Institut Paul Bocuse KÜCHENABENTEUER

Puh.

7. Mai 2012

Noch bevor die wirkliche Aufgabe beginnt, fällt die größte Last schon von den Schultern. Heute Abend habe ich die wundervollen Mitstreiter meines Kurses „Cuisine & Culture“ kennengelernt. Passionierte, denen das Kochen, die Küche, die Zutaten, das Essen, das Miteinander reden genauso wichtig ist wie mir. Menschen, die aus dem Reden über Genuss nicht mehr rauskommen, die philosophieren und teilen, sich begeistern und am Ende einfach mehr wollen. Die genießen was ist, egal was kommt.

Aber erstmal von Anfang an. Der Tag begann ruhig, die Sonne schien mir nach dem Aufstehen auf meinem kleinen Balkon ins Gesicht, mit zugekniffenen Augen saß ich dort und trank gedankenverloren eine große Schale Café au lait. Ich wollte zu den Halles de Lyon Paul Bocuse, dem Indoor-Markt mit ca. 60 Produzenten, die nur das Beste aus der Region verkaufen. Fleisch, Geflügel, Fisch, Meeresfrüchte, Gewürze, Kuchen, Tartes, Brot, Pralinen, Macarons. Alles, was das Herz sich ausdenken und wünschen könnte. Inländisches und Ausländisches. Doch erst einmal, so beschloss mein Gemüt, sollte noch eine zweite Schale Kaffee getrunken werden, bevor ich in der Lage war, mich auf den Weg zu machen.

Als ich endlich ankam in den Hallen des luxuriösen Überflusses, hatte ich zwar eine Menge Koffein im Körper, aber noch immer kein Frühstück, geschweige denn einen blassen Schimmer wonach mir war. Wie schon vor 2 Jahren geschehen, lief ich die zahlreichen Gänge auf und ab, verharrte hier, verlor mich da, schaute und staunte und schnaubte vor Ratlosigkeit. Betrachtete Menschen, ließ mich von Menschen betrachten, hörte hin, hörte weg, vernahm ein „Pardon“ hier, ein „Pardon“ da, schwebte durch die Szenerie.Eine gute Stunde später waren viele Koch- und Shopping-Anregungen für die Wiederkehr an einem anderen Tag im Kopf und zwei Taschen am Arm: eine Tüte mit Macarons, ein Stück verführerische Pissaladière.

 

GenussSucht_Pissaladière
Doch das verfrühte Tageshighlight wurde später am Tag noch durch einen unbeschreiblichen Abend übertroffen. Zwischen Müdigkeit und leichter Aufregung hin- und hergerissen vergingen die wenigen Nachmittagsstunden im Flug. Es polterte auf dem Flur, ich hörte Stimmen, hörte Amerikaner, ertappte mich einmal dabei, wie ich durch den Türspion schaute, ob die Menschen am Aufzug wohl aus meinem Kurs sein könnten. Nur Aufmachen und Ansprechen, das war noch nicht drin. Als ich um 18.12 Uhr aus der Tür meines Apartments trat, um den Weg in die Lobby anzutreten, wo wir uns alle um 18.15 Uhr treffen sollten, stieß ich erst einmal auf eine kleine Horde 16- bis 19-Jähriger, lächelte aufgesetzt mit einiger Besorgnis über die Zusammensetzung der Gruppe, schloß im Aufzug meine Augen für einen Moment um das Mantra „Alles wird gut und auch mit diesen Teenies könnte alles wunderbar werden“ aufzusagen, atmete tief durch, trat aus dem Aufzug, sah die Horde an mir vorbeiziehen und aus dem Hotel stürmen. Puh.

Übrig blieben 3 Damen auf Sofas, die ich geistesabwesend fragte „Institut Paul Bocuse?“ und denen nach der gleichen Schocksekunde über die Teenagerhorde endlich wieder Leben ins Gesicht huschte, als sie meine Worte hörten. Ja, sie gehörten zu mir. Und nach und nach kamen noch zwei weitere Teilnehmer dazu, bevor endlich jemand dazu stoß und unverblümt rief „Stéfanie!“. Äm, ich, ja. Aber wer kannte hier wohl meinen Namen, dessen Gesicht ich nichtmal kannte? Achso, die Organisatorin. Oui, oui, c’est moi. Erleichterung. Ein paar unbeholfene Kommunikationsanfänge später wussten wir voneinander die Namen, die Herkunft, die Anreisezeit und Zimmernummer. Was muss man schon mehr wissen, wenn man die gleiche Leidenschaft hat.

In mittelgroßer Runde wurden Bustickets verteilt, organisatorische Dinge besprochen, Fragen beantwortet, Sorgen aufgenommen, die ersten bösen Späße gemacht. Danach fuhren wir in die Altstadt, zum Place Bellecour, in das unfassbar schöne Vieux Lyon, wo wir auf die letzten Mitstreiter stießen, die nicht in unserem Hotel wohnen. Erster Stop war das „Le Royal“, das 5-Sterne-Hotel des Instituts Paul Bocuse, an welchem die Hotellerie-Schüler ihren Dienst verüben. Man zeigte uns das kleine Restaurant darin als wunderbare Frühstücks-Getaway für Wochenenden oder als preisgünstigeres Restaurant für kleine Dîners, danach die klassisch in rot getauchte und gemütliche Bar, an die man am Place Bellecour gerne mal kurz ein bisschen Ruhe mit einem guten Drink genießen kann und anschließend noch die Standard- und Deluxe-Zimmer, erzählte uns ein bisschen etwas über die Hotelmanagement-Schüler, schaffte ein bisschen Atmosphäre.

Da das Restaurant Sonntagabends leider geschlossen hat, wanderten wir weiter durch die schöne Altstadt ins Restaurant Café Épicerie und kehrten dort für den Rest des Abends ein. Nicht zu Etepetete, nicht zu bodenständig, sondern genau richtig für den ersten Ankunftsabend. Es gab ein 3-Gänge Menü mit Auswahlmöglichkeiten, ich entschied mich für eine kalte Entenleberterrine auf Lyoner Art, sehr kräftig gewürzt und auf der Zunge zart dahinfließend, danach ein dickes Stück feinstes Lammfleisch, dazu Kartoffelbrei mit Schnittlauch und Olivenöl, eine Sellerie-Sesam-Rettich-Paste und eine Pastinaken-Paste. Zum Abschluss suchte ich mir die Birnen in Beaujoulais aus, mit Anis und Zimt eingekocht und  gekühlt serviert. Das Essen war wirklich gut, das Brot außergewöhnlich, die Gespräche quer über die Tafel hinweg herzlich und interessiert. Die letzte Kursteilnehmerin kam direkt vom Flughafen an die Tafel gefahren, zusammen mit ihrem Vater, der das Nesthäkchen der Gruppe die ersten Tage wohlbehalten wissen möchte.

Unser Team ist wild gemischt, eine beruflich umsattelnde Französin aus Marseille die Erfüllung sucht, eine mit dem zweiten Kind schwangere Französin aus Lyon die nach neuer Lebensaufgaben sucht, ein Libanese-Kanadier der seit einem Jahr in Frankreich wohnt und nach seinem Diplom endlich auch mit elterlicher Genehmigung neue Herausforderung sucht, eine frischgebackene Rentnerin aus den USA die schon immer von einem so intensiven Kochkurs geträumt hat es aber erst jetzt verwirklichen kann, eine Mutter von zwei Teens aus Singapur die sich neue Ziele stecken will, eine Brasilianerin aus der Nähe von Sao Paulo die nach Inspiration für einen neuen Job sucht, ein Italiener aus Rom der schon am ersten Abend das Tiramisu des Restaurant verabscheute, ein Amerikaner der im Weinbereich arbeitet und neue Horizonte sucht, das Gruppen-Nesthäkchen aus Dallas, das anhand des Kurses den weiteren Weg ihrer beruflichen Zukunft sucht sowie eine Deutsche, deren Genuss neue Horizonte sucht.

Und irgendwann am Abend, vielleicht in der Stunde der Präsidentschaftsentscheidung in Frankreich, vielleicht während der Siegerrede Hollandes, vielleicht aber auch irgendwann zwischen Zeit und Raum wurde aus 10 Unbekannten ein kleines Team. Eins das sich schon am ersten Abend um das gegenseitige Wohl kümmerte, zusammen organisierte und plante. Das sich mit glänzenden Augen, glühenden Wangen und einem kleinen bisschen Unsicherheit über alles, was kommen wird von ihrer Liebe für das erzählte, was uns alle vereint und was uns hier nach Lyon gebracht hat. Wir erzählten, als gäbe es kein Morgen, kein Übermorgen oder keine nächste Woche.

Alle sind aufgeregt, alle erwartungsvoll, alle froh dass es begonnen hat und vor allem glücklich, dass wir uns wohlfühlen miteinander. Der Eifer, die Kenntnisse, der Hintergrund, das Alter und die Ziele mögen sehr unterschiedlich sein, aber das Wichtigste teilen wir: unsere Liebe für das Kochen und die französische Küche. Es gab in keiner Ecke des Tisches auch nur einen ruhigen Moment. Alle waren erleichtert, an den Anderen interessiert, an deren Geschichten, Motivationen und Gedanken. Als wir am Ende aufbrachen, wären alle noch für einen, sicher auch für zwei oder drei Drinks bereit gewesen. Aber alle wollen morgen fit sein – weil wir alle wissen, dass wir Glück haben hier zu sein und das Beste daraus mitnehmen wollen. Mein Instinkt sagt mir schon heute, dass nicht nur neue Kenntnisse, sondern auch Freundschaften am Ende im Gepäck mitreisen werden. Das kann ja wieder eine fröhliche Packarie werden!

Aber jetzt erstmal: Schlafen. Schnell. Um 8.15 Uhr geht’s zum Institut. Dann ist Kochuniform-Anprobe und danach werden die großen Messer gewetzt. Die erste Last ist genommen, was bleibt ist große Freude. Auf ins Gemetzel!

GenussSucht_Macaron

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2 Comments

  • Reply Matze 9. Mai 2012 at 15:02

    Während Sie bei Paul weilen und das Leben genießen, überschlagen sich in Hamburg die Ereignisse: Promi-Schlachter W. aus E. sieht sich bösen Vorwürfen ausgesetzt, angeblich hat er Tiefkühlfleisch als Frischware in den Umlauf gebracht. Wird natürlich alles schön ausgeschnitten und für Sie aufgehoben.

    • Reply Genusssucht 9. Mai 2012 at 23:12

      Oh ja, bitte archivieren Sie das alles in den privaten Archiven, Herr L.! Es dankt herzlichst, die Genusssüchtige

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