GENUSSKULTUR LEBEN

In die Nacht hinein: Abenteuer Champagne

22. Februar 2015
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Es sind nun ein paar Wochen vergangen seit ich ankam in der Champagne. Die Arbeit hat mich überrollt und ich kam nicht wirklich oft dazu Sätze für euch zu formulieren oder gar zu denken. Zwischen all der Betriebsamkeit bohrte und piesackte immer wieder die Unzufriedenheit darüber, endlich zuhause zu sein und dennoch keine Zeit zu haben mich darin auch zuhause zu fühlen, weil schlicht und ergreifend keine Zeit dafür blieb. Doch die ersten großen Arbeitsberge sind erklommen und Stück um Stück erobere ich nicht nur die Champagne, sondern auch meine Gedanken zurück.

Die kulinarischen Inhalte haben sich im Blog in letzter Zeit etwas zurückgehalten, auch weil ich hier gerade nicht meine eigene Küche sondern eine vorübergehende habe. Ganz ohne meinen ganzen Kram, all die tausend kleinen, lieb gewonnen Töpfe, Schüsseln, Utensilien, mit denen es so viel Spaß macht zu hantieren. In meiner vorübergehenden Wohnung habe ich zwar eine durchaus akzeptable Grundausstattung (und nach vielen Jahren der beruflichen Wanderschaft durch viele Interimswohnungen habe ich da eine ganz vernünftige Urteilsbasis), aber Grundausstattung bleibt eben Grundausstattung.

Also beschränke ich mich oft, auch wegen des Zeitmangels, auf einfache Dinge. Crêpes sind immer schnell gemacht – vor allem aber auch einfach immer lecker. Immer und immer wieder. Da braucht es nur Eier, nahezu immer reichlich vorhanden, etwas Käse, der sowieso nie ausgeht in meinem Haushalt, und am besten noch etwas Schinken – schon hat man eine gleichermaßen befriedigende wie auch sättigende und seelennährende Grundlage um weiter zu arbeiten. Das funktioniert als verspätetes Frühstück, als verspätetes Mittagessen und selbst noch abends um 22 Uhr.

Keinesfalls soll dies nun als Klage verstanden werden – ich koche natürlich trotzdem mehrfach die Woche was Vernünftiges. Der Mensch lebt ja nicht von Crêpes und Frankreichliebe allein. Doch ich komme nicht immer dazu die anderen Köstlichkeiten abzulichten. So manche Delikatesse verschwand sang- und klanglos, weil abends hier alles tieftiefdunkel ist. Schlechte Voraussetzungen für abendliche Fotoshootings in der miserabel ausgeleuchteten Interimsküche, zumal der Großteil meiner Fotoausstattung in Pappkartons weit entfernt auf mich wartet.

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Dunkel wird es auch an anderen Orten der Welt, mögt ihr jetzt vielleicht denken. Aber wir sprechen hier von einem anderen Dunkel als zum Beispiel in Hamburg. Die Straßenlaternen schalten hier abends gegen 22 Uhr ab. Im ganzen Ort. Dann hat man im Haus zu sein, keiner braucht mehr Straßenbegrenzungen, den Nachbarn oder was anderes zu sehen. Und in der Tat sieht man… nichts. Rein gar nichts!

Nicht einmal Lichter in den Häusern sieht man leuchten, denn hier ziehen alle um 19 Uhr ihre hölzernen Fensterläden vor die Fenster, die keinen Lichtstrahl mehr entkommen lassen. Die nächste Stadt ist 20 Kilometer entfernt und abends genauso dunkel wie jedes kleine Dorf. Es gibt kein Himmelsleuchten von Flughäfen, keine Stadtbeleuchtung, keine Nachtaktivität.

Ja, man macht es spannend in der Champagne. Für einen Gang zur Mülltonne braucht man nach 20 Uhr eine Taschenlampe und eine ganze Menge Mut, weil man nicht einmal mehr das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite erahnen kann.

Nach und nach habe ich nun auch verstanden, warum die Zäune vor den Häusern etwas höher und etwas undurchlässiger sind als in anderen Gegenden. Denn das angrenzende weite Feld bietet Fuchs und Hase, Wildschwein und sonstigen Nachtwandlern einen wunderbaren Anschluss an die Wohngegend. Gepaart mit den oft dichtgestrickten Nebelwolken der Region, die sich in den kalten Nächten durch die Straßen ziehen, um Ecken winden und alles in einen großen, kaum zu durchblickenden Schleier hüllen, oder den kalt pfeifenden Winden, die oft Tag und Nacht unnachlässig an den Holzfensterläden rütteln und manchmal tagelang keine Ruhe einkehren lassen, hat die Marne etwas Ursprüngliches und zugleich Zauberhaftes.

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Die Tage bieten oft ein großes Kontrastprogramm: nur selten grau und regnerisch wie es zu dieser Jahreszeit in Hamburg der Fall ist, sondern meist so intensiv sonnig, dass man sich just im schönsten Frühling angekommen fühlt. Die Sonne lässt nächtlichen Frost in nur einer Stunde schnell schmelzen und taut jede noch so große Eispfütze auf, noch bevor der Nebel vollständig verschwunden ist und der Vormittag anbricht.

Man blickt hier so weit in den Himmel und den Horizont hinein, dass es mir verdammt oft einen Stich im Herzen versetzt wenn ich über die Landstraße zu Einkäufen oder Terminen rolle. Manchmal muss ich anhalten, mitten auf der Landstraße in einer der Parkbuchten, um zu glauben was ich gerade sehe. Dann versuche ich mit dem Handy Wolkenformationen einzufangen, die auf Bildern nie so schön sind wie vor dem realen Auge.

Die Farben sind zugleich strahlend-klar und doch diffus. Die Sonne strahlt intensiv, wirft aber dennoch nie wirklich harte Schatten. Es ist, als läge ein Weichzeichner über jedem Tag. Der Horizont wirkt stets staubig-neblig, als hätte man die Farbpalette des Tages mit einem Weißanteil zu Pastellfarben gemischt.

Man blickt in die Ferne, in die Weite, in die Zukunft, in all das, was vor einem liegt. Man ahnt und vermutet und erkennt mehr Umrisse denn je, aber trotzdem bleibt das große Versprechen geheimnisvoll ungelöst in der Luft hängen und versteckt sich am Ende jeden Tages in seinem nachschwarzen Mantel.

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Dafür sieht man in die Nächten der ländlichen Champagne Mond und Sterne in so unendlicher Klarheit und Vielfalt, wie ich sie nach vielen Jahren in der Großstadt nicht einmal mehr zu ahnen wagte.

Oft stehe ich noch einige Minuten staunend am Fenster und blicke ungläubig in die Finsternis und den Sternenhimmel hinaus, der klirrenden Kälte und den geheimnisvollen, vom Feld hereinbrechenden Geräuschen von Natur und den vierbeinigen Nachbarn entgegen, bevor ich ins Bett gehe.

Nur das beruhigende Blinken einer ganzen Armee von Windrädern ist dann noch in undefinierbarer Entfernung am Horizont zu erkennen, die in das große Dunkel hinein signalisieren, dass noch etwas in Bewegung ist, dass es weitergeht, nichts jemals still steht und alles seine Zeit hat. Mit einigen tiefen Atemzügen sammle ich dann wieder Besinnung und Geduld und schließe, als Letzte der ganzen Nachbarschaft, vielleicht sogar des ganzen Dorfes, die Holzfensterläden fest und nachdrücklich um den Tag zu beenden. Morgen ist ein neuer Tag, morgen geht es weiter.

Die Champagne lehrt mich gerade ein große Lektion: Geduld mit mir selbst, mit meinen Vorhaben und dem Leben. Denn davon braucht man hier reichlich. Warum, erzähle ich euch in den nächsten Tagen.

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2 Comments

  • Reply Thomas 22. Februar 2015 at 17:38

    Deine Blogposts haben einen ganz tollen Stil – so reflektierte Texte findet man selten. Gefällt mir sehr, auch wenn es nicht direkt um „Food“ geht.

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 22. Februar 2015 at 18:01

      Vielen Dank für diese tollen Worte, lieber Thomas. Sie haben mich aufgerichtet an diesem Sonntagnachmittag und das schlechte Gewissen über mangelnde Kulinarik ein wenig verkleinert. Hab‘ einen schönen Sonntag!

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