GENUSSKULTUR Institut Paul Bocuse

Faire son marché – Ein französischer Sonntag.

10. Juni 2012
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Es ist Sonntag. Und wie jeden Tag hier in Frankreich irgendwo Marktzeit. Während die meisten Märkte unter der Woche klein sind, nur einige Stunden andauern und dafür aber über die ganze Stadt, alle Wochentage und jedes Viertel verteilt, um alle mit dem Nötigen zu versorgen, warten alle gespannt auf das Wochenende und den Wochenendmarkt. So wie ich.

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, hat sicher zwischen den Zeilen schon erahnen können, wie sehr ich Märkte liebe. Je größer, je bunter, desto besser. Während ich sonst in Hamburg gerne über den Isemarkt schlendere um mich inspirieren und erfreuen zu lassen, muss ich gestehen, dass so ziemlich jeder deutsche Markt nur ein Abklatsch der französischen Marktkultur ist. Vielleicht fühle ich mich gerade deswegen seit jeher so wohl in diesem Land. Denn der Markt hat hier wenig dogmatischen Charakter, sondern ist ein essenzieller Bestandteil des menschlichen Genussbedürfnisses. Er ist nicht die bessere Alternative zum Supermarktgemüse, sondern der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Menschen treffen hier zusammen, um eine Auszeit zu nehmen, miteinander zu reden und sich etwas Gutes zu gönnen. Umso schöner, dass hier gerade am Sonntag der größte Markt stattfindet, am Wasser, mitten in der Altstadt. Der Tag, an dem Deutschland sich gerne eine Auszeit von Allem nimmt, gehört hier ausschließlich dem Genuss und dem Zusammensein.

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Großfamilien quetschen sich genüsslich mit all ihren Kindern durch prall gefüllte Märktgänge, halten im Kreuzundquer des Gewühls ständig Ausschau nacheinander und suchen zeitgleich nach allerlei Leckereien, um für jeden was Passendes zu finden. Kleinfamilienväter tragen ihre Kleinsten auf dem Arm durch die Gegend um ihnen alle Köstlichkeiten der Stände zu zeigen, während die Frauen die leeren Kinderwägen durch das Getümmel zu bugsieren versuchen. Ältere Damen, stark parfümiert und mit dem Gesamtrepertoire ihres Familienschmucks um den Hals, laufen geradlinig von Stand zu Stand um nach der Herkunft von Obst und Gemüse zu fragen und mit sich kräuselnden Oberlippen ablässige Handbewegungen zu demonstrieren, während sie mit ihrer Qualitäts-Kompromisslosigkeit stolz weiterlaufen und den Händler einfach mit seiner Fremdlandware stehen lassen. Touristen, die mit spitzen Fingern auf alles zeigen und nach einigen Frageversuchen in Englisch aufgeben, weil sie immer noch nicht verstanden haben, welches Tier für diese salamiähnliche Wurst verantwortlich ist und deshalb einfach alles kaufen, weil es am Ende lecker aussieht. Dazwischen Händlergebrüll, Angebotswirrwarr, handbeschriftete Tafeln, klapperndes Kistenstapeln, knallende Lieferwagentüren, allerlei Verkaufsgespräche, an Ärmeln zupfende Menschen, wenn sie in einer der Warteschlangen bekannte Gesichter erspäht haben, freudige Rufe, laute Witze, raschelnde Tüten. Alte, zitternde Omas und Opas schleifen an straff gespannten Leinen ihre erschöpften Yorkshire Terrier hinter sich und ihren Gehhilfen her und versenken alle 100m eine handvoll Einkäufe in ihrem Korb, während sie dankbar ihren Stammhändler anlächeln. Junge Erwachsene stehen Schlange an den Imbisswagen mit allerlei fremdländischen Snacks, Paare schweben frisch verliebt auf Wolke Sieben durch die Menge und wollen eigentlich gar nichts außer zusammen sein und genießen die Aufmerksamkeit, die die Händler mit allerlei Verliebten-Angeboten hinter ihnen her schreien. Mitten im Hindernis-Parcours immer wieder Hürden von menschlicher Kommunikation, angeregten Gesprächen und stehengebliebenen, zögerlichen Menschen, die versuchen sich zu erinnern, was noch fehlt um zu entscheiden in welche Richtung sie weitermarschieren sollen.

Es liegt eine besondere Dunstwolke über dem Markt, eine Atmosphäre von Chaos, Umtriebigkeit, Vielfalt und Rastlosigkeit. Die kleinen Momente dazwischen jedoch, während man in den Trubel eintaucht, sich rhythmisch mit der Menge fortbewegt und mit Gelassenheit das Stocken und Verharren hinnimmt, stellt sich ein großer Frieden unter dieser Dunstglocke ein. Einer, wie man ihn sonst vielleicht nur aus dem tosenden Gebrüll eines gut besuchten Schwimmbads im Sommer kennt. Während alles um mich tobt, kann ich wunderbar abschalten und fühle mich wie in einer Raumkapsel, aus der man alles beobachten kann. Als würde ich eine Zeit lang durch die Lücken des Lärms springen. Nicht umsonst heißt einkaufen im Französischen „faire son marché“ – denn hier geht man nicht nur über den Markt und wieder nach Hause, wie in Deutschland, sondern man verweilt und genießt es, im Angebotsreichtum kritisch zu wählen. Der Mensch macht den Markt. Genau deshalb gibt es auch für jeden etwas.

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Auch wenn ich eigentlich nicht mehr viel einkaufen sollte, um in den verbliebenen Tagen in Lyon noch alles aufbrauchen zu können, hat mir der heutige Sonntag Wunderbares beschert. Einen unerwarteten Flohmarkt in der Altstadt, an dem ich eine hübsche alte Le Creuset Pfanne, zwei wunderschöne Teller und einen kleinen Emaille-Topf fand, die ich einer alten Dame mit entzücktem Lächeln und großen Dackelaugen für charmant verhandelte 30 Euro abknöpfen konnte.

Im Anschluss habe ich mich auf dem großen Markt des Saône Ufers von provencalischen Aprikosen, süß duftenden Erdbeeren und den tomatigsten Divas ihresgleichen verführen lassen, die schon nach Spätsommer schmecken, obwohl der richtige Sommer hier in Lyon nicht einmal angekommen ist. Und da ich selbst keinen Ofen oder Schmortopf im Mini-Apartment habe, konnte ich auch einem prallen Label Rouge Bauernhuhn vom Spieß nicht widerstehen, dass man hier mit im heruntertropfenden Hühnefett gegarten Kartoffeln an vielen Ständen bekommt und das gerne von Familien als unkomplizierter und unaufwändiger Sonntagsbraten gekauft wird. Kaum im Apartment angekommen und alle Tüten abgeladen, fing es draußen an zu regnen. Ich habe wohl alles richtig gemacht. Der Sonntag kann zelebriert werden. Mit allem, was der Markt zu bieten hatte.

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