Douce France GENUSSKULTUR

La Belle France und die Suche nach der Frischmilch

4. August 2015
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Da kommt man ins gelobte Land, dessen Käse,  Sahne und Milchprodukte so lobgepriesen werden wie kaum andere Kuhmilcherzeugnisse. Schon auf dem Weg von Deutschland nach Frankreich, kurz nach dem Überfahren der Landesgrenze, erblickt man unzählige Weiden mit friedlich darauf grasenden Kühen und Rindern. Sie haben viel Platz, viel Gras, viel Natur.

„Es ist nicht mehr weit zur nächsten Milcherfrischung, der nächsten reich gefüllten Fromagerie-Theke und dem nächsten göttlichen Rinderschmorstück, versprechen sie implizit und bekräftigen den Tritt aufs Gaspedal. Die Gewissheit, dass man ins Land der Milchproduktliebhaber kommt, lässt die Vorfreude aufs baldige Reiseziel ins Unendliche wachsen.

Beim Großeinkauf im nächsten Hypermarché – diesen riesigen Supermärkten vor den Toren jeder Stadt, für die man mindestens eine Stunde für den Einkauf von 5 Kleinigkeiten sowie den Weg vom Eingang bis zur Kasse einplanen sollte – steht man dann vor vielen, vielen Meter langen Regalen des Milchsortiments. Eine schier surreale Vielfalt an Joghurts, Frischkäse, Faisselle, Fromage Blanc, Sahne in allen erdenklichen Fett- und Flüssigkeitsgraden und diversen Marken-Käsestücken reiht sich aneinander, aufeinander, übereinander.

Milchprodukte, überall Milchprodukte!

Und erst dieses Füllhorn an verschiedenen Buttersorten! Wie soll man sich da je entscheiden können zwischen Butter ohne Salz, mit Salz, mit wenig Salz oder nur halb so viel Salz. Was will ich nur, was brauch ich nur?

In meiner Fantasie liegt längst schon ein Stück frisches Baguette mit feinster Salzbutter auf meiner Zunge. Aber will ich nun die Salzbutter mit Meersalz, diese andere mit Fleur de Sel aus der Guérande oder jene mit Fleur de Sel aus der Camargue? Bio oder nicht-bio, handwerklich oder industriell?

Ach, Herrschaftszeiten, ich kann mich nicht mehr recht konzentrieren. Die Butterauswahl ist eine der schwersten Prüfungen. Am liebsten möchte ich sie alle verkosten bevor ich kaufe. Die Milchwolke hat mich verschlungen, ich sehe alles etwas milchig-neblig und wähne mich im Himmelreich des gelobten Milchlandes. Endlich angekommen auf Wolke 7 des Milchuniversums.

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Mit Euphorie und glühenden Wangen werden allerlei Produkte in die Hand genommen, alles gelesen, untersucht, Preise verglichen, die Vielfalt bestaunt und währenddessen eifrig und mit lockerer Hand in den Einkaufswagen gelegt.

Die Lieblings-Faisselle, der cremig-sahnige Fromage Blanc, die milden Yaourts, die in Frankreich irgendwie besser schmecken als in Deutschland, dazu noch ein paar Vanille-Schafsjoghurts aus handwerklicher Herstellung und ein bisschen Ziegenquark. Die Butter nicht zu vergessen, ein 500g- Stück mit Fleur de Sel aus der Guérande, ein kleines Stück milde Butter zum Kochen und noch ein Stück demi-sel, man weiß schließlich nie, was man in der Küche so machen wird.

Die einzige Abteilung der Kühltheke, die ich geflissentlich überspringe, ist die Seite mit dem Industriekäse. Große Marken, aus der TV-Werbung bekannt. So mancher Tourist packt auch hier kräftig ein, was das Stahl des Einkaufswagens halten kann. Denn was in Deutschland gerne als französische Spezialität beworben wird, ist hier einfach ein günstiges Massenware-Produkt. Was in deutschen Werbekampagnen so viel Frankreichgefühl vermittelt, das lässige Savoir-faire und das genussvolle Savoir-Vivre, ist hier omnipräsent. Auch ich habe dieses mit Millionenbudgets beworbene Lebensgefühl tief in meiner käseliebenden Konsumentenseele verankert. Zum Glück habe ich aber irgendwann entdeckt, dass es abseits dieser generischen Käsegeschmäcker noch viel besseres gibt, mit echtem Charakter.

Was ich heutzutage will sind die herrlichen Stücke vom Affineur oder vom Käsestand auf dem Markt.

Von Leuten eben, die wissen wie man mit Milch umgehen muss um aus ihr etwas Besonderes zu machen, für das man in die Knie gehen möchte. Hier im Hypermarché will ich nur den Grundbedarf an Milchprodukten zum Kücheneinsatz decken, den ich nicht auf dem Markt bekommen konnte. Das Werkzeug für kreatives Kochen. Und für den Morgenkaffee.

Ach ja, da fällt es mir auch gerade wieder ein. Milch brauche ich noch, wunderbar frische Milch. Wo war die noch gleich?

Ich wandere alle vier der jeweils knapp 30 Meter langen Milchproduktregale noch einmal ab. Ich fühle mich schon ganz schlapp vom Marathon durch dieses kilometerlange Supermarkt-Monster. Milch, Milch. Nur noch noch Milch, dann habe ich’s geschafft. Naja gut, vielleicht noch eine Orangina für den Heimweg.

Ich laufe und laufe. Aber es ist keine Frischmilch auffindbar. Langsam werde ich nervös. Habe ich ein Regal übersehen? Ich laufe noch einmal den gesamten Kühlbereich des Hypermarchés ab – es dauert ja nur knapp 10 Minuten in schnellem Schritt – nachdem ich hier schon 1,5 Stunden herumlaufe schaffe ich das auch noch.

Glücklicherweise treffe ich auf der kleinen Reise durch den Supermarkt irgendwann auch einen Mitarbeiter.

Die sind hier nämlich recht rar, wenn man nicht gerade an der Kasse oder an der Fischtheke ist. „Milch“ sagt er, „ist ganz da hinten im letzten Gang, bei den Tiefkühltheken“. Aha. Sehr gut, da hatte ich natürlich noch nicht geschaut. Denn eigentlich ist dort doch gar kein Frischebereich mehr?

Als ich dort ankomme sehe ich erst einmal vor lauter Eiern kaum etwas anderes. Wie viele unterschiedliche Sorten Eier kann man eigentlich rentabel in seinem Sortiment an Mann und Frau bringen? Ich grüble. Sehr viele offensichtlich, aber jetzt brauche ich nur Milch und keine weitere Ablenkung.

Die Milch finde ich wenige Blicke später tatsächlich – es handelt sich um H-Milch in recht unattraktiven 6-Packs. Nicht so wirklich, was ich im Sinn hatte. Nun gut, ich habe zu wenig spezifisch nachgefragt. Also nochmal zurück in die Kühlabteilung. Der Mitarbeiter packt zu meiner Zufriedenheit noch immer an gleicher Stelle Kartons in Regale.

„Aaaaaaaaah, vous cherchez le lait frais!“ brüllt er mir ein wenig zu enthusiastisch entgegen, als handele es sich hier um etwas Außergewöhnliches.

Er nimmt die Gelegenheit beim Schopfe mich zum Milchregal zu begleiten und ich bin froh, dankbar und erschöpft zugleich.

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Als wir um die Ecke der gelobten Regalreihe biegen, präsentiert er mit auslandender Gestik und nahezu übermütigem Frohsinn eine kleine Kühl-Präsentiertheke, wie man sie von Tankstellen-Kassen kennt. Keine 60 Zentimeter breit, nicht einmal brusthoch. In der untersten Reihe: Lait fermenté mit Produktbeschreibung in arabischen Schriftzeichen. Nein danke, die habe ich vor kurzem schon einmal an anderer Stelle als Frischmilch angeboten bekommen. Es handelte sich um  etwas Dickmilch-Ähnliches. Nicht schlecht, aber nicht was ich hier und jetzt benötige.

In der Reihe darüber endlich Frischmilch.

Zwei Sorten stehen zur Auswahl. Zwei? Zwei! Ich frage so höflich, wie es mir in diesem irritierten Zustand nur möglich ist, noch einmal mit leicht gekräuselten Augenbrauen und einem Funken letzter Hoffnung nach: Ist das alles, was Sie an Frischmilch haben? „Mais oui“ antwortet er beschwingt und tritt prompt den Rücktritt zu seinen Kartons an.

Ich bleibe etwas ratlos zurück und kann nun auswählen zwischen einer frischen Vollmilch und einer fettarmen Milch. Immerhin nur pasteurisiert und nicht homogenisiert. Die Vollmilch knapp doppelt so teuer wie die fettarme. Bio oder sonstiges ChiChi kann ich mir ganz abschminken.

Während ich noch immer in meiner Verwunderung gefangen bin und mit ungläubigem Blick trantütig vier der knapp 12 vorrätigen Flaschen in meinen Einkaufswagen hieve, gesellen sich zwei ältere Damen zu mir. Sie studieren die Etiketten der Milchflaschen so genau wie ich es gerade noch tat und sinnieren darüber was Lait Fermenté wohl sein könnte. Ich mische mich ungefragt ein und kläre sie auf, bevor sie einen Fehlkauf tätigen und am Sonntagmorgen mit salziger Dickmilch vor ihrem Kaffee sitzen wie ich vor einiger Zeit. Sie sind dankbar für den Tipp und wir kommen darüber ins Gespräch. Ich nutze die Gelegenheit und frage diese Bündelung französischer Lebenserfahrung warum es hier nur so ein kleines Frischmilch-Angebot gibt, wo doch die sonstige Milchprodukt-Abteilung so variantenreich ist.

Man trinke in Frankreich nicht mehr viel Milch, bekomme ich zu hören.

Ein bisschen im Kaffee manchmal, aber selten einfach so. Das wäre sowieso eher in der Normandie und der Bretagne populär, glaubten sie, bei den Käseköpfen. Sie schauen sich kurz an und kichern wie Teenager. Dafür bevorzuge man eben alles, was aus Milch hergestellt wird. Käse natürlich, aber auch all die Joghurts und Quarks und sonstigen Stufen davor, dazwischen und danach. Und für das bisschen Crème Patissière und Milchkaffee wäre doch auch haltbare Milch völlig in Ordnung, dann müsse man auch nicht so oft in den Supermarkt.

Seit mir diese schmerzliche Realität bewusst wurde, kaufe ich immer dann Frischmilch, wenn ich im Hypermarché bin. Das kommt nicht ganz so oft vor, weil ich lieber auf dem Markt kaufe und der Einkauf im Riesensupermarkt immer so viel Zeit kostet, alleine wegen der Weglaufzeiten. Aber manchmal nehme ich das in Kauf. Meist der Milch wegen. Denn in den meisten kleineren Supermärkten hier in der Gegend gibt es neben der H-Milch nur unglaublich teure Lait Microfiltré – mit einem Blick aufs Haltbarkeitsdatum sofort als ESL-Milch erkennbar, also länger haltbare Milch, die weder Geschmack noch Vitamine erhält. Dafür auch noch 2,40 Euro pro Liter (oder oft auch noch mehr) zu zahlen kommt mir überhaupt gar nicht in den Sinn.

Der nächste (und einzig vernünftig sortierte) Bio-Laden der Stadt bietet zwar Bio-Alternativen, allerdings auch keine einzige Frischmilch. Hier setzte man ausschließlich auf H-Milch, weil die Bio-kaufenden Konsumenten einfach noch ein kleinerer Nischenmarkt sind als man es von Deutschland gewohnt ist.

Eines bleibt sicher: ich werde weiterhin nach echter Frischmilch aus traditioneller Herstellung in bester Landqualität fahnden. Und sie hoffentlich auch irgendwann finden. Schließlich bin ich hier fast auf dem Land. Auch wenn sich die Champagne abseits des Weintraubenanbaus mehr auf Getreideproduktion und den pflanzlichen Teil der Landwirtschaft konzentriert, wird es hier irgendwo ein kleines Mekka bester Milch für mich geben. In Frankreich muss man einfach an vielen Stellen ein bisschen mehr Geduld haben. So lange esse ich Butter. Davon gibt es immerhin reichlich.

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4 Comments

  • Reply creezy 5. August 2015 at 17:55

    Wobei echte Frischmilch, sogenannten Vorzugsmilch, bekommt man hierzulande auch nicht mehr wirklich. (In Berlin ist mir derzeit ein Pole auf dem Bio-Markt am Südstern bekannt, vermutlich noch in der Markthalle 9). Grund ist die vermaledeite EU, die relativ strenge Transportgesetze für die Milch durchgesetzt hat und wenn Du halt keinen Bauer mehr in dem unmittelbaren Dreh hast, der sie so noch abfüllt und verkauft, dann haste halt Pech gehabt.

    Allerdings haben meiner Erinnerung nach die Franzosen schon recht lange ein eher mageres Milch-Angebot und setzten schon sehr früh auf H-Milch, was auch verständlich ist. Wer auf dem Land lebt, der fährt eben eher selten in den Supermarkt, kauft dann eben Mengen, die länger haltbar sein müssen.

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 5. August 2015 at 18:02

      Vorzugsmilch oder Rohmilch habe ich ja nicht einmal erhofft 😉 Denn ich weiß auch, wie schwer die in Deutschland zu bekommen ist, die Suche hat mich in meinen Hamburger Zeiten auch nicht losgelassen. Dort aber hatte ich tolle Bioläden um mich herum in denen es immer Vielfalt in der Milchauswahl gab – verschiedene Produzenten, traditionelle Herstellung (was meiner kompromissbereiten Vorstellung von Frischmilch entspricht), verschiedene Fettstufen. Aber dass ich nur zwischen einer Vollmilch und einer fettarmen Milch eines einzigen Großkonzerns entscheiden kann, das macht widerstrebt meinen Ansprüchen an ein sahnig-rahmiges Glas frischer Milch. Ich berichte aber, sobald ich es gefunden habe! 🙂

  • Reply Michael Beyer 5. August 2015 at 15:21

    Also Dauerurlauber in Frankreichs-Süden & Frischmilch-Fanatiker kenne ich das Problem in den französischen Supermärkten. In den größeren wie Geant, E.Leclerc, usw. findet man meist einige Sorten. Bei den kleineren „Tante Emma-Läden“ und z. B. bei den Spar Märkten muss man schon etwas ehr Glück haben.

    Ich meine dass ich pro Liter 1,40 € gezahlt habe. Also etwa 15% teurer als in Deutschland. Die Qualität der 3,5% (oder 3,8%?) ist gut. Die 1,5% Milch kann ich nicht beurteilen.

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 5. August 2015 at 15:36

      Ja, Michael, gefunden habe ich sie auch bei Leclerc. Davon gibt es gleich zwei um die Stadt herum, einen im Süden, einen im Norden. Beide haben nur die besagten zwei Sorten Frischmilch. Im südlichen Supermarktmonster kostet die Vollmilch 1,04 und im nördlichen doch glatt 1,59 (gleiche Flasche, gleiche Marke). Carrefour City hat nichtmal eine, alles nur Microfiltré, dort für 2,79 im Regal. Ich fahre nun immer in den südlichen Leclerc. Oder stelle mir bald eine Kuh in die Garage 😉

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