ALLGEMEIN

Genussmoral

8. März 2012
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Vielleicht habt ihr es zwischen den Sätzen meiner Posts schon bemerkt: Wenn es um Essen, Lebensmittel und Genuss geht bin ich mit all meiner Leidenschaft und Begeisterung am Start. In Gesprächen mit anderen Menschen erzähle ich genauso gerne von und über diese Themen wie in diesem kleinen Blog. Nicht unbedingt selten führt das zu interessanten Diskussionen über Lebensweisen, Ansichten, Essensmoral, Gewohnheiten, Informationsdefizite oder Aversionen gegen bestimmte Zustände. So auch geschehen als ich in den letzten Wochen mehrfach mit unterschiedlichen Menschen über eines der mir wichtigsten Themen sprach.

Das Thema, welches immer wieder aufkam, war das abgepackte Fleisch in Plastikverpackungen – und damit unweigerlich verknüpft der Fleischkauf im Supermarkt oder Discounter. Das Thema ist für mich nicht neu, aber in letzter Zeit häuften sich die Menschen, die meine Meinung dazu wissen wollten.

Als Essensliebhaber ist es mir seit vielen Jahren unverständlich wie man dieses Fleisch kaufen und im gleichen Atemzug davon sprechen kann, man habe was Leckeres gekocht oder es damit noch vor. Das knallrot glänzende Fleischungetüm auf tamponähnlichem, gewebesaftdurchtränktem Trägermaterial erweckt in mir – und das selbst ohne die Folgegedankenflut an industrielle Tierhaltungsmethoden oder darin enthaltene Antibiotikamengen – eher Überlebensängste als Appetit. Beim Anblick bekomme ich umgehend Kaumuskelverspannungen und ein grenzenloses Wutloch in meinem Bauch.

Da beschäftigen sich die Menschen so viel mit lecker und unlecker, gesund und ungesund, mit Hunger, Durst und Lebensmitteleinkauf, mit abnehmen, zunehmen, Vitaminversorgung und Packungspreisvergleichen, geben dafür ihr hart erarbeitetes Geld aus und am Ende ist es ihnen doch oft einfach egal was dafür in ihrem Kühlschrank landet.

Es schockiert mich, wie weit die Menschen von ihren Lebensmitteln weggerückt sind, wie wenig sie sich damit auseinandersetzen und wieviel sie im Gegenzug an Industrieverarsche über sich ergehen lassen oder oft sogar wohlwissentlich akzeptieren, ohne sich davon nachhaltig irritieren zu lassen, wenn sie doch mal so etwas wie eine Ahnung davon erhaschen.

Auch ich baue mein Gemüse (in Ermangelung eines Gartens noch) nicht selbst an und esse Fleisch, obwohl soviel Unfug damit getrieben wird. Aber ich halte mich für einen mündigen Verbraucher, der sich ausreichend Information über seine Einkäufe einholt, um diese guten Gewissens in die Einkaufstasche zu packen und später, trotz oder gerade wegen dieser Aufgeklärtheit, äußerst genüsslich zu verspeisen.

Obwohl ich gerne gute Bio-Qualität kaufe, soll dies keinesfalls ein Plädoyer für die Entsagung der Nicht-Bio-Welt werden. Sondern vielmehr die flehende Bitte, euch mit dem auseinanderzusetzen, was ihr kauft und in euch hinein schaufelt. Egal ob im Supermarkt, auf dem Markt, beim Gemüsehändler ums Eck oder sonstwo. Selbst am Sonntagmorgen bei der riesigen Bäckerei-Kette.

Fragt nach, was ihr da kauft. Fragt nach, wo es herkommt. Schaut euch die Verpackungen an und lest statt des Preisschilds oder der Nährwerttabelle mit Kalorienangaben mal die Herkunfts- oder Zutatenangaben. Fragt den Menschen an der Fleischtheke nicht nur, wo das Tier herkommt und wie es gehalten wurde, sondern auch wie lange das Fleisch reifen durfte. Wenn euch leuchtend tomatenrote Rinderstücke durch Plastik oder durch eine riesige Thekenscheibe anglotzen, lasst die Finger davon. Denn nur wohlig dunkelrotes Fleisch ist reif genug um wirklich ein Genuss zu sein. Doch diesen Reifeluxus muss man eben mitbezahlen. Kein Discounter hat die Lagerkapazitäten um Fleisch nach dem Schlachten reifen lassen zu können. Bei diesen Umsatzmengen wird geschlachtet, zerlegt und möglichst schnell verkauft. Solche Fließbandmasse ist natürlich günstig. Nur leider nicht günstig genug, um den Nullgenusswert des Fleisches plausibel zu machen. Und das sogar weit abseits jeglicher ethischer Gründe.

Jeder Metzger dreht euch auf Wunsch aus einem frei wählbaren Fleischstück ganz frisches Hackfleisch. Wie teuer oder günstig, wie fettarm oder fettreich das Hackfleisch dann wird, liegt so ganz in eurer Hand und an eurem Portemonnaie und dem gewünschten Verwendungszweck. Ein guter Metzger erzählt euch gerne alles über sein Produkt und berät euch, welche Stücke sinnvoll für euer Kochvorhaben sind. Denn nicht nur Filets haben eine köstliche Daseinsberechtigung.

Natürlich gilt das gleiche für Obst und Gemüse. Eine Flugmango schmeckt natürlich fantastisch im Gegensatz zum wässrigen, seit Monaten eingelagerten Neuseeland-Apfel aus dem Supermarkt oder der holländischen Mustergurke in der Gemüseabteilung und ist dazu ein Vielfaches teurer. Wer sich aber durch die Apfellandschaft Deutschlands oder Europas schmeckt um seine Lieblingssorte zu finden, die nicht Tausende von Kilometern mit dem Schiff anreisen musste, oder Gemüse kauft, das kein Hochleistungssportlerwachstum absolvieren musste und gerade Saison hat, der wird sich nicht mehr über zu hohe Preise für zu geschmackloses Gemüse beschweren.

Wer seit Jahren immer nur Pappbrötchen beim Billig-Bäcker kauft und sich heimlich darüber freut, wie clever er gespart hat, weil sie doch genauso frisch gebacken wurden wie beim Handwerksbäcker, der hat wohl nie ein ordentliches Brötchen des Handwerkbäckers zum Vergleich probiert und sich auch nie darüber informiert, aus welcher polnischen Provinz der Brötchen-Rohling zum „frisch aufbacken“ eingeführt wurde und wieviel brötchenfremde Stoffe und (oft nicht einmal deklarationspflichtige) Chemielaugen diesem Rohling zu knuspriger Kruste verhelfen.

Beispiele für entartete Nahrungsmittel gibt es so viele und Geschichten zu deren Hintergründen noch viel mehr. In all der Informationsflut, den Skandalen, Abartigkeiten, Seuchen und Unverständlichkeiten verliert man sich gerne in dem Dauerrauschen der Breaking News um am Ende nur ein angstgetriebener, von der Kurzweiligkeit der Medienberichterstattung beeinflusster, keineswegs aber ein aufgeklärter, mündiger Verbraucher zu sein.

Doch genießen kann meiner Ansicht nach nur derjenige, der sich mit seinem Konsum, seiner Nahrung und deren Wert auseinandersetzt. Weil er Zeit, Aufwand und Mühe nicht scheut. Und daher einen Zusatzwert schafft, der sich schlussendlich zusammen mit einem vernünftigen Lebensmittel in einem wunderbaren Genussmoment widerspiegelt. Das achtlose Wegschauen und Ignorieren hingegen bringt am Ende nur wenig Glücksgefühl, weil es sich um bloße Nahrungsaufnahme, um Hungerstilllegung und Existenzgrundlagenschaffung handelt. Wer sich nicht mit dem Essen beschäftigt, hat am Ende etwas Wertloses auf dem Teller liegen.

Beilagen, Saucen, eine zurückgebliebene Ausprägung der Geschmacksnerven, eine unterhaltsame Tischbegleitung oder die Sparfreude mögen über den Mangel an Genusswert hinwegtäuschen, wenn man es nicht anders kennt. Wer aber einmal die Skala erforscht hat, der mag sich nicht mehr einfach im unteren Drittel zufrieden geben. Es muss nicht immer die allerbeste Qualität und schon gar nicht das teuerste Lebensmittel sein. Aber es sollte die beste Qualität sein, die euer Verstand zusammen mit eurem Portemonnaie hergibt. Denn dann, das garantiere ich euch, trägt das Essen nicht nur zum Überleben, sondern maßgeblich auch zu eurem Glück und eurer Lebensfreude bei. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Und wurde bislang bei jedem Versuch an Testpersonen in diesem Glauben bestätigt.

Wenn ihr euch jetzt fragt, woher dieser nachmittägliche Unmut über die Zustände kam, der darf und soll es gerne nachvollziehen. Denn das, was ich so oft schon diskutiert und näherzubringen versucht habe, bestätigt sich immer und immer wieder. Schade nur, dass so Viele immer noch weghören. Dann wäre nämlich von vornherein klar, dass eine solche Packung nichts Gutes enthalten kann – Streckmittel hin oder her:
http://www.abgespeist.de/viva_vital/mitmachen/beschwerde_e_mail_an_netto/index_ger.html

„Sag‘ mir was Du isst, und ich sage dir wer du bist.“
Niemand hat da mehr recht als der begnadete Monsieur Brillat-Savarin.

Und was genießt Du heute?

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1 Comment

  • Reply Verena 9. März 2012 at 05:52

    Oh jaaaa, ich bin sooo Deiner Meinung!…toller Beitrag!

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