KAFFEE TRINKEN

Montagsmahlerei: das Wort zum Kaffee

4. Mai 2015
GenussSucht_Montagsmahlerei-das-wort-zum-Kaffee_1725

Montagmorgen nach einem verlängerten Wochenende. Ausgiebiges Genießen war angesagt, Freunde und Familie standen auf dem Terminplan und Haushaltsarbeiten, die schon viel zu lange unerledigt waren. Spannende, aufregende, vielbeschäftigte Tage. Und dann – plötzlich und unvorhergesehen! – ist wieder Montag. Routine, Alltag, Arbeit, frühes Aufstehen, ausgiebiges Gähnen. Was man dann braucht und wohl in mindestens 90% aller Fälle folgt, ist eine genüssliche Allzweckwaffe gegen die Montagsdiagnose: Kaffee!

 

„Er muss nicht schmecken, sondern wirken!“, 

habe ich leider schon allzu oft gehört. Denn der Kaffee hat zwar in den vergangenen Jahren im Leben aller Großstadt-Hipster einen neuen, bedeutungsvollen Stellenwert bekommen, aber in der breiten Masse interessiert man sich nicht immer für Kaffeequalität. Wach wollen wir werden und bleiben und Kaffee ist das Vehikel zum Erfolg. Da reicht doch auch die nicht zu verbannende Uralt-Kaffeemaschine, der Kapselkaffee oder das schnell lösliche Kaffeepulver.

Kein Büroalltag ist denkbar ohne die omnipräsenten Kaffeetassen, verkrustete Kaffeemaschinen, Müllberge aus Kaffee-Pads und Aluminium-Kapseln, für welche absurd hohe Geldbeträge ausgegeben werden um eine niemals stillstehende Marketingmaschinerie der Kaffee-Multikonzerne zu finanzieren. Selbst im sonst recht dröge anmutenden Alltag deutscher Ämter wundert man sich am Schreibtisch von Ansprechpartnern über die skurrilen Lieblingskaffeetassen einer unkreativen Spezies: bedruckt mit personalisierten Sprüchen, vermeintlich lustigen Cartoons, allerliebsten Tierbildchen oder allerlei bunten Werbeaufdrucken.

 

Der Kaffee hat Deutschland fest im Griff

2012 stand Deutschland an siebter Stelle des weltweiten Pro-Kopf-Verbrauchs (die Zahlen stammen vom Deutschen Kaffeeverband). Sogar noch vor Italien, wer hätte das gedacht?

Während der EU-Durchschnitt bei 4,84 Kilogramm Rohkaffee pro Kopf und Kaffeetasse lag, brühte Deutschland sogar 7,27 Kilogramm. Davor lagen noch Schweden, Schweiz, Dänemark, Norwegen mit jeweils 7 bis 8 Kilogramm. Österreich, an zweiter Stelle mit 9 Kilogramm, steht noch immer in weitem Abstand zum Erstplatzierten. Denn Finnland verbraucht gleich 12 Kilogramm pro Kopf und ist somit zu der größte Kaffeejunkie in dieser Rangliste.

Mehr als 1 Million Tonnen Rohkaffee wurden im Jahr 2013 an die Häfen Hamburg und Bremen geliefert. Das entspricht sage und schreibe 18,5 Millionen Säcken Rohkaffee. Ziemlich beeindruckende Zahlen, wenn man sie sich mal auf der Zunge zergehen lässt. Doch nicht die gesamte Menge wird auch in Deutschland konsumiert, sondern teilweise wieder an Nachbarstaaten weiterverhökert. Das gilt übrigens nicht für Deutschland, sondern auch für nahezu alle Länder, die Rohkaffee importieren.

 

Kaffee, Wasser oder Bier?

Unter den Lieblingsgetränken der Deutschen gibt es drei klare Favoriten: Wasser, Kaffee und Bier. Man sollte meinen Wasser läge an erster Stelle, doch natürlich verhält es sich anders als vermutet. Mit 165 Litern Kaffee und nur 140 Litern Wasser pro Kopf zeigt sich eine klare Präferenz der Flüssigkeitsaufnahme. Und Bier? Liegt mit 107 Litern pro Kopf gar nicht so weit entfernt wie gedacht. Wir Deutschen sind wirklich ein seltsames Genussvölkchen.

 

Raum und Zeit für Kaffee

Seit Kaffee zum Lifestyle- und Funktionsgetränk avanciert ist gab es eine bedeutende qualitative Entwicklung. Die große amerikanische Kaffeekette hat sicher einen Beitrag dazu geleistet, den Coffee to go in den Köpfen der arbeitenden wie auch shoppingflanierenden Großstadtbevölkerung zu verankern und den Genuss so aus der heimischen Küche teilweise nach außen zu verlagern.

Dennoch macht der Coffee to go Bereich gerade einmal 7,3 Prozent aller Kaffeeekonsumorte aus. Denn noch viel öfter wird Kaffee in Bäckereien und Stehcafés (32,9 %), an Tankstellen und Raststätten (11,5 %), Automaten (11,1 % – wie konnte das nur geschehen?) und in Cafés (10,3 %) konsumiert. Restaurants liegen da mit 5,1 % sogar noch hinter den Fast Food Ketten und ihren 5,2 %.

Was das nicht alles über unser Genussverhalten aussagt! Ich schweife an dieser Stelle besser nicht weiter in diesen unschönen Gedanken ab, denn ich befürchte ich könnte mich echauffierend in endlosen Argumenten verlieren.

 

Latte Macchiato, Cappuccino und Milchschaum für alle!

Viel spannender noch als die Orte, an welchen wir unseren Kaffee beziehen, ist jedoch der Fakt, für welche Art des Heißgetränks wir uns begeistern. Ich höre schon alle „Latte Macchiato!“ schreien. Aber nein, liebe junge Generation, denkt auch mal an andere Zeitgenossen. Der traditionelle Brühkaffee hat noch immer eine Fangemeinde, die 59 % aller Kaffeeliebhaber ausmacht. Verrückt, was?

Latte Macchiato liegt mit 15,5 % weit ab vom Filter, nur knapp vor Cappuccino mit 13,3 % und Milchkaffee mit 11,9 %. Und Espresso, der kleine Schwarze, den ich als Genussmittel viel elementarer finde, hat gerade einmal 0,3 % Fans. Hättet ihr das gedacht? Ich nämlich auch nicht.

 

Pad, Kapsel & Kaffeebohne

Knapp 75 % unserer Kaffeesucht werden noch immer über gemahlenen Röstkaffee gestillt – kein Wunder bei der Menge der Brühkaffee-Liebhaber. Doch während die Vollautomaten mit ihren Mahlwerken in den letzten 15 Jahren die Küchen und Herzen eroberten, stiegen auch kontinuierlich die Absatzmengen ganzer Bohnen für Kaffee und Espresso.

2001 waren es noch 9.420 Tonnen im Einzelhandel verkaufte Bohnen, 2013 bereits 62.200. Eine enorme Steigerungskurve, wenn man sie grafisch betrachtet. Am Ende machen diese Bohnen knappe 16 % des gekauften Kaffees aus. Weniger als befürchtet, aber immer noch mehr als erhofft nehmen die Einzelportionen in Form von Kapseln und Pads ihre Rolle ein: rund 12 % machen sie am Markt aus.

 

Weg von den Zahlen hin zur Kaffeeliebe

So viele Zahlen gab es noch nie bei GenussSucht. Und ich kann gut verstehen, dass sie nicht sonderlich leicht zu verdauen sind. Aber ich fand sie so spannend und interessant, dass ich nicht umhin kam sie mit euch zu teilen. Kaffee betrifft doch so viele von uns Genießern.

Persönlich kenne ich nur sehr wenige Menschen, die ihn nicht mögen. Die Meisten jedoch trinken ihn täglich, oft morgens, viele auch zusätzlich noch mittags und nachmittags. Er rettet uns durch Tage, Konzentrationstiefs, lange Nächte oder verkaterte Kopfschmerzstunden. Gerade deshalb glaube ich, dass er mehr Aufmerksamkeit verdient.

 

Bitter, süß oder cremig

Allzu oft wird er einfach schnell weggetrunken, wie ein Schluck Medizin. Wir inhalieren sein Koffein so schnell es uns nur möglich ist, freuen uns auf Milchschaum oder eine Extradosis Zucker, nehmen uns aber viel zu selten die Zeit wirklich in ihn hineinzuschmecken, ihn zu erkunden und in seiner Gesamtheit kennenzulernen.

 

Mehr als nur Koffeinlieferant

In vielen Momenten – egal ob am Frühstückstisch oder im Sonnenschein im Straßencafé – spielt er eine Nebenrolle obwohl er selbst ein wunderbarer Hauptdarsteller ist. Wir reduzieren Kaffee auf ein Wahl zwischen bitter, süß oder cremig und passen unsere Auswahl entsprechend an: Brühkaffee für mild-aromatische Momente, Espresso für bittere Schocksekunden, die uns aus einem Formtief retten, Milchkaffee für cremig-sanfte Geschmackserlebnisse, die uns bloß nicht aus dem Konzept bringen sollen und ein paar Löffel Zucker für eine bitter-süße Erfahrung statt Schokoriegel.

Wir versuchen das Koffein, seine Wirkung, in eine Hülle zu stecken, die möglichst anpassbar für unsere geschmacklichen Präferenzen ist, sodass seine Eigenart möglichst erst gar nicht zum Vorschein kommt. Und das alles nur, weil wir glauben Kaffee sei immer bitter und stark.

 

Kaffee ist nicht Kaffee

Es mag an meiner Vorliebe für alles Degustatorische liegen, der Begeisterung für Aromenprofile, meiner großen Neugier oder meiner Persönlichkeit, die immer alles etwas Genauer unter die Lupe nehmen will.

Wie ein Stück Schokolade oder auch einen Wein mag ich es weiter in guten Kaffee hineinzutauchen, seine Aromen nicht mit Maskerade aus Zucker zu überschminken sondern ihm seinen manchmal herben, manchmal fruchtigen, blumigen oder gar rauchigen Charakter zuzugestehen. Kaffee ist so viel mehr als nur ein Aufputschmittel oder Heißgetränk.

Wie auch eine tägliche Portion Spaghetti mit Tomatensauce fände ich es hochlangweilig jeden Tag den gleichen Kaffee zu trinken. Denn es gibt so viele Faktoren, die den täglichen Kaffee so abwechslungsreich wie unser restliches Genussverhalten gestalten können. Röstgrad, Brühsystem und Zubereitungsart fügen ausreichend Variablen hinzu um für jede Laune, jeden Tag und nahezu jeden Moment ein passendes Kaffeeerlebnis zu bieten. Schenkt man ihm ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit, wird aus dem Kaffee nämlich schnell ein ziemlich facettenreicher Genuss.

 

Zeit zum Experimentieren

Während in den angesagten Kaffeeläden der Großstädte längst eine völlig neue Kaffeekultur gewachsen ist, haben sich neben einer nahezu unzähligen Vielfalt an Kaffee-Milch-Spezialitäten auch neue Zubereitungsmethoden breitgemacht.

Man sieht wieder öfter Handfilter, die jahrelang als Oma-Relikt verschrien waren, entdeckt professionelle italienische Siebträger in privaten Küchen passionierter Kaffeetrinker und kreuzt immer mal wieder neue Kaffeebars, in welchen mit präzisen Temperatur-, Zeit- und Gewichtmessern unter großem zeitlichen Einsatz hochkonzentriert Kaffees entstehen, die im Anschluss meist von hipster-bärtigen Profi-Baristas serviert werden.

Die Kaffeekultur hat in den letzten Jahren ihre unkonventionelle, nerdige Seite entdeckt und damit ein Stück mehr Raum für die qualitative Auseinandersetzung mit Kaffee geschaffen. Grund genug, um ihr endlich auch an dieser Stelle ein bisschen Platz zu verschaffen.

In den kommenden Wochen werde ich euch immer mal wieder etwas über das Spektrum von Kaffeegeschmack berichten. Und euch dabei sicher nicht wieder mit so vielen Zahlen überrennen – Ehrenwort! Denn dann verschreibe ich mich, wie eigentlich immer und am liebsten, komplett den Genussaspekten der hellbraunen bis tiefschwarz gerösteten Bohnen. Um euch spannende Aromen zu zeigen, die man im Kaffee wiederfinden kann. Gespickt mit dem ein oder anderen Exkurs zu meinen favorisierten Brühsystemen und meinen Kaffee-Lieblingsmomenten.

Bis dahin trinke ich, schließlich ist nun die Mittagszeit angebrochen, einen Kaffee. Schwarz und sanft, mit fruchtigen Aromen, die meiner sonnigen Montagslaune entsprechen. Ich wünsche euch einen guten Start in die neue Woche – und einen verdammt guten, genussreichen Kaffee. Lasst es euch gut gehen!

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Marja 6. Mai 2015 at 14:32

    Liebe Stefanie,

    Wie schön, dass du dich so ausführlich dem Thema Kaffee widmest. Den langen Beitrag habe ich in zwei Teilen gelesen und freue mich sehr. Bei mir hat es in Portugal Klick gemacht und ich habe dort eine ausgeprägte Liebe zum Espresso entwickelt. Heute trinke ich kaum noch Kaffee, weil es meistens nur braune Brühe ist. Der KaffeE ist nicht nur wegen seiner anderen Betonung etwas völlig anderes und verlangt leise aber ruhig und bestimmt nach Muße und Genuss. Bei auswärtigen Essen kann man(n) erkennen, wie zufrieden ich bin und welches Vertrauen ich in die Zubereitung habe. Aber im Idealfall gehört er dazu, der Espresso, der café. Lass es dir weiter gut gehen, ich denke an dich!

  • Leave a Reply

    Ausrechnen, eintippen und dann absenden. * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

    Genuss bringt Menschen zusammen.
    Du willst mehr kulinarische Anekdoten und Rezepte? Dann trage dich für den Newsletter ein. Als Dankeschön erhältst du ein RECETTE DU WEEK-END mit allen Genussextras.