ALLGEMEIN

Grün, grün, grün.

7. März 2012
Genuss_sucht_Grün grün grün

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider,
grün, grün, grün ist alles was ich hab‘.
Darum lieb‘ ich alles was so grün ist,
weil mein Bauch es auch so gerne mag.

Eigentlich ist mein Leben bunt. So bunt wie meine Persönlichkeit, meine Interessen, mein Freundeskreis, meine Launen und meine Genusssucht. Ich entscheide mich ungern für nur eine Farbe in diesem Leben und springe dementsprechend äußerst gerne von schwarz nach weiß, von krawallrot zu pastellrosa und anschließend von lila zu ockergelb. Doch es gibt Tage, an denen zählen andere Farben nicht mehr. Dann wird meine Welt unifarben, von einem Moment auf den anderen. Als würde man ein Auge schließen und durch einen dieser kleinen Plastikfernseh-Knipsgeräte schauen, die wir alle als Kinder liebten. Und am Ende des Guck-Kastens ist immer nur eins, egal wie oft man klickt.

Seit mittlerweile fast 26 Stunden starre ich auf grün. Knipse ständig ein Bild weiter und da ist immer noch: grün. An anderen Tagen sind es andere Farben, die sich im Dauermodus in mein Bewusstsein rufen. Solche Phasen sind so voll von einem Gemütszustand, einer Laune oder einem Gefühl, dass ich eine Farbe nicht nur denke, rieche, fühle, höre und sehe, sondern sie am Ende auch noch essen muss. Mehrfach, in hoher Konzentration. Als müsste ich mich damit von innen anmalen, in mehreren Schichten von der Grundierung bis zum Decklack.

Die Grün-Phase kündigte sich irgendwann gestern morgen an als ich das erste Mal in diesem Jahr meine Lieblingssneaker aus dem Schrank nahm und damit inoffiziell schon einmal meinen persönlichen Frühling einläutete. Danach, auf den langen 300 Metern zum Bus, steigerte sich mein  Verlangen nach einem Brennesseltee ins nahezu Unermessliche und trotz Zeitnot musste ich in den Laden springen um ebendiesen Tee zu kaufen und nicht brennessellos den Arbeitstag verbringen zu müssen. Das hätte mir eine Warnung sein sollen. 2 Liter Tee und viele Stunden später, im Bus nach Hause, erwuchs dieses Grün-Verlangen noch weiter. Es gelüstete mir nach Petersilie im Übermaß, nach Gurke und Minze und am Ende konnte daraus nichts anderes werden als Couscous mit zwei kleingehackten Bund Petersilie, vielen Gurken- sowie ein paar Karottenwürfeln und Minzjoghurt. Zum Nachtisch gab es dann noch einen Apfel (nicht ganz grün, aber mit grünen Flecken, ihr erinnert euch sicher). Ich dachte, das Verlangen sei damit gestillt. Bis ich heute morgen aufwachte und erkennen musste, dass wohl noch nicht alle Ecken in mir grün angestrichen waren.

Glücklicherweise gab es noch Couscous-Reste, die mich heute in der Mittagspause mit einem schnellen Kräuterquark beglücken könnten. Zusammen mit 2 weiteren Litern Brennesseltee. Doch damit noch immer nicht genug. Wieder im Rückfahrbus angelangt, Hörbuch im Ohr und Essensplanung im Kopf, überrannte mich wieder dieses Entzugsgefühl. Grünattacke im Warnbereich, ziemlich nah am Ende der Messskala. Nach ausgiebigem Kochen ist dir nicht, sagte die Laune. Es gibt noch einige Reste zu verwerten, sprach die Vernunft. Du könntest auch Pizza essen, flüsterte der Teufel. Du brauchst was frisches Giftgrünes und am besten gleich viel davon, quäkte das Verlangen im endlosen Widerhall. Hätte ich diesem Chor widerstehen können? Keinesfalls.

Am Ende wurde daraus ein farbenfrohes grün in grün mit grün. Grün innen, grün außen, grün obendrauf. Die Laune bekam ein schnelles unkompliziertes Omelette, die Vernunft schnippelte kurzerhand Gemüsereste hinein, der Teufel formte es wie eine Pizza und streute noch eine höllenrote Chili und ein paar gebratene Salami-Chips obendrauf und am Ende war selbst das Verlangen glücklich, denn es strich meine Seele mit den im Kühlschrank verfügbaren Grüntonen in Zuckererbsen-Erbsen-Paprika-Frühlingszwiebel-Grün, verlegte auch gleich noch einen schönen Schnittlauch-Petersilien-Koriandersamen-Joghurt-Teppich und dekorierte zum Abschluss mit kressegrünen Akzenten. Und während ich noch einen letzten Knipsversuch unternahm, legten sich alle unruhigen Grün-Geister für den Moment wieder schlafen.

Ob es sich bei all dem Spuk um eine ausgeprägte Somatogenese handelt, wie es mir vor wenigen Jahren von einem mir wohlgesonnenen Lebensmittelchemiker diagnostiziert wurde, oder lediglich um einen intensiven Frühlingsgenusssuchtsanfall, bleibt bis auf Weiteres ungeklärt. Bis zum nächsten einfarbigen Anfall, vermute ich. Oder einer Überdosis Mittagspausen-Avocado-Salat, dessen Vorstellung gerade in mir erwächst.

Glücklicherweise kenne ich diese Farbsuchtsanfälle schon gut genug um zu wissen, dass es vorübergeht und mein Körper sich einfach nur in Massen holt, was im Lager gerade leer ist und neu bevorratet werden will: in diesem Fall Grünmineralien und Vitamin Grün. Ich entspanne mich deshalb einfach. Und mache mir dazu noch eine kleine Limetten-Honig-Schorle. Irgendwie ist mir danach.

Genuss_sucht_Grün grün grün

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1 Comment

  • Reply Monika 8. März 2012 at 12:44

    Sieht ja lecker aus…!?!?!Liebe Grüße

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