ALLTAGSKÜCHE ESSEN REZEPTE

Glitsch, glitsch, hurra! Wer wird sich denn bloß trauen?

24. Mai 2013
Genusssucht Schneckentartelette

In meinem kulinarischen Werdegang gibt es eine immer wieder auftauchende Diskussion mit Menschen, die mich irgendwann in meinem Leben mit einem gehörigen „Iiiih“ segneten, wenn sie hörten, dass ich bestimmte Dinge ganz und gar nicht so abstoßend fand wie sie. Oder im Gegenteil: sie sogar gut fand, mochte, schätze, liebte.

Unter den Top 5 diese Diskussionen stehen die Weinbergschnecken. Was in den meisten Köpfen als glibberig-undefinierte Masse erinnert wird, die ein sofortiges „Iiiih“ auslöst, ist in meinem Kopf fest mit Familien-Samstagabenden verbunden, die ich in meiner Kindheit erlebte. Es waren Abende, an denen es als Vorspeise Weinbergschnecken in kräftiger Petersilien-Knoblauch-Butter gab – nur für mich und meinen Vater, da der Rest der Familie den kleinen Krabbeltierchen ebenfalls nicht sonderlich aufgeschlossen war.

Es waren die vorgefertigten Schneckenhäuser aus dem Tiefkühlregal, die wir auf passenden Schneckentellern im Ofen garten, bis sie in der Butter zu schwimmen anfingen. Ich fand mich ziemlich mutig, Schnecken zu essen und war stets hochkonzentriert bei der Sache, damit die Schneckenzange nicht vom Gehäuse abrutschte, bevor ich mit der kleinen Schneckengabel das verschwindend kleine Teil herausfischen und auf ein Stück Weißbrot hieven konnte. Mit Inbrunst und pedantischer Sorgfalt bemühte ich mich, auch mit dem allerletzten Weißbrotkrümel noch die verbliebene Knoblauch-Kräuter-Butter aufzustippen. Und am Ende stellte ich jedes Mal aufs Neue fest, dass 12 Schnecken einfach zu wenig für eine Person sind. Denn viel lieber hätte ich jedes Mal statt eines anderen Hauptgangs noch eine Runde dieser fantastischen Kriechtiere gegessen.

Ob es die kulinarische Vorliebe oder das kindliche Interesse am Schneckentier war, die zuerst in mein Leben trat, kann ich nicht mehr genau beurteilen. Denn ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal Schnecken aß. Dass ich aber schon früh in meiner Kindheit Unternehmungen startete, um Schneckenzüchterin zu werden, erinnere ich nur zu gut.

Unser Haus war nahe am Feld gelegen und entlang der letzten Grundstücksmauer, die direkt an das vom Bauern bestellte Feld grenzte, versteckten sich eine ganze Menge Schnecken hinter großen Büschen von Brennesseln. Als Kind stapfte ich gerne an dieser Mauer entlang und sammelte besonders prächtige Exemplare in einem Glas ein – in der Hoffnung, sie zu meinen neuen Haustieren zu machen. Zuhause füllte ich sie in ein großes Glas um, verschloss es mit einer Plastiktüte und Gummiring und stach viele Löcher hinein um ihnen Luft zum atmen zu lassen.

Als haustierreiche Familie war mir der Umgang mit Tieren nicht fremd und so bekamen meine Schnecken natürlich auch immer etwas zu fressen. Salatblätter, Gurkenstücke, ein paar Tropfen Wasser. Was mit meinen Hauskaninchen funktionierte, musste doch auch Schnecken entzücken und am Leben halten. Meist wurde mir die Schneckenhaltung nach kurzer Zeit langweilig – schließlich ließen sie sich weder streicheln noch bespielen und machten auch trotz guten Zuredens keine tollen Kunststücke – und so setzte ich sie einfach im Garten wieder aus.

Ich erinnere mich aber auch an ein Ereignis, als ich eine meines Erachtens außergewöhnliche Schneckenhorde mit besonders schönen Häusern gefunden hatte und sie unbedingt behalten wollte. Meine Mutter versuchte lange, sie mir auszureden und mir den Freiheitswillen der kleinen Tierchen näherzubringen, aber ich für diese Theorie vom freien Leben war ich zu dieser Zeit nicht sonderlich aufgeschlossen. So kam es, dass ich ihnen ein großes Glas als neues Zuhause zuteil werden ließ und sie auf meinem Nachttisch, direkt neben meinem Kopfkissen, einziehen durften. Als ich am nächsten Tag aufwachte, war jedoch das Plastikbeutel-Dach des Glases gelöst und alle Schnecken verschwunden. Mein Fenster war gekippt und ich suchte lange nach den verbliebenen Schnecken oder Spuren ihres Verbleibs. Solange, bis meine Mutter mir einredete, sie wären sicher aus dem Fenster verschwunden.

Ich habe damals noch eine Weile darüber gegrübelt und schließlich entscheidungslos aufgegeben. Ob sie selbst entkommen sind oder meine Mutter nachgeholfen hat, weiß ich bis heute nicht. Das Wichtigste war ja auch nur, dass bald wieder mal ein Samstagabend mit Schnecken in Kräuterbutter stattfand.

Seit meiner Kindheit muss ich mindestens zweimal im Jahr Schnecken essen. Natürlich mache ich mittlerweile die klassische Beurre Persillé selbst und nehme nur noch gute Weinbergschnecken-Konserven aus dem Burgund. Gute Qualität, die schön fleischig und groß ist. Auch, wenn viele die Vorliebe für Schnecken nicht teilen können und mir auch heute des Öfteren noch ein „Pfui“ entgegengehaucht wird, wenn ich davon erzähle, lasse ich mich davon nicht mehr beirren. Das, was die meisten als glitschig-eklig vermuten, ist in gegartem Zustand fester als Muschelfleisch, schmeckt wunderbar erdig und etwas nach Kräutern.

Zugegeben – es braucht ein bisschen Butter oder Crème Fraîche, kräftige Kräuter und ein kleines bisschen Säure, um sie geschmacklich interessant einzubinden. Aber wenn man sie so umschmeichelt, wird aus ihnen etwas Besonderes. Da die Gäste meiner Genusssucht Menüs sich unverständlicherweise vehement gegen Schneckengenuss wehren, war es nun an der Zeit, mal wieder welche für mich ganz allein zu machen. Ein unkompliziertes kleines Gericht. Eines, das ich somit auch nicht teilen musste (juhu!).

Nach Kräuterbutter war mir nicht und der Blick in den Tiefkühler offenbarte noch zwei letzte Blätterteig-Quadrate – aha, Tartelette! Es konnte durchaus etwas deftiger werden und mir schossen längst Flambiergedanken durch den Kopf. Schlussendlich durften die kleinen Tierchen sich deshalb noch mit Gin betrinken, dessen Wacholderbeerenaroma sein Bestes zum Schneckenereignis hinzusteuerte und sie zu köstlichen kleinen Vom-Teller-in-den-Mund-Kriechtierchen machte.

Ihr mögt irritiert mit dem Kopf schütteln bei dem Gedanken daran, diese (vermeintlich!) schleimigen Geschöpfe zu verspeisen, oder auch unüberlegte „Iiiiihs“ oder andere Schreckenslaute von euch geben, aber eines ist sicher: Wer sie nicht probiert hat, darf sowieso weder Laut geben noch mitreden. Und wer sich dann doch mal traut, der ruft dann vielleicht eines Tages auch so begeistert wie ich:

Glitsch, glitsch, hurra!

 

Genuss sucht_Tartelette mit Schnecken in Gin2

 

WEINBERGSCHNECKEN-TARTELETTES IN GIN-CRÈME

Zutaten für 2 Tartelettes:

2 TK-Blätterteig-Quadrate
125 g Weinbergschnecken guter Qualität (abgetropft gewogen)
2 EL Butter
1 Schalotte
1 sehr kleine Knoblauchzehe (oder eine halbe normal große)
4 Stängel Petersilie
20 ml guter Gin und ein zusätzlicher, kleiner Schuss (hier: Munich Dry Gin)
40 ml trockener Weißwein
2 EL Crème Fraîche
40 ml Milch
Salz, Pfeffer

Vorbereitung:

Ofen auf 180 Grad Ober-/Unterhitze (oder 160 Grad Umluft) vorheizen. Blätterteig-Quadrate derweil einige Minuten antauen lassen bis sie biegsam werden. Leicht mit Mehl bestäuben und in eine Tartelette Form oder eine andere ofenfeste Schale geben, um daraus ein kleines Körbchen zu formen. In ca. 20 Minuten leicht braun und knusprig backen.

Schalotte und Knoblauch jeweils schälen und sehr fein würfeln. Petersilie fein hacken. 20 ml Gin in einem Schnapsglas vorbereiten und Feuer zum Flambieren bereit stellen (oder ein langes Streichholz für Vorsichtige).

Und so wird’s gemacht:

Butter in einer Pfanne bei mittlerer Hitze schmelzen. Knoblauch und Schalotte darin glasig braten. Dann die Hitze erhöhen und die gut abgetropften Weinbergschnecken hinzugeben. Ca. 2 bis 3 Minuten scharf anbraten. Das Schnapsglas Gin hinzugeben und sofort mit dem Feuer flambieren (auf die Finger achten und wirklich nur die Schnecken flambieren!). Warten, bis die Flamme erloschen ist und dann den Weißwein hinzugeben. Crème Fraîche einrühren, mit ein bisschen Milch glatt rühren und ca. 15 Minuten sanft köcheln lassen, bis die Flüssigkeit etwas eingedickt und cremig ist. Zum Schluss mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Die noch warmen Tartelettes aus dem Ofen direkt auf den Teller geben und die Schnecken in Gin-Crème darauf anrichten. Mit gehackter Petersilie bestreuen und ganz schnell essen, bevor sie aus dem Fenster fliehen 😉

Bon Appétit!

Genuss sucht_Tartelette mit Schnecken in Gin

 

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  • Marja 26. Mai 2013 at 11:49

    Liebe Steffi,
    wie schön, dass wir uns gestern getroffen haben!
    Jetzt gesteh ich meine Neugierde mich auch an den großen Schnecken zu versuchen, nachdem die kleinen mit dem Abenden in Portugal emotional verbunden nur köstlich sind.
    Ich bin gespannt, wann wir uns wieder sehen.
    Einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Marja

    • Genusssucht
      Genusssucht 26. Mai 2013 at 12:32

      Liebe Marja,
      es war mir auch eine große Freude Dich kennenzulernen und so einen entspannten Tag zu verbringen. Solltest Du die Schnecken wirklich ausprobieren, bekommst Du von mir einen Schneckenfanclub-Zugehörigkeitsorden… Lass sie Dir gut schnecken 😉
      Bis bald mal wieder, hoffe ich.
      Herzallerliebste Grüße von der Genusssüchtigen

      • Marja 26. Mai 2013 at 20:36

        Liebe Steffi,
        was ist denn hier los? Wahnsinn, gestern hast du mir davon erzählt, heute morgen war alles noch wie ich es kannte und jetzt?! Wow! Du warst echt fleißig und ich verstehe jetzt besser, wovon du gestern gesprochen hast. Toll!
        Mein Sonntag war nicht so produktiv, aber ich habe die Prüfungen so intensiv vorbereitet, dass cih nciht mehr aufgeregt bin sondern mich darauf freue…
        So schön, dass du gestern da warst! Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung. Nur dass du Bescheid weißt, der Ball ist jetzt bei dir!
        Einen guten Start in die Woche und liebe Grüße
        Deine Marja

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