ALLTAGSKÜCHE ESSEN

Heiße Tartiflette & eisige Zeiten

31. Januar 2014
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Verdammt kalt ist es da draußen vor der Tür. Ich bemühe mich ständig, meine Hände bedeckt zu halten und sie vor dem Erfrieren zu schützen – in meiner Wohnung. Denn so richtig kommt der viel zu kleine Heizkörper, der das dazu proportional viel zu große Wohnzimmer beheizen muss und zudem auch noch an der viel zu entlegenen Stelle gegenüber der großen Fensterfront verbaut wurde, nicht dagegen an.

Also kämpfe ich mit mehreren Lagen Socken, dickem Wollschal und diversen Kleidungslagen gegen den Eindruck verbissener Kälte in meinem Kopf, wenn ich an Ort und Stelle sitzen bleiben muss, wie es der Fall beim Bloggen ist. Und gieße regelmäßig unnatürlich heiße Flüssigkeiten in mich nach, um wohltemperiert zu bleiben. Was tut man nicht alles für die Internet-Fangemeinde.

Da traf es sich ausgesprochen gut, dass ich mich gerade in den letzten Tagen ausgiebig mit Reblochon de Savoie beschäftigte. Immerhin ist er der Hauptverantwortliche für eines meiner absoluten Lieblings-Wintergerichte mit überschaubarer Zutatenliste, die nur aus den besten Rohstoffen für eisige Winterzeiten besteht: Kartoffeln, Sahne, Speck, Zwiebeln. Bis hierhin sind die genannten Darsteller generell und überhaupt schon ein Traumquartett. Gäbe es da nicht noch diesen Protagonisten, der, wenn er sie alle zartschmelzend und cremig-fließend umgarnt, aus dieser Traumbesetzung die perfekte Symbiose werden lässt und ihren Auftritt zu etwas wirklich Großem macht.

Mit seinen leichtfüßigen und zarten Dreimillionen Kalorien braucht es zuerst einen kleinen Überwindungsmoment, bis man sich traut einen ganzen Reblochon rabiat quer aufzuschneiden und einfach mit seinem stattlichen, mehreren hundert Gramm schweren Kampfgewicht auf ein paar Kartoffelscheibchen zu legen und das Ganze dann auch noch mit Milch und Sahne zu begießen. Aber keine Sorge: diese Kalorien sind unglaublich gut investiert.

Wer mich kennt weiß sowieso, dass ich irgendwann im Teenager-Alter aufhörte Kalorien zu zählen – weil das für mich genauso viel Nährwert hat wie Ständigbesorgtsein. Ich glaube an sinnreichen Genuss. Und an die wärmende Kraft ehrlicher, guter Speisen. Diese Tartiflette ist das reinste Paradebeispiel dafür.

Schon beim Gedanken an das Tartiflette-Vorhaben überkam mich eine wohlige Wärme, die sich langsam im ganzen, tiefgefrorenen Körper breit machte und für Antauzustände sorgte. Die Zubereitung selbst brachte selbst die Fingerspitzen sogar gänzlich zum Auftauen, die Augen glühten schon in Vorfreude. Als die Tartiflette dann heiß dampfend, mit im Wechsel zischenden und blubbernden Käsebläschenknallgeräuschen aus dem Ofen kam, gab es einfach kein Halten mehr. Das heiße Gargut musste schnellst möglich gekostet werden. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass ich mir die Zunge verbrannte. Ungeduld hat ihren Preis. Doch auch das war es wert. Mit jedem Happs stellte sich mehr Winterfreude ein – und eine gefühlte Körpertemperatur weit über 10 ° C.

 

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Ich kann bestens nachvollziehen, warum die Menschen aus Savoyen sich solch köstliche Rezepte einfallen ließen, um aus den gehaltvollsten verfügbaren Lebensmitteln etwas zu kreieren, dass jegliche Kälte aus den Gliedern und der Seele treibt, wenn sie am Abend nach ermüdendem Tagewerk mit kraftlos gearbeiteten Körpern in ihr Heim zurückkehrten. Denn nach einer Portion Reblochon mit Beilage ist man nicht nur satt, sondern rundum glücklich und glüht den Rest des Abends nach, als säße man vor dem Kamin.

Im Konzept dieses reichhaltigen Rezepts war sicherlich nie vorgesehen, dass auch körperlich nicht unbedingt hart arbeitende Foodblogger sich eines Tages damit nähren würden. Damals konnte man jedoch auch nicht ahnen, dass es irgendwann Großstadtwohnungen geben würde, deren Heizkörper nicht auf die zu heizende Wohnfläche angelegt sein würde. Es macht also durchaus Sinn, dass das Wissen zu solchen Speisen den Alpenraum verlassen hat und bis in den fernen Norden verbreitet wurde.

Leider ist heute nichts mehr von der Tartiflette übrig. Obwohl es noch nicht wärmer geworden ist hier am Nordpol. Deshalb bleibt mir nun nur rückblickende Schwärmerei über die Tartiflette und ein bisschen zugehörige Wehmut. Warme Gedanken helfen ein bisschen. Für alles Weitere mache ich mir mal eben einen Tee und eine Suppe. Und schreibe beim Gang in die Küche mal schnell den nächsten Reblochon auf den Erinnerungszettel.

 

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Tartiflette

Zutaten für 3 bis 4 ziemlich durchgefrorene Menschen:
100 g guter, durchwachsener Speck
2 mittelgroße Zwiebeln
2 Knoblauchzehen
1,2 kg festkochende Kartoffeln
250 ml Milch
250 ml Sahne
1 ganzer Reblochon (mind. 300 g, um ein Vielfaches besser noch 500 g)
1 Bund Petersilie
Salz, Pfeffer

Vorbereitung

Speck gegebenenfalls von der harten Außenseite befreien und fein würfeln. Zwiebeln und Knoblauch schälen und ebenfalls fein würfeln. Kartoffeln schälen, unter Wasser abspülen, abtrocknen und in recht feine Scheiben schneiden. Petersilie waschen, trocknen und hacken. Milch und Sahne mischen. Den Reblochon im Ganzen quer durchschneiden.

So wird’s gemacht

Den Ofen auf 120° C Umluft (oder 140° C Ober-/Unterhitze) vorheizen.

In einer großen Auflaufform die Kartoffelscheiben mit Speck, Zwiebeln und Knoblauch vermengen. Salzen und pfeffern, Petersilie hinzugeben und nochmal durchmischen. Die Kartoffeln leicht zusammendrücken, sodass sie möglichst dicht aneinander in der Auflaufform liegen. Die Sahne-Milch-Mischung darüber geben. Sie sollte die Kartoffeln knapp bedecken. Sollte die Menge nicht ausreichen, noch etwas im Verhältnis 50:50 nachgießen.

Die Auflaufform in den vorgeheizten Ofen schieben und 30-40 Minuten backen. Die Kartoffeln sollten dann beim Anstechen mit einem spitzen Messer etwas zu 3/4 durchgegart sein. Dann den Reblochon mit der Rindenseite nach unten auf dem Kartoffelgratin verteilen. Die Form zurück in den Ofen geben und ca. weitere 25-30 Minuten weitergaren, bis die Kartoffeln weich sind, der Reblochon komplett verlaufen und goldgebräunt ist.

Bon Appétit!

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1 Comment

  • Reply Marja 31. Januar 2014 at 18:10

    Herrlich! Tartiflette habe ich dank einer sehr lieben Freundin aus Grenoble in Portugal kennengelernt. Zugegeben, so richtig kalt war es nicht, aber auch ohne Kälte wundervoll. Ein paar Jahre danach habe ich es dann im Februar vor Ort genießen dürfen. Köstlich! Ich hoffe es geht dir gut! Alles Gute!

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