ALLTAGSKÜCHE REZEPTE

Für mich soll’s rosa Goldmelisse regnen

14. August 2014
GenussSucht_Goldmelisseregen_Hirschhorn-Salat-Rezept_7059n

Sommer ist die Zeit der Entdeckungen. Und davon habe ich in diesem Jahr eine ganze Menge gemacht. Kulinarische, persönliche, überraschende und eingeplante, deutsche, französische und zuletzt auch noch schweizerische. Als ich vor Kurzem die Schweiz bereiste um Zeit mit einem der tollsten Menschen meines Lebens zu verbringen, da blieb meinem Gastgeber natürlich nichts übrig, als das kulinarisch verwöhnte Ding zuerst auf die Märkte Berns zu schleifen. Schließlich trägt es zu meiner geistigen und emotionalen Ausgeglichenheit bei, über Märkte schlendern zu dürfen, den Duft frischen Gemüses und Obstes zu inhalieren, schnatternden Menschen beim Einkaufen, Handeln und Debattieren zuzusehen. Was ich in Hamburg als wöchentlichen Ritus pflege und in Frankreich stets in höhere Frequenzen schraube trägt zu meinem persönlichen Seelenheil bei.

Vielleicht liegt es in der Erinnerung an meine Kindheit. Mein Opa war mit seinem Obst- und Gemüsestand eine Institution im alteingesessenen Teil Frankfurts. Blind und ignorant, wer ihn nicht kannte. Das aufgeregte Plappern, Gestikulieren und Lachen ist mir bereits seit frühester Erinnerung vertraut, die knackenden Pappgeräusche durch die Gegend geschobener Bananenkartons, das Holzknarzen von Apfelkisten und das schrille Klicken von Geldstücken, die in der Kasse aufeinanderprallen, schaffen für mich eine so friedvolle Wohlfühlatmosphäre, wie sie manch Anderem vielleicht erst nach zwei Wochen budhhistischem Klosteraufenthalt zuteil wird.

Genau so war es dann auch nach unserer Ankunft in Bern. Obwohl sich französische Mitbringsel in der Küche türmten, Wein- und Champagnerflaschen nach dem reichen Überfluss in Gläsern noch unangetastet herumstanden und die sinnesberaubend vor sich hin stinkenden Reste unseres Käsegelagers noch auf einen Terassenabend warteten, sehnte es mich nach einem Markt. Am nächsten Morgen zogen wir los in die Innenstadt Berns, um dort den Appetit zu stillen, den Schaumwein und konservierte französische Delikatessen nicht mehr zu besänftigen imstande waren.

Mancher mag vielleicht denken Markt sei Markt, aber bis auf eine formelle Klammer von aneinander gereihten Ständen und betriebsamer Geräuschkulisse haben Märkte grenzübergreifend nicht viel gemeinsam. Sie haben ein variierende Dynamik, ihre Kunden verhalten sich unterschiedlich und ihr Angebot birgt neben einem zumindest in Europa omnipräsenten Standardsortiment als gemeinsamem Nenner immer ein großes Füllhorn an Überraschungen und Besonderheiten.

Hier in Bern überraschte mich die Breite des Bio-Sortiments. Überall waren bunte Gemüse drapiert, es schien als sei hier schon eine andere Saison angebrochen als es zu diesem Zeitpunkt noch in Frankreich der Fall war. Bunte Beten und bunte Mangoldstiele hatten schon Einzug in das Sommerangebot erhalten, ein riesiges Angebot vielfältigster Salate und Kräuter fand erstaunlich interessierten Absatz. Ich staunte über allerlei Grün und Bunt, dessen Name ich noch nie zuvor gehört hatte, meine Blicke schwelgten im Farbspektrum des hitzigen Sommers. Es brauchte ein paar Marktrundgänge, bis ich mir genug Überblick verschafft hatte um endlich zu entscheiden was im Marktkorb landen sollte. Denn was dort königlich gebettet nach Hause getragen wird will wohl überlegt sein.

GenussSucht_Fuer-mich-solls-rosa-Blueten-regnen_Goldmelisseblueten_6885

Am Ende konnte ich mich der Faszination der pink leuchtenden Goldmelisse-Blüten nicht erwehren und auch die rustikale Struppigkeit des Hirschhornsalats hatte es mir angetan. An Charentais Melonen, die gerade noch in Frankreich Saison haben, komme ich ohnehin nie vorbei, zu sehr lullt mich ihr verführerischer Duft jedes Mal ein, und so landete auch diesmal eine im Korb. Gleich neben diesen entzückenden kleinen Zucchini mit Zucchini-Blüten, welche ich gerade wegen ihrer naiven Jugendlichkeit so sehr liebe. Mit zufriedenem Lächeln und postmarktös tiefenentspannt trugen wir den kulinarischen Triumph durch die strahlende Sommersonne nach Hause.

Nur einen Tag später zeigte der Sommer, dass er nicht mehr beständig und von langer Dauer sein würde. In dicken, trägen Tropfen goss es vom Himmel herunter, als wären wir längst im November angekommen.  Nach vielen provençalischen Sonnenstunden beunruhigte mich die Pause nicht sonderlich, denn es gab viel zu arbeiten, viel zu tun, viel vorzubereiten und nachzubereiten. Ich zog mich gemütlich und in Arbeit zurück, um zumindest in Gedanken bei meinen Sommererlebnissen zu sein und mit heißem Tee einen ersten Vorgeschmack auf den nahenden Herbst zu erhaschen.

Als Stunden später das kleine Hüngerchen aufkam und mich daran erinnerte, dass im Kühlschrank noch bunte Marktfreuden auf mich warteten, gab ich der willkommenen Abwechslung schnell nach. Die Charentais Melone hatte mich schon den ganzen Vormittag gerufen, ihr Duft durchströmte ein riesiges Zimmer mit integrierter Küche und bahnte sich den Weg zu mir um den Hunger in die Küche zu locken. Ich vermählte ihre Süße mit dem grasig-würzigen Hirschhornsalat, stellte den beiden eine angebratene aromatische Zucchini zur Seite, ergänzte alles mit erfrischender Zitrone und besiegelte alles mit einer kräftigen Dosis Fleur de Sel.

Ok, ich gestehe: wer hier von meiner innigen Liebe zu Zucchini-Blüten und dem gespaltenen Verhältnis zu deren Missbrauch durch Frittieren und Braten gelesen hat, mag sich nun vielleicht über die Zubereitung etwas wundern. Zu meiner Verteidigung habe ich aber hervorzubringen, dass es sich hier nicht nur um die Blüten, sondern eben vor allem um die Zucchini handelte, mit einer Blüte dran. Da muss man Prioritäten setzen. Ich entschloss mich Zucchini zuzubereiten und eben keine Zucchini-Blüten. Trotzdem wurde ich ihnen annähernd gerecht, in dem ich sie in die nicht so heißen Stellen der Pfanne rückte und die Garzeit kurz hielt. Das feine Blütenaroma war so zwar nicht mehr wahrnehmbar, aber die großartigen Zucchini machten dafür wett.

Während es gemächlich in unseren Sommertag hinein regnete und ich das schlechte Gewissen gegenüber den Zucchini-Blüten schnell wieder abgelegt hatte, verteilte ich mit hoch ausgestrecktem Arm noch schnell gleichmäßig einen Goldmelisseregen auf unserem Salat und erfreute mich an den federleicht durch die Luft gleitenden Goldmelisse-Blüten, die als letzte Krönung den kleinen Mittagssalat mit ihrer kräuterigen und leicht bitteren Melissigkeit nicht nur zieren, sondern bereichern würden.

Sollte der Sommer sich doch eine Pause gönnen. Wir taten es ihm gleich und gönnten uns einen bunten Teller zur Mittagspause. Voller Marktfreuden, Sommergedanken und mit einem heimlichen Anflug erster Herbstsehnsucht.

GenussSucht_Goldmelisseregen_Hirschhorn-Salat-Rezept_7059

Charentais-Melone mit Hirschhornsalat und Goldmelisse

 

Für 2 Wochenmarktrückkehrer:

1/2 reife Charentais Melone
2 − 3 kleine Zucchini mit  Blütenansatz
1 Zehe Knoblauch
2 Handvoll Hirschhornsalat
etwas Fleur de Sel
1/2 Bio-Zitrone
gutes und aromatisches Olivenöl
ein paar Löffel frische Goldmelisse-Blüten
Salz, Pfeffer

Und so wird’s gemacht:

Melone entkernen, schälen und in dünne Scheiben schneiden. Auf zwei Tellern arrangieren.

Zucchini vorsichtig waschen, trocken tupfen und längs halbieren. Etwas Olivenöl in einer Pfanne erhitzen. Knoblauch mit der Schale andrücken und kurz im Öl anbraten um es zu aromatisieren. Zucchini 2 Minuten bei mittlerer Hitze im Öl anbraten, dabei einmal wenden. Aus der Pfanne nehmen und auf einem Küchentuch abtropfen. Mit einer guten Prise Fleur de Sel bestreuen.

Hirschhornsalat falls nötig etwas säubern, waschen und trocknen. Zitronenschale abreiben und danach pressen. Saft mit abgeriebener Zitronenschale und 3 EL Olivenöl zu einer homogenen Sauce verrühren, mit Salz und Pfeffer würzen. Über den Hirschhornsalat geben und gut vermischen.

Melonenscheiben auf zwei Tellern arrangieren, mit einer Prise Fleur de Sel würzen und jeweils etwas Salat drauf platzieren. Gebratene Zucchini obenauf legen und dann die Goldmelisse-Blüten aus größtmöglicher Höhe darauf regnen lassen und den Anblick der schwebenden rosa Blüten genießen, bevor gespeist wird.

Bon Appétit!

 

GenussSucht_Goldmelisseregen_Hirschhorn-Salat-Rezept_7076

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply GenussSucht | Sommerlicher Brousse au Miel 13. November 2014 at 10:22

    […] ich sie mit grasigem Salat, Zitrone und Goldmelisse vermähle habe ich bereits hier verraten, aber das war noch lange nicht das Ende meiner Experimentierfreude. Denn auch mit Käse […]

  • Leave a Reply

    Ausrechnen, eintippen und dann absenden. * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

    Genuss bringt Menschen zusammen.
    Du willst mehr kulinarische Anekdoten und Rezepte? Dann trage dich für den Newsletter ein. Als Dankeschön erhältst du ein RECETTE DU WEEK-END mit allen Genussextras.