ESSEN REZEPTE

Leere

27. April 2012
Genuss_sucht_Leere

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Mit großem Erfindungsgeist, kontrollierbarer Besorgnis und leidender Kochbegierde hat diese Woche aus meinem einst wohl gefüllten Kühlschrank eine erbärmliche Kältewüste werden lassen. Es ist traurig, in die Kühlschranktür zu öffnen und in so viel Leere starren zu müssen. Leere, die eigentlich keine sein müsste. Die Finger zucken jedes Mal Richtung Gemüsefach, noch bevor das Auge die Botschaft ans Gehirn senden kann, dass es darin nichts Verwertbares mehr sieht. Heute blieb mir auch noch endlich die Zeit, um diesen Zustand zu vereiteln, der Brisanz dieses Leidens noch mehr Tragik beizumengen.

Die obere Etage meines Kühlschrank, sonst restlos gefüllt mit unabdingbaren Würzzutaten wie vielen verschiedenen Chutneys für meine Lieblingskäse, Currypasten in rot, grün und gelb, Sesampaste, Mandelmus, salzigen Sardellenträumen und aromatischen Kapern in Öl, einem niemals ausgehenden Glas indischer Lieblingscurrypaste mit Tomaten und Zimt, Gläsern unterschiedlich scharfer Chilis und Jalapeños, verschiedenen Marmeladen, Konfitüren und Fruchtaufstrichen sowie Senfsorten unterschiedlicher Schärfe- und Mahlgrade, wurde bis an die Grenze des Schmerzes aussortiert.

Viele Gläser, kurz vor dem Ende, in den letzten Wochen inflationär und hektisch eingesetzt, um keine Reste zu haben, wurden entsorgt. Nur einige wenige durften bleiben – alle, die voraussichtlich in den nächsten Tagen noch aufgebraucht werden. Alles andere musste weichen. Dem beruhigten Gewissen, das nur durch Aufräumen endlich wieder Ruhe finden kann zwischen den zahlreichen to do’s dieser Tage. Der Dramatik dieses Tages noch nicht genug, wiederholte ich im Anschluss, um meine sonst sicher schnell wieder aussetzende Wegwerf-Motivation besorgt, alles noch einmal mit den Tiefkühl-Schubladen.

Seitdem ist es trist in der Küche, so halbwegs aufgeräumt und leer, ohne mein sonstiges kreatives Chaos. In einem Moment heute Nachmittag wünschte ich mir eine Leinwand mit Acrylfarben herbei. Gerne hätte ich ein Stilleben der Trostlosigkeit dieser Küchenszene gemalt. Eine, die wahrscheinlich niemand als solche wahrgenommen hätte. Aber auf einmal war da so viel Raum für so viel Leere. Mir wurde klar, wieviel Küche ich bin, wieviel Genuss, wieviel Leidenschaft in den Dingen steckt, mit denen ich mich so gerne umgebe. Es mag absurd für den klingen, der lieber den Pizza-Lieferdienst anruft statt sich selbst eine Kleinigkeit zu kochen. Für mich aber bedeuten leere Kühlschränke absolute Inspirationslosigkeit. Den Nachmittag verbrachte ich mit einer Irritation im gesamten Körper. Ich streunte ständig wieder in die Küche, hatte Lust auf irgendwas, machte die Kühlschranktür auf, schloß sie kurz danach mit großer Enttäuschung, öffnete die Tür zur kleinen Vorratskammer, wühlte durch ein paar Packungen Trockenvorräte, schloss auch diese Tür wieder. Nein, kein Notessen. Bitte nicht. Ich wollte richtiges Essen. Seit 4 wochen war ich nicht auf dem Markt, habe in der Zwischenzeit nur essentielle frische Vorräte gekauft, ein bisschen Obst und Gemüse dazu, nichts besonderes. Meine Vernunft findet es sehr spannend, endlich mal einen Zeitpunkt gefunden zu haben, zu welchem das Abtauen des Kühlschranks Sinn macht, der Kopf freut sich über die Einsparung unnötiger Energie während meiner Abwesenheit, aber mein Herz? Jawohl, mein Herz – das steht komplett unter Entzug.

Es mag sein, dass der Kontrast in Lyon besonders reizvoll wird, wenn ich nach (einer zugegebenermaßen nicht wirklich langen Zeit) des Entbehrens auf einmal in Hülle und Fülle mit den tollsten, wunderbarsten, frischsten Produkten bester Güte überschüttet werde. Ich fantasiere, wie ich meine Nase in frische Kräutersträuße vergrabe, wie ich haufenweise Tomaten durchwühle um die schönsten Exemplare auszuwählen, wie meine Finger sich mit Kraft feste Teige in geschmeidiges Gebäck verwandeln, meine Hände selbstgebackenes Baguette zusammendrücken bis die Kruste kracht, ich mit professionell geschärften Messern Fische filetiere, mit verkrampfenden Muskeln und eisernem Willen aromatische Schäume aufschlage und mit allerlei Werkzeugen Hummer zerlege und Muscheln öffne. Ich sehe mich am Ende langer Lehrtage am Institut des Meisters mit hochgekrempelten, zerknitterten Kochuniformärmeln an Edelstahl-Flächen lehnen, mit derangierten Haarfransen unter der Kochmütze herauslugen, knallrotem Kopf von Konzentration und Inbrünstigkeit, mit kleinen Schweißperlen an Schläfen und Stirn und dem wohl debilsten Glücksgrinsen im Gesicht, das die kochende Menschheit je zu Gesicht bekommen hat. Wann auch immer dieses Bild im Kopf komplettiert ist, hört das Entzugszittern auf, wird mit Serotonin aufgefüllt, von Adrenalin übertüncht und ist – auf einmal – weg. Weil ich dann wieder weiß, dass es nur ein Entbehren auf Zeit ist. Eines mit Sinn und Ziel.

Als die Reste noch ein bisschen verschwenderischer vorhanden waren wurde aus letzten Blätterteig-Quadraten des Tiefkühlfachs, einem nicht mehr ganz so knackigen Apfel und ein paar Stangen frischen Rhabarbers, dessen Versuchung ich im Bioladen nicht widerstehen konnte, schnelle Nachmittagsbeglücker. Genau der Einsatzzweck, für welchen die Blätterteigquadrate ursprünglich mal eingekauft wurden: für spontane Gäste, die zu ihrem Kaffee auch gerne ein Stück Gebäck oder Kuchen hätten. Blöd nur, dass die Gäste, so spontan sie auch vorbei kommen, immer soviel Glück haben, dass ich gerade noch viel Tolleres aus anderen Dingen zaubern kann und daher diese völlig aufwandslose, herrlich unkomplizierte Variante meist doch für mich behalte. Weil der Kopf gerne denkt, Gäste hätten mehr Aufwand verdient als ein Stück fertigen Blätterteigquadrats mit rohen Stücken Obst oder Gemüse zu belegen. Eigentlich Unsinn. Schließlich ist das Einfachste meist auch das Köstlichste. Unverfälscht ist immer wunderbar. Das habe ich diese Woche wieder gelernt. Durch die Aneinanderreihung wundervoller Menschen, großartiger Momente, aufregender Ereignisse, emotionaler Worte, aufschlussreicher Gedanken. Am Ende ist eben selbst ein halb leerer Kühlschrank auch irgendwie noch halb voll.

Während ich für einen der letzten großen Vorbereitungsschritte noch ein Wochenende in der Heimat, fernab Hamburgs, verbringe und den Countdown leise in die Tage hinein flüstere, wünsche ich euch allen ein tolles Wochenende mit vollen Kühlschränken – oder mit dem dankbaren Blick für den Sinn kurzfristiger Options-Abwesenheit. Denn wo Leere herrscht, gibt es auch viel Raum zum Auffüllen.

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FRUCHTIGE BLÄTTERTEIGSTÜCKCHEN 

Zutaten:

Blätterteigquadrate
Obst (z. B. Äpfel, Birnen, Rhabarber etc.)
etwas zerlassene Butter (pro Quadrat ca. 1 TL)
etwas Zucker (und nach Wunsch Zimt)

Vorbereitungen:

Blätterteigquadrate aus der Packung entnehmen, auf einen trockenen und sauberen Untergrund (oder gleich auf Backpapier) legen und ca. 10 Minuten antauen lassen. Obst waschen, putzen und in Wunschform klein schneiden. Ofen auf 180 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen.

Und los geht’s:

Was nun folgt ist wirklich alles andere als Kunst: Die Oberseite des Blätterteigs mit einem kleinen bisschen zerlassener Butter bepinseln (oder mit Wasser). Mit Obst belegen. Ein bisschen Butter (hier bitte kein Wasser) darüber pinseln und nach Wunsch mit etwas Zucker und Zimt bestreuen (ich mache das lieber später aufs Gebäck). Wenn ihr euch sorgt und denkt: „Was? Das kann’s doch nicht schon gewesen sein?“ habt ihr alles richtig gemacht. In den ofen schieben und in ca. 15-20 Minuten (je nach Obst) den Blätterteig knusprig und das Obst weich backen. Besonders gut gefällt es den Stückchen, wenn man sie noch mit etwas Vanillesauce begießt.
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