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Hessische Nostalgie

16. November 2012
Genuss_sucht_Hessische Nostalgie

So langsam kann ich mich selbst nicht mehr hören (und lesen) wenn ich mich wiederhole. Aber es ändert sich gerade nicht. So viel los hier. Die Küche vermisst mich genauso wie ich sie. Aber wir haben derzeit  nur äußerst wenig miteinander zu tun, die Küche und ich.

Der Computer ist meine Affäre zur Zeit, wir verbringen mehr Zeit miteinander als je zuvor, auch wenn ich in Vergangenheit einen Bürojob mit Dauercomputereinsatz hatte. Meine neuen Pläne und Ideen nehmen gerade konkretere Formen an, sie haben einen Namen und ein Logo erhalten, die neuen Visitenkarten sind letzte Woche eingetroffen, an der Website mache ich gerade noch letzte Optimierungen. Ein bisschen Feinschliff, bevor sie bereit ist für alle Augen. Sobald alles herzeigbarer ist, werde ich euch meine neuen Pläne und meine neue Seite vorstellen. Aber vorher mag ich einfach noch keine Details verraten von dem, was täglich durch jede einzelne meiner Hirnwindungen wandert, auf und ab springt, mal kurz wieder von der Liste verschwindet und kurze Zeit später in anderer Form doch wieder mit ins Konzept aufgenommen wird.

Aber so sehr die Zeit mich Schlaf kostet, mir Nackenverspannungen von den langen Tagen am Rechner beschert und mich auffrisst: Sie macht mich glücklich und stolz. Weil ich mich nicht nur inhaltlich an neue Dinge heranwage sondern sie auch zum Großteil in Eigenregie umsetzen will. Alles ist selbst erdacht, vom Namen über Logo bis hin zu allen Ideen, die Visitenkarten sind selbst gelayoutet (und dank einer lieben Freundin dann technisch noch sauber reingezeichnet worden), die Website selbst gehostet, selbst installiert und wird gerade auch komplett mit Bildern und selbst geschriebenen Texten versehen. In mancher Nachtstunde verzweifle ich an der Technik, aber wer mich kennt, weiß, dass mich solche Nervmomente nie dazu veranlassen aufzugeben, sondern ich mich dann einfach mit stur gerunzelter Stirn solange wach halte, bis das Problem gelöst ist. Aufgeben gibt es nicht.

Mag sein, dass Profis das alles in einem Bruchteil der Zeit umsetzen würden, die ich investiere. Aber nur mit dem Eigenaufwand ist es möglich, wirklich alles zu bestimmen. Ich muss niemanden bitten, mir auch noch die 25. Variante zu präsentieren, weil ich gerne den einen Strich noch dicker und das andere Wort etwas kleiner sehen würde, sondern probiere es einfach selbst aus.

In all diesem Trubel bin ich dankbar, wenn der Kühlschrank mir etwas anbietet, wenn ich ihn hungrig öffne. Etwas, das schnell auf den Teller springen kann ohne Umwege. Größe Töpfe Suppe wurden verzehrt in letzter Zeit, weil sie während eines länger dauernden Telefonats so wunderbar nebenbei geschnippelt werden können und dann so schön eigenständig vor sich hin köcheln können, während ich weiterarbeite. Und mir Stunden später einen Teller warmen Glücks anbieten, dass ich dann äußerst dankbar in den Bauch gieße. Möhren-Kartoffel-Eintopf ist dabei ein Kindheits-Favorit, in Zeitnot ohne Suppenfleisch genauso gut wie mit einer wunderbaren Beinscheibe, wenn sie zufällig in der Tiefkühlung lagert. Aber nach tagelangem Eintopf-Verzehr gelüstet es dann eben doch mal nach was Herzhaftem. Nach ein bisschen Heimatgefühl und Kindheitserinnerungen.

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So setzte ich letzte Woche einen Topf mit Handkäse auf, den ich Tage später zu meiner Freude beim Öffnen des Kühlschranks reif wiederfand. Mit Musik, jawohl. Dieser Handkäse mit Musik, Spezialität meiner hessischen Heimat, war eines der Leibgerichte meines Opas. Wir stritten uns früher immer über die Zugabe von Kümmel (den mochte ich als Kind nämlich nicht, finde ihn heute aber ganz und gar nicht mehr abwegig – späte Einsicht) aber in einem anderen Punkt waren wir uns alle einig: ein alter Handkäse muss es sein. Der laut aufgedrucktem MHD schon nicht mehr gut sein sollte und deshalb so wunderbar reif, kräftig und stinkig ist, dessen trockener Kern sich auf ein Minimum reduziert hat.

Handkäse ist kein Gericht, das man am gleichen Tag zubereiten und genießen sollte. Der stinkige Käse will erstmal ausgiebig in Essig und Öl baden, sich mit den Zwiebeln anfreunden und sich mit Pfeffer und Salz unterhalten. Ich mag ihn am liebsten nach 3 Tagen in seinem Bad, aber diese Wartezeit muss man erstmal aushalten. Dann sind die Zwiebeln zwar nicht mehr ganz so knackig (deshalb kommen einfach noch ein paar frische Ringe dazu für den Knack), der Handkäse dafür aber schön ausgewogen in Essig/Öl- und Käsegeschmack. Am wichtigsten ist, dass er sich rundum schon weiß gefärbt hat vom Essig. Nur dann ist für mich ein Handkäse verzehrbereit. Aber das liegt wohl an der massiven Essig-Vorliebe unserer Familie. Manchmal halte ich es schon am nächsten Tag nicht mehr aus vor Vorfreude, dann sind die Zwiebeln in Topform und man kann durch eine zusätzliche Essig-Dosis der weißen Hülle des Handkäses nachhelfen.

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Zum Wohl aller Kühlschrank-Nutzer sollte unbedingt ein Behältnis mit gutem Verschluss zur hermetischen Geruchsisolation genutzt werden, wenn man den Handkäse ansetzt. Sonst öffnet keiner mehr freiwillig den Kühlschrank, weil dieser Handkäse-Kerl so unverschämt stinkt. Plastikbehälter finde ich aus persönlicher Erfahrung nicht unbedingt schön, ich bilde mir ein, der hohe Essiganteil saugt auch Plastikgeschmack auf. Traditionell gehört der Handkäse in ein Steingut-Gefäß, natürlich habe ich so ein Ding vor Jahren mal original kaufen müssen in der Heimat, in einem Anflug von Nostalgiewahnsinn. Und selbstverständlich schmeckt es daraus am allerbesten. Aber auch in einer Glasbox oder einer Keramikschüssel würde man keinen Unterschied schmecken.

Nach einer Portion Handkäse weiß ich immer wieder, wo ich hingehöre. Dann sehe ich Bilder aus meiner Kindheit vor meinem Auge, höre die Kümmeldiskussion in meinen Ohren und rieche eine Essignote durch den Raum fliegen. Erinnerungen sind eben die schönste Musik.

 

Habt ein wunderbares Wochenende, mit viel Musik und vielen erinnerungswürdigen Momenten!

 

HANDKÄSE MIT MUSIK
(oder im Originalton: Handkäs‘ mit Mussig)

Für 1 Person:
1 Päckchen Handkäse (Sauermilchkäse, z. B. von Harzinger überall erhältlich)
1 weiße Zwiebel
ca. 50 ml Weißweinessig (je nach Gefäßgröße mehr, echte Hessen nehmen sowieso mehr, wie ich auch)
ca. 100 ml Öl (je nach Gefäßgröße auch proportional mehr, es eignen sich neutralere Öle wie Rapsöl, Sonnenblumenöl etc. Olivenöl hingegen passt überhaupt nicht)
1 TL Kümmel (nach Wunsch,in manchem Handkäse ist schon Kümmel drin)
Salz, Pfeffer

dazu:
ein wirklich gutes, frisches Brot
frische, kalte Butter fürs Brot (nach Wunsch)

Zubereitung:

Zwiebel schälen und in dünne Scheiben schneiden. Aus Öl und Essig, Salz und Pfeffer (und nach Wunsch Kümmel) eine sehr kräftig abgeschmeckte Marinade anrühren. Den Handkäse in ein gut verschließbares Gefäß legen, am besten nebeneinander statt aufeinander, sodass die Marinade großflächigen Kontakt mit dem Käse hat. Zwiebelringe darauf legen. Mit Marinade begießen bis die Flüssigkeit alles gut bedeckt. Sollte die Marinademenge nicht ausreichen, noch einmal mit Öl und Essig im Verhältnis 2:1 weiter auffüllen. Gut abdecken, mindestens ein paar Stunden, am besten aber gleich 2- 3 Tage im Kühlschrank durchziehen lassen. Eine halbe Stunde vor dem Verzehr aus dem Kühlschrank nehmen und mit frischem und knusprigem Butterbrot essen.

Lasst es euch schmecken!

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4 Comments

  • Reply Angelika 8. Dezember 2015 at 12:34

    Hallo

    ich habe statt Salz gekörnte Brühe genommen und ich muss sagen es war super lecker. Die 2 roten Zwiebeln waren nur aus Verlegenheit, da ich keine weißen daheim hatte.

    lg
    angelika

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 8. Dezember 2015 at 12:55

      Es freut mich sehr, dass es Dir geschmeckt hat, liebe Angelika!

  • Reply Thea 17. November 2012 at 07:29

    Ein schöner Post und ich bin gespannt auf das neue Projekt! Handkäs‘ wurde mir vom Freund meiner Schwester (waschechter Frankfurter) das erste Mal gezeigt und vorgeführt in einer richtig alten Kneipe in Frankfurt selbst. Mittlerweile zwingt er mich fast, hessische Trinklieder zu lernen, damit’s richtig authentisch ist :). Als Sachse tu ich mich noch schwer! Aber vielleicht überrasch ich die beiden bald mal mit einem selbstgemachten Handkäs, daher vielen Dank fürs Rezept!!! Liebste Grüße, Thea // sisterMAG

    • Reply Genusssucht 17. November 2012 at 11:02

      Liebe Thea, schön Dich in den Kommentaren wiederzufinden 🙂 Viele Nicht-Hessen tun sich etwas schwer mit diesem stinkigen Käse, er ist leider nicht Charmeur von der ersten Stunde an. Aber wer kräftigen Käse mag, wird Handkäse lieben, da bin ich mir sehr sicher. Vielleicht findest Du ja im gut sortierten Supermarkt noch einen anständigen hessischen Apfelwein, den gibt’s selbst hier in Hamburg manchmal zu finden. Dann wäre die Handkäs-Mahlzeit nahezu authentisch. Beim nächsten Mal berate ich Dich dann gerne zu SChwierigkeitsstufe 2: Rippche mit Kraut 🙂 Herzallerliebst, Steffi

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