GENUSSKULTUR

Goldene Zeiten, goldene Brezen

26. August 2014
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Neulich war ich in München. Dort wohnte ich vor vielen Jahren mal. Kein Wunder also, dass ich sofort dabei war, kulinarische Erinnerungen an diese Zeit wieder aufleben zu lassen. Ich besuchte mein liebstes Brauhaus und aß einen üppigen Teller mit Rahmschwammerl, gemischten Pilzen in Rahmsauce, in deren Mitte ein Semmelknödel schwamm. Die erste Etappe der kulinarischen Erinnerungen war getan, weitere folgten.

Zwei Tage später ging ich auf die Suche nach einer noch essentielleren Erinnerung: Brezenstangen. Nein, nein, bitte nicht verwechseln: ich spreche nicht von diesen Käsestangen-dicken Laugenstangen, die es quer durch Deutschland verteilt in hunderten Bäckereien zu kaufen gibt und die man immer mit einem gehörigen Schluck Wasser herunterspülen muss, weil sie so unerhört trocken und wenig knusprig sind. Vielmehr meine ich die Brezenstangen des Café Reichshof.

Früher, als ich noch in München lebte und im Stadtteil Haidhausen arbeitete, machten mich meine genusssüchtigen Chefs abhängig von den Brezen des Café Reichshof. Sie waren die größten Fans dieser Brezenstangen und als echte Münchner redeten sie mir ein, es handele sich hier um die besten Brezenstangen der Stadt, Deutschlands und der Welt überhaupt. Ich brauchte nur eine einmalige Verkostung um mich rest- und zweifellos davon zu überzeugen. Diese Brezenstangen waren gerademal daumendick, gute 30 Zentimeter lang, außen umwerfend feinknusprig, innen dicht-flaumig und keinen Deut trocken. Ich wurde fortan für immer in meinem Brezenanspruch versaut.

In der Bäckerei Reichshof war dieses außergewöhnlich gute Gebäck immer schneller vergriffen, als man früh aufstehen konnte. Vorbestellungen waren daher essentiell, wenn man mehr als zwei Stangen abgreifen wollte. Und da die Stangen so schmal und zart waren, brauchte es mindestens 2 oder besser 3 davon um einen Frühstückshunger auf Brezenstangen zu stillen. Meistens bestellten wir also für unser gesamtes Team vor, insbesondere wenn Kunden sich angemeldet hatten und wir eine Meeting-Kleinigkeit brauchten.

Der Vorteil des Vorbestellens lag nicht nur in der Anzahl der erhältlichen Stangen, sondern auch in einer weiteren köstlichen Eskapade: wer vorbestellte, konnte sich diese Stangen noch vom Fachmann aufschneiden und buttern lassen (zerbrechlich waren diese Dinger, das wollte man also lieber nicht selbst machen). Butterbrezenstangen! Lieber Kulinarikhimmel, wenn es irgendwann mit mir oder der Welt (und zwangsfolgerlich auch mit mir) zu Ende geht, möchte ich bitte in einer Welt mit grenzenloser Butterbrezenstangenverfügbarkeit reinkarniert werden.

Schon vor Antritt der Münchenreise stand daher fest, dass ich unbedingt wieder dort hin muss, Brezenstangen kaufen, mich daran satt essen, weitere mitnehmen und das gleiche abends noch einmal wiederholen.

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Auf das Café zutrottend sah ich bereits eine große Veränderung: alles leuchtete hell und schön. Ungewöhnlich hell und schön für das Café Reichshof, denn es glich im Ambiente eher einem Oma-Café aus Nachkriegszeiten (der Name trug unschöne Indizien), wenige Tische standen im Eck, es war meist recht dunkel, die Sonne kam kaum durch die Vorhänge, man roch die vielen Jahre Erfahrung in der Stube, die Bedienungen waren alt und etwas steif in ihrer Bewegung (mit Ausnahme der flinken Butterfinger), Kaffee wurde graubehaarten Menschen in Kännchen serviert. Kein Ort zum Verweilen für junge Menschen, aber ein Ort für Brezenstangensüchtige.

Als ich näher kam prangerte zwar noch der alte Name des Cafés an der Fassade, aber er war ungewöhnlich frisch glänzend und vor allem umgeben von klaren, modernen Lettern eines anderen Logos. Bäckerei Konditorei Neulinger fasste den alten Namen ein. Der Blick in die Räumlichkeiten offenbarte, dass es sich nach wie vor um eine Bäckerei handelte, ein weiterer Blick konnte aber keinerlei Brezenstangen entdecken.

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Ein Verkäufer blickte mir freundlich entgegen und fing meinen suchenden Blick ein. Auf meine Frage hin, ob sie noch immer die knusprigen dünnen Breznstangen haben, erhielt ich umgehend Antwort. Leider nicht die richtige. Seit über 4 Jahren gäbe es die alte Bäckerei nicht mehr, seitdem sei man nun hier in diesen Räumlichkeiten und man habe zwar viel Gebäck, aber eben keine Brezenstangen. Ich zögerte einen Moment, sah mich noch einmal um, entschied dann zu bleiben. Es sah freundlich und gemütlich aus, vor allem aber trocken – äußerst verlockend, schließlich begann es draußen gerade zu regnen. Was ein Glück, dass ich blieb.

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Die Karte der Neulinger Brot & Feinbäckerei heiterte mich nach dem herben Brezenstangenrückschlag und dem Verlust des Alten schnell wieder auf. Ein Blick in die Karte versprach vernünftiges Frühstück aus biologischen Zutaten. Na wenigstens etwas, dachte ich.

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Die enttäuschte Vorfreude auf meine heißgeliebten Brezenstangen, die ich vor 6 Jahren das letzte Mal zu beißen bekam, konnte erst einmal nicht mit anderen Brezen ersetzt werden, zu schwer wog der Verlust. Kurz musste ich mich selbst überprüfen, ob ich nicht wie ein Kind die Unterlippe schmollend verzog in meinem Unmut, als ich Kaffee und ein Omelette mit Tomaten bestellte, mit einer „Scheibe vom Genetzten“ wie es die Speisekarte versprach.

Eine viertel Stunde später kam die Bestellung auf den Tisch. Ein Omelette, gekonnt in klassisch ovaler Form serviert, umgeben von kleinen, vom austretenden Tomatensaft hellrot gefärbten Butterpfützchen, die mich sofort milde stimmten. Es schien ein gutes Omelette zu werden. Besser, als ich es erwartet hatte.

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Das Omelette schmeckte so gut, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Ein perfekt zubereitetes Omelette, hellgelb in der Farbe, keine Bräunungsstellen, die von zuviel Temperatur oder achtlosem Braten zeugten, im Kern noch weich und cremig, auf den Punkt mit Salz und einem Hauch Pfeffer gewürzt, in reichlich Butter zubereitet. Dazu gab es einen Teller mit frischer Butter und einer Scheibe Brot. Das Genetzte, das die Karte versprochen hatte.

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Nach und nach füllten sich die Tische um mich herum, Freundinnen berichteten einander am Nebentisch, wie sensationell gut das Rührei hier sei und welch ein Glück man habe, dass ab heute der Koch wieder aus dem Urlaub zurück sei, denn die Urlaubsvertretung beherrsche die Sache mit dem Rührei nicht so wirklich exzellent. Ein Geschäftsmeeting auf der anderen Seite erzählte sich, wie oft man hierher komme, weil das Brot so gut sei, das man danach längst süchtig geworden wäre. Und eine Familie zwei Tische weiter schwärmte von den leckeren Müslis. Ich hatte einen Ort mit verdammt guten Brezenstangen gesucht und offensichtlich einen Ort mit verdammt vielen verdammt guten anderen Dingen gefunden.

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Aus einem kurzen Zwischenstop wurde ein ganzer Vormittag. Ich trank noch mehr Kaffee, Espresso, einen griechischem Bergtee, dessen harziges Aroma ich so sehr mag, aß noch ein Stück perfekten Zwetschgendatschi auf Mürbteig, der vor unverfälschtem Buttergeschmack nur so strotzte und herrlich über den Teller und meine Zunge krümelte.

Ich genoss einen fröhlichen, freundlichen, wunderbar unaufgeregten und ungestressten Service, der auch dann sein Lächeln und die Aufmerksamkeit behielt, wenn gerade mal wieder mehr als 10 Menschen vor der Kasse schlängelten, um das sichtlich beliebte Brot, Kuchen, Torten, Stückchen und anderes Gebäck einzukaufen.

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Beim Verlassen der Bäckerei kaufte ich zusätzlich zu einem Baguette noch schnell ein ganzes Genetzes – jenes dichte, milde Weizenmischbrot mit Sauerteig, saftigem Innenteil und knuspriger Krume, um mich am Abend nach meiner Rückreise aus München noch einmal davon zu überzeugen, wie gut das Universum zu einem sein kann, wenn man sich auf Überraschungen einlässt.

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Mit dem Knipsen der letzten Beweisaufnahme war klar: goldene Brezen hatte über mich gewacht. Wo früher die besten Brezenstangen der Stadt wohnten, gibt es heute anderes großartiges Backwerk, das in traditioneller Arbeitsweise und unter Einsatz unverfälschter Zutaten hergestellt wird. Ganz ohne Backmischungen oder Zusatzstoffe wird hier mit langen Teigruhezeiten und handwerklichem Können außergewöhnlich gutes Brot erzeugt.

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Ich komme bald zurück, das ist sicher. Mit bis dahin überwundenem Brezentrauma, Hunger auf ein nahezu perfektes Omelette und der Bereitschaft, eine neue Lieblingsbreze in mein genusssüchtiges Herz zu lassen. Aber vielleicht erhört mich ja jemand und versucht sich an einer Version 2.0 der unvergessenen Butterbrezenstangen.

 

Wo?

Neulinger Brot & Feinbäckerei

München Haidhausen: Wörthstraße 17

München Neuhausen: Volkarstraße 11 und 48

 

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