GENUSSKULTUR

Kulinarisches Handgepäck

16. März 2014
Genuss sucht_Pastis_Ricard_2017n

Der Kühlschrank ist leer, seine Vorratsreste sind seit Freitag in einem Gemüse-Allerlei-Risotto verkocht. Ein letzter Schluck Milch krönte heute mittag einen Espresso. Koffer bibbern im Flur schon dem Abend entgegen. Ich hingegen sitze geduldig und tiefenentspannt vor einem Glas Pastis und schweife mit den Gedanken weg aus dieser Wohnung, weg aus Hamburg, hinein in einen Kurzurlaub in Frankreich.

Mein Handtäschchen umfasst die notwendigsten Dinge, die man auf einer kulinarischen Reise braucht: Kamera, Laptop, Notizbuch, Füller. Darüber hinaus noch überlebenswichtige Utensilien: mein Laguiole Messer sowie das Kellnermesser und ein paar belegte Käsebrote, sollte das Bordrestaurant mal wieder nicht vorhanden sein, wenn man es braucht. Nicht zu vergessen: eine Flasche Wein. Kein Nachtzug ohne Rotwein, habe ich mir geschworen. Obwohl ich vorher noch nie im Nachtzug gereist bin. Aus Neuseeland kommt dieses Exemplar und ich habe es letzte Woche von einer Veranstaltung mit nach Hause gebracht. Dass sie noch einmal Frankreich sehen würde, damit hat diese Kiwi-Flasche sicher nicht gerechnet. Mit mir erlebt man eben was.

Meine freudig-verängstigt-unwissende Psyche malt sich unerlebte Dinge gerne mit den Farben abenteuerlichster Romantik aus. Deshalb gehört unbedingt ein stilvolles Glas Wein zur nächtlichen Zugreise, denn so reisten sicher auch die Literaten vergangener Zeiten. Und sobald ich die Schweißperlen vom Kofferschleppen von der Stirn gewischt , mein ganzes Gepäck verstaut, die Flasche entkorkt und das Glas hoffentlich unzerbrochen aus der Tasche befreit habe, werde ich sicher auch stilvoll dasitzen und – meine Ideen mit dem Füller im Notizbuch festhaltend und dabei immer wieder gedankenverloren an meinem Pinot Noir nippend – die anmutige Grandesse berühmter Reisender versprühen. Leider aber erst dann, denn den Kofferboy habe ich mir aus Budgetgründen gespart und werde vorher deshalb einfach wie jeder andere umherhetzende, verlorene Tourist wirken.

Aber auch die praktische Seite der Weinbegleitung im Zug ist nicht außer Acht zu lassen: Sollte jemand übergriffig werden – im Schlafwagen oder auf dem Flur, beim Versuch meines Koffers oder meines Laguiole Messers habhaft zu werden – dann habe ich umgehend eine Flasche zur Hand, die ich dem Räuber überbrezeln kann bevor ich ihn alternativ mit dem Kellnermesser ins Auge bohre oder das Laguiole Messer in die flinke Hand steche als Preis für meine aus dem Gleichgewicht gebrachte Grandezza.

Der Zug wird mich über Nacht nach Paris bringen, wo ich morgen früh, zwischen zwei Bahnhöfen her hechtend, im Laufschritt ein frisches Croissant zu mir nehmen werde, bevor ich einen weiteren Zug besteige, der mich noch weiter ins Land und tief in den französischen Süden hineinträgt. So mache ich das immer: Ankommen im Urlaub am frühen Morgen oder spätestens am Vormittag, mit noch nüchternem Magen, dann erst einmal ein Frühstück. So geht Reisen für mich. So mag ich das.

Am Mittag werde ich dann in Aix-en-Provence ankommen, einem Fleckchen Frankreich, an dem ich zuvor noch nie war, von dem ich aber eine wohl konkretere Vorstellung habe als von allen anderen Reisezielen, die ich je erkundet habe. Die Wettervorhersage spielt mir die schönsten Aussichten in die Hand, die man sich nur wünschen kann zum Frühlingsanfang und Weltglückstag: durchgängig 20 bis 23 Grad und Sonne, nciht mehr als 2% Regenwahrscheinlichkeit.

Ich freue mich auf bunte Märkte, wunderbaren Käse, knusprig-flaumige Croissants und krachendes Baguette mit perfekter Krume, auf Kräuter- und Lavendelduft, Faisselle, klingende Dorflebendigkeit und Daube-Geschmortes, auf blumigen Honig, Calissons und Nougat. Vor allem aber auch auf freundliche Menschen mit spannenden Geschichten, die mir bei einigen Gläser kräftigen Rosés Stücke aus ihrem Leben erzählen, während ich mich einige Tage durch verschiedene Ecken der Provence treiben lasse. Aber nun erstmal zurück aus der Provence zum Pastis, der vor mir steht während es vor dem Fenster stürmt und alle erwähnten Pinot Noirs und Rosés noch fest verkorkt sind.

Pastis ist eines meiner Lieblingsgetränke. Anis, Fenchel, Lakritz – ich liebe diese Aromenecke. Deshalb gehört Ricard seit jeher zu meinen festen Standardrepertoire im Schnapsschrank. Eine ziemlich gute Voraussetzung, um sich in der Provence sofort beliebt zu machen, finde ich. Ich werde überprüfen, ob diese Theorie stimmt. Und dabei die einige Pastissorten des Südens erkunden, die ich bislang noch nicht kenne.

Nun ist das Glas  leergetrunken und die Vorfreude wird immer größer. Es ist an der Zeit die Schuhe zu schnüren, die Schlüssel für den Wohnungssitter bereit zu legen und mitsamt Gepäck und Pinot Noir aufzubrechen. Auf in den Sonntagabend, die nächtliche Zugreise, das Abenteuer. Auf nach Frankreich!

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2 Comments

  • Reply Cathrin Dietz 17. März 2014 at 12:58

    Ich freue mich schon sehr auf deinen Reisebericht 🙂
    Ich hoffe du wirst die Provence im Frühling auch in Bildern für uns festhalten?

    Liebe Grüße,
    Cathrin

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 18. März 2014 at 20:46

      Es wird fleißig geknipst, liebe Cathrin. Das ein oder andere Bild wird sicher auch den Weg in den Blog finden 🙂

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