch das Universum meiner Begeisterungsfähigkeit und Liebe für das Leben.

 

[flickr id=“8008575527″ thumbnail=“medium_640″ overlay=“true“ size=“medium_640″ group=““ align=“none“]

 

Die wohl beliebteste Frage nach meiner Rückkehr aus Lyon, die Menschen beim Erblicken meiner Person, beim Erklingen meiner Stimme sofort stellen müssen, weil es ihnen so sehr unter den Nägeln brennt, ist „Und – wie geht es jetzt weiter?“. Regelmäßig folgt darauf ein breites Grinsen, eine die Frage verdrängen wollende Handbewegung, eine sich windende, verhaspelnde, oft auch recht wilde Antwort. Es ist schwer Anderen zu beschreiben, in welchen Schlangenbewegungen meine Reise sich fortbewegt, weil sie meistens bei jedem Wiedertreffen schon wieder neue geheimnisvolle Pfade und Windungen gefunden hat und es schwer ist, die zwischenzeitlich entstandene Wegeslücke noch chronologisch korrekt wiederzugeben. Eine Verwirrungstaktik, könnte man mir böse unterstellen. Eine echte Findungstaktik, kann ich darauf nur immer wieder versöhnlich entgegnen.

Am 2. Oktober werde ich meinen ersten Jahrestag feiern. Ein Jubiläum mit mir selbst. Es war der Tag, an dem ich 2011 mein Praktikum im Foodstyling von Food & Living, der Foodredaktion des Bauer Verlags, begann. Als damals noch 30-Jährige, die sich nicht weiterhin wie so viele Menschen alternative berufliche Perspektiven sehnsüchtig herbeiwünschen, sondern das neue Betätigungsfeld aktiv suchen, untersuchen und ausleuchten wollte. Mit diesem Tag schloss ich eine 1,5-jährige Phase voller Weiterbildungen, Kurse und Seminare ab, in denen ich mich vorrangig meinem Hobby Fotografie gewidmet hatte – mit voller Inbrunst und neuen Konsequenz-Dimensionen. Ich hatte meinem sonst projektbedingt sehr zeitintensiven und einnehmenden Job als Freelance Kommunikationsberaterin, der mir üblicherweise so gut wie kein Privatleben in den Projektphasen übrig ließ, mit neuer Disziplin Grenzen zugewiesen um mich Stück und Stück aus der Kralle seines vereinnahmenden Wesens freizukämpfen.

Sich an einem Abend pro Woche für einen Kurs pünktlich aus meinen Projekten auszuklinken, was vielen Berufstätigen ein Leichtes ist, war für mich eine anstrengende Aufgabe. Jede Woche wieder musste ich Tage planen, lange in alle Richtungen mein unverhandelbar zeitiges Verschwinden aus dem Büro abends um 18.30 Uhr ankündigen und wiederholt kommunizieren, Druck aufbauen, mit dem Kopf durch die Wand um am Ende eines Arbeitstages nassgeschwitzt vom Rennen und mit hektisch rotem Kopf in einem Kurs anzukommen und noch 3 Stunden an einem Herzensthema zu arbeiten. Was am Anfang ein sich wöchentlich wiederholender Kampf war, gewann mit der Zeit Routine. Die sture Stirn, mit der ich regelmäßig die Wände einrannte, verursachte mit der Zeit immer weniger blaue Flecken. Unzählige Wochenenden verbrachte ich rast- und ruhelos auf Seminaren, lernte dazu, fing an mich mehr auf meine Herzenswünsche zu fokussieren, wieder mehr auf mein Herz zu hören, das Herz überhaupt wieder zu verstehen. Auf einmal fühlte sich alles, was über die Jahre in Schieflage gerate war, wieder richtig an, verselbständigte sich, nahm größere Formen und Gedanken an. Ich wurde endlich wieder mehr anstatt immer ein bisschen weniger.

Seitdem hat sich genau das zu meinem tagtäglichen Ziel erbaut: Jeden Tag mehr zu sein als am Tag zuvor. Das muss ich mir weder täglich vorbeten noch habe ich heute das Gefühl, darum kämpfen zu müssen. Wer die jahrelang gewählte Zwangsjacke auszieht, erfreut sich an jeder Fortbewegung – auch wenn es an manchen Tagen eher kleine Wimpernschläge als große Sprünge sind. Es ist ein wunderbares Gefühl zu werden, nicht nur zu sein. Was ich werde, spielt dabei eine maßgebliche, aber bei Weitem nicht die wichtigste Rolle. Dass ich werde, mehr werde, mehr ich werde, erfüllt mein Herz mit so viel Begeisterung und Liebe, dass es lange Atemzüge braucht, um ihr den nötigen Freiraum zu verschaffen. Freiraum, um Ideen fliegen zu lassen, aufleben zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu geben mehr zu werden.

Ich wünsche euch, dass ihr heute ein bisschen fliegen könnt – ein paar Wimpernschläge weiter als ihr es bislang konntet. Und dass ihr dabei erkennt, wie ihr heute mehr sein könnt als gestern.

 

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Ausrechnen, eintippen und dann absenden. * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Genuss bringt Menschen zusammen.
Du willst mehr kulinarische Anekdoten und Rezepte? Dann trage dich für den Newsletter ein. Als Dankeschön erhältst du ein RECETTE DU WEEK-END mit allen Genussextras.