GENUSSKULTUR LEBEN

Raum für mehr. / Teil 2 einer kleinen Retrospektive

23. September 2012
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Meine Suche nach dem Mehr hat sich seit dem Praktikum im Foodstyling, in dem ich durch das Ausprobieren und das Nochmal-Anfangen viel über mich, meinen Anspruch und meine Ambitionen lernte, zu vielen Orten gebracht. Ich habe ausprobiert, experimentiert, variiert, meine Grenzen ausgelotet, den Neuland-Boden auf Standfestigkeit geprüft und nicht nur getestet, ob ich zu den neuen Orten passe, sondern vor allem ob sie zu mir passen. Ich bewegte mich weit hinaus aus meiner Komfortzone, nahm große finanzielle Einbußen in Kauf,  indem ich viele Projektanfragen absagte und so mehr nötige Zeit für mein Experimentieren und ein mögliches Mehr schuf. Der Wille, wirklich neu zu beginnen, packte immer fester zu. Als ich dann im Dezember 2011, wenige Tage vor Weihnachten und mit zu diesem Zeitpunkt schon fast versagter Hoffnung, nach 3-monatigem Warten endlich eine Zusage vom Institut Paul Bocuse für die Teilnahme am 6-wöchigen Kochkurs erhielt, wurde mir unmittelbar klar, dass sich 2012 all meine Schritte endlich vom Trampelpfad in solidere Wege verwandeln würden.

Irgendwann zwischen den Tagen des Jahresabschlusses, der Jahresresümees und des Jahreswechsels sammelte ich all meinen Mut zusammen und startete, völlig beseelt von der Erfüllung eines tagelang vorbereiteten 5-Gänge Menüs, das ich traditionellerweise in den Tagen nach Weihnachten für eine große Runde Freunde gekocht hatte, frisch in das Jahr 2012. In großer Vorfreude auf den Frühsommer am Institut Paul Bocuse in Lyon wollte ich mehr kochen, versuchen, üben und besser werden. In fleißiger Tag- und Nachtarbeit ließ ich eine Idee aufleben, die schon äußerst lange in den hinteren Winkeln meines Kopfes vor sich hin brütete. Ein Supper Club sollte es werden. Einer, der mir Raum verschaffen würde für mehr Versuche, mehr Übung, mehr Training, mehr Spaß. Im intimen Kreis zuerst, nur für Freunde und die Freunde, die diese gerne mitbringen wollten. Der erste Genusssucht Abend fand, damals mit einem bewusst einfach gewählten 3-Gänge-Menü, schon eine Woche nach der ersten offiziellen Ankündigung im Freundeskreis statt. Die Menüs, wechselnd zwischen 3, 4 und 5 Gängen, stellte ich in viel gedanklicher Geschmacksarbeit zusammen, kochte viele Tage dafür, stand manches Mal trotz hektischer Projektphasen um 6 Uhr morgens auf dem Markt, um alles noch vor dem Arbeitstag frisch einzukaufen und abends nach Feierabend direkt mit den Vorbereitungen durchstarten zu können.

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Das Bewirten, Gastgeben, Kochen und Vorbereiten füllte mich sehr aus, gab mir Sicherheit für Lyon, ließ mich etwas weniger zweifeln an meinen amateurhaften Grundkenntnissen und vor allem mehr Mut schöpfen für die Begegnung mit 9 weiteren Kochkursteilnehmern in Lyon, von welchen ich nicht wusste, auf welchem Kochniveau sie sich befinden würden. Die ersten Schritte waren getan, auf einmal waren dort nicht mehr nur Hoffnungen und Wünsche, sondern bereits erste Erfahrungen und noch größere, schon konkrete Vorhaben. Ich jedenfalls fühlte mich gewappnet. Ich war sehr hungrig nach mehr.

Was dort in Lyon, als Kochschülerin am Institut, 6 Wochen lang passierte, ist längst kein Geheimnis mehr, sondern Teil dieses Blogs, der kurz nach der Ankündigung des ersten Genusssucht Abends – damals eigentlich nur als ergänzende Kommunikationsplattform zu den Genusssucht Abenden angedacht – ebenfalls Atem eingehaucht bekam. Meine Ambitionen nahmen in aller Kürze rasante Fahrt auf, ich war hochinspiriert, glücklich, konnte und wollte meine Inspiration mitsamt hunderttausenden Ideen nicht mehr stoppen oder eingrenzen. Die Motivation des Veränderungswillens verwandelte sich in die Gewissheit, dass das Thema, das mein Kopf sich lange Zeit zuvor heraus gesucht hatte, genau mein Thema war. Und so rasten die Monate seit Januar mit unbekannten Tempo dahin und ich flatterte, fest mit allen Händen an die Dynamik meiner Impulse geschnallt, mitsamt der verwobenen Ereignisse und  magischen Momente in ihrem Windschatten durch Raum und Zeit. Wenn ich mir heute vor Augen führe, wie frisch eigentlich all das noch ist, wie wenige Monate nur zwischen allen Ereignissen und all diesen Schritten liegt, ertappe ich mich gerne bei ungläubigem Kopfschütteln. Gerade einmal knappe 9 Monate später – es war eine bislang wirklich unbeschwerte Wissens-Schwangerschaft – stehe ich kurz vor der Geburt neuer Abschnitte.

Und so sinniere ich in diesen Tagen und Wochen über neue Geschäftsideen, lasse die Gedanken fliegen, die Wünsche und Sehnsüchte hinterher, warte ab was an Ideen zurückkommt, wälze sie ein bisschen durch meinen Kopf, trage sie in meinem Herzen umher, sehe zu wie sie langsam mehr Gestalt annehmen, garniere sie mit allerlei Was-wäre-wenn-Gewürz, schmore sie ein bisschen in der Hitze meiner Begeisterung, schmecke intensiver hinein, lasse am Ende Manches stehen, werfe Manches weg, schreibe Manches in mein heiliges Notizbuch und versuche oft zu einem späteren Zeitpunkt, es mit anderen Elementen zu einem Gesamtgericht zu verbinden. Elemente verbinden sich noch, ich denke über mögliche Namen nach, spüre in eine Zukunft hinein.

Welche Ideen gerade in meinem Kopf fliegen, hängt von Tag, Zeit, Ort ab und lässt sich genau deshalb auch nicht so einfach mit einer kurzen, knackig resümierten Antwort auf die Frage „Und – wie geht es jetzt weiter?“ beantworten. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass Viele mich dabei nicht verstehen können, weil sie in sicherheitsorientiertem Denkmuster versuchen, hinter all meinem Suchen und Versuchen ein klares Ziel zu erkennen. Sie sehen wie schwanger ich mit all meinen Vorhaben gehe, wollen wissen ob es ein Junge oder Mädchen wird, wo wir wohnen und wovon wir leben werden. Doch mein Leben funktioniert, seit ich mich des ersten aktiven Denkens entsinnen kann, anders als das der Sicherheitsbedürftigen. Ich lasse das Leben so gerne einfach geschehen, lasse Intuition und Kreativität miteinander spielen bis sie müde und einer Meinung sind. Ich suche und versuche. Scharre und verharre. Ich finde und befinde. Schließe ein und schließe aus. Springe vor und manchmal auch wieder zurück – mal einen Schritt, mal wieder ganz zum Anfang.

Es gibt kein Verlieren und kein Scheitern mehr, wenn auf dem Puzzle-Karton kein Endmotiv aufgedruckt ist. Nur so kann ein Bild entstehen, das am Ende aus allen meinen Persönlichkeitsteilen besteht, mir und meinen Ansichten wirklich gerecht wird. Und so puzzle ich unablässlich weiter: suche neue Bilder, versuche andere Teile miteinander zu kombinieren, scharre weit bis unter das Offensichtliche und verharre bis ich unerwartete Konstellationen finde, befinde ob sie in mein Weltbild passen, schließe Optionen ein und andere aus, lege mal zwei neue Teile an oder andere wieder weg, mache Tabula Rasa wenn gar nichts mehr zusammen zu passen scheint und beginne schamlos und ohne jegliche Enttäuschung von vorn.

Ich bin sehr dankbar, dass mir dieser Mut zur stetigen Veränderung und vor allem der Mut zur Lücke in die Wiege gelegt wurden, die andere Menschen manchmal schon beim bloßen Zusehen oder Zuhören verängstigen. So viele brauchen das Bild auf dem Karton, das übergeordnete Ziel und die Marschrichtung, fühlen sich in zu vielen Optionen schnell verloren. Ich hingegen liebe das Chaos zwischen allen Möglichkeiten, die damit verbundene Kreativität und am Ende sogar das stets fehlende Puzzleteil. Weil es immer Raum hinterlässt. Für alles, was möglich ist. Für Fantasie und Poesie.

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An einer Wand in meinem Wohnzimmer hängt eine Reihe von Andy Warhol Bildern. Als ich sie vor wirklich langer Zeit aufhängte, war der Rahmen für das 5. Bild gerade nicht lieferbar und ich ließ zwischen dem 1. und dem 3. Bild eine Lücke dafür zurück, um schon einmal alle anderen Rahmen aneinander ausrichten zu können. Seitdem ist das 5. Bild nicht ergänzt worden, dieses Puzzleteil meiner Wandgestaltung fehlt. Offensichtliche Lücke, verbliebener Spielraum, offener Denkraum, unvorhersehbarer Inspirationsraum. Das fertige Wandbild interessiert mich nicht mehr, weil es eine Begrenzung der Möglichkeiten darstellen würde. Jedes Mal bewundere ich aufs Neue die verräterische Lücke an der Wand, wenn sie mir, direkt gegenüber auf der Couch sitzend, in den Blick springt. Und bei jedem Anblick, jedem Bemerken, jedem Nachdenken entscheide ich mich wieder für den Fortbestand dieser Lücke. Sie ist symbolisch für die Freiheit, ist der lange Atemzug des Moments, die Reise, die Suche. Und morgen ist sie vielleicht mehr als das – der Raum dafür ist geschaffen.

Ich wünsche euch, dass ihr zwischen Alltag und Verpflichtungen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit eure kleine Lücke findet. Sie ist da, so präsent, dass man sie gerne übersieht, aber gefüllt mit großer Freiheit. Das verspreche ich euch.

Genießt euren Sonntag!

 

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1 Comment

  • Reply Sascha 23. September 2012 at 16:55

    Raum für mehr!

    Inspirierend und motivierend und ein wenig teilhabend an dem Abenteuer, dass Du eingegangen bist als Du Dich aufgemacht hast Deine Welt zu verändern, neue Räume zu erschließen, Welten neu zu erfinden. Jeder sollte nach seiner „Lücke“ suchen oder ab und zu danach Ausschau halten. Den Mut muss man haben, den Fuß einen Schritt weiter als gewohnt setzen und „naiv“ genug sein, dass alles so wird, wie man es sich ausmalt „If you can dream it, you….“! Ein Spruch, der einen Teil meines linken Zeigefingers rühmt, kommt soviel Bedeutung nach wenn man erkennt, dass das Leben viel mehr Wert ist als man manchmal denkt bzw. investiert.

    Danke für diesen Einblick in Deine Geschichte, von der der Anfang erst ein Anfang gewesen ist!

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