Douce France LEBEN

Großes Jahr oder großer Jahrgang in der Champagne?

29. September 2015
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Es ist doch immer wieder verrückt, wie schnell die Zeit einfach vergeht. Kaum lebt man sich in Frankreich ein, schon ist ein dreiviertel Jahr vergangen. Ein verrücktes dreiviertel Jahr mit vielen Wendungen, Irrungen, Wirrungen und ganz viel Glücksgefühl im Herzen. Das Alte hat abgedankt, der große Veränderungsschritt war ein wichtiger. Und absolut richtiger.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich mich das letzte Mal so zuhause gefühlt habe. Es ist viele Jahre her. Eine Staubschicht liegt auf der Erinnerung.

Wie jede maßgebliche Veränderung im Leben braucht auch diese viel Zeit, Energie und Willenskraft. Ich arbeite an vielen Fronten, baue mir neue Kontakte, neue Netzwerke, neues Wissen auf. Das Lernen hört einfach nie auf und zugegebenermaßen tut das meinem umtriebigen Geist gut, auf noch mehr Baustellen als zuvor zu tanzen.

Das Einleben hat viele Ebenen, von persönlichen, organisatorischen bis hin zu fachlichen und beruflichen. Ich bastele ein bisschen hier, ein bisschen da, verliere mich wie immer gerne im Strudel der Ideen und Möglichkeiten. Ich bin noch immer ich. Nur eine bessere Form davon – hier in Frankreich, dem Land in dem ich so Vieles liebe und in welchem das Ich sich so viel besser entfalten kann.

Nebenbei fällt mir immer wieder viel Glück in die Hände. Glück, anerkannt zu werden für all das, was ich kann und mache. Glück, zum richtigen Zeitpunkt zufällig an den richtigen Orten zu sein und dort die richtigen Menschen kennenzulernen. Glück, Unterstützung von Menschen zu erhalten, die mich immer wieder aufs Neue aus meiner Komfortzone herauslocken, mit neuen Aufgaben und Projekten betrauen, für deren Herausforderung ich mir aus eigener Sicht wahrscheinlich noch Zeit gelassen hätte. Und die zweifellos überzeugt sind, dass ich all das schaffe. Weil sie an mich glauben. Obwohl sie mich nicht einmal besonders lange kennen.

Dieses Vertrauen berührt mich sehr.

Ich arbeite mit Winzern an kleinen Zukunftsprojekten und mit Menschen, die seit Generationen in der Region verwurzelt sind, an neuen Ideen. Nebenbei zerteile ich die Tagesreste in kleinere und größere Häppchen für meine eigenen, riesigen Herzensprojekte. Für das Office du Tourisme darf ich mittlerweile Führungen durch die Region übernehmen. Von der kleinen mehrstündigen Einführung in die Champagnerkultur der Stadt für Touristen, die das erste Mal hier sind, bis zur detaillierten Ganztagesführung mit ausführlichen Informationen für die internationale Fachpresse, die stadtpolitisch immerhin so hoch aufgehangen ist, dass der nahende Termin alle ein bisschen nervös macht.

Wer hätte gedacht, dass ich irgendwann zum Touri-Guide werde? Ich jedenfalls nicht. Dennoch finde ich es großartig. Weil ich dabei vor allem für alle kulinarischen Touren eingesetzt werde, als Expertin für Wein und Essen. Ich darf – als Nicht-Französin! – das heiligste Gut der Region präsentieren und könnte nicht stolzer sein, dass man mir diese Ehre zuteil werden lässt.

Quadratzentimeter um Quadratzentimeter lerne ich mich dafür in die historische Vergangenheit der Region ein, erobere mir das Wissen um kleine Winzerdörfer wie um Produzenten sowie die notwendigen Kenntnisse um alle möglichen kulinarisch wichtigen Handwerke der Region. Manchmal habe ich das Gefühl, der Kopf sei kurz vorm Bersten, weil ich stetig weiter so viele Details hinein quetsche. Dann schnüre ich meine Sneaker an den Fuß und laufe 5 Minuten die Straße entlang, bevor ich mich mitten im Weinberg wiederfinde, mit dem Blick über die Stadt.

Dort atmen die Rebstöcke den frischen Wind ein, der immer um den Gipfel des Hangs weht.

Und ich atme aus, lasse den Stress des Moments, des Tages, der Woche dort. Die Nähe zu den Reben hat eine magische Wirkung auf mich. Sie stimmen mich sanft, friedlich, dankbar. Dort im Weinhang verstehe ich, was mich antreibt und kann es trotzdem für kurze Zeit loslassen bevor ich wieder vollgetankt mit Weinergie und frischer Schaffenskraft an die Verwirklichung einer meiner vielen Projekte zurückkehre.

Großes Jahr oder großer Jahrgang in der Champagne?

Die Weinlese 2015 ist seit einer knappen Woche in der Champagne beendet, die Weinblätter färben sich langsam in herbstliches Gewand. Auch wenn erst im Frühjahr anhand des vergorenen Weins eine verbindliche Jahrgangseinschätzung möglich ist, tragen die Winzer schon jetzt ein verhaltenes, auf Nachfrage jedoch breiter werdendes Grinsen auf dem Gesicht. Sie haben mengenmäßig weniger gelesen als in anderen Jahren, aber die Qualität sei ausgesprochen gut, sagen fast alle einstimmig.

Ein verheißungsvoller Jahrgang. Man kann es an ihren strahlenden Augen erkennen.

Keine Beschwerden, kein Schimpfen. Stattdessen stilles Beobachten und Weitermachen. Den Dingen die Zeit geben, die ihnen gebührt. Damit daraus das Wunder entstehen kann, das man sich wünscht. Man kann viel lernen von einem Weinjahr und den Winzern, die es meistern. Ich verinnerliche diese Lektionen Stück um Stück für mein eigenes Leben. Und habe genau deshalb noch ein paar Monate Zeit herauszufinden ob es es ein großes Jahr und auch ein großer Jahrgang in der Champagne war.

 

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