GENUSSKULTUR LEBEN

Frankreich und die Sache mit der Geduld

11. März 2015
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Ich habe es im letzten Post bereits angekündigt: Frankreich lehrt mich gerade große Geduld. Ich gebe es heute offen und ehrlich und ganz unverblümt zu: ich dachte wirklich, ich hätte in den letzten zwei, drei Jahren meine Geduldsfäden schon um einiges in die Länge gezogen und hatte bereits die postpubertäre Phase „Ungeduld“, die meine Leben wohl bis Ende meiner Zwanziger prägte, abgeschrieben.

Leben, Schicksal, Fügungen – wie auch immer man es benennen möge – haben diese Geduld immer wieder aufs Neue getestet, an der Geduld gezerrt, gerissen, manchmal sogar drohend gesägt. Der ein oder andere Geduldsfaden riss auch mal ganz, wurde aber glücklicherweise stets vom stabilen Gerüst meines lebensbejahenden, umtriebigen Naturells aufgefangen. Ich glaubte wirklich ich sei endlich ein vernünftiger, geduldiger, erwachsener Mensch. Dann kam ich nach Frankreich.

Dass hier alles etwas langsamer läuft, etwas gemächlicher, etwas vager und ungeplanter, das hatte ich ja schon in zahlreichen längeren Aufenthalten in Frankreich erlebt. Mit Ausnahme des unfassbar schnelllebigen Paris findet man selten Hektik in Frankreich.

 

„Gar nichts Neues, damit komm ich klar“

 

dachte ich als nun endlich der größere Plan verfolgt wurde und meine Füße abermals französischen Grund betraten – und „packen wir’s an!“. Mit großem Elan und Veränderungswillen startete ich meine ersten Wochen im geliebten Land und stieß dabei nicht nur einmal mit dem Kopf gegen Wände. Es ist das Vorleben als Projektmanagerin, das mir auch heute noch in der Erledigung von Aufgaben noch immer einen kleinen Effizienz-Zwang unterjubelt. Ich erledige große und aufwändige Tätigkeiten gerne Schritt für Schritt, durchdacht und vor allem: schnell und zielorientiert.

Ungünstig, dass all diese Adjektive im Französischen erst gar nicht zum üblichen Sprachgebrauch gehören. „Vite, vite!“ ist allenfalls in den großen Küchen zu hören, wenn die Speisen schnell auf den vorgewärmten Teller finden sollen, aber im restlichen Leben haben diese Worte nichts verloren.

 

Die Kunst der Langsamkeit

 

Kein Geschäftstermin ohne angeschlossene Essenstermine, kein Projekt ohne intensives vorheriges Kennenlernen (beim Essen natürlich!), keine Meetings im begrenzten Zeitrahmen. In Frankreich hat man Zeit. Egal, wie hektisch das Telefon im Hintergrund bimmelt und wie lange die to-do-Liste ist: eine Lunch-Verabredung dauert trotzdem 3 bis 4 Stunden, bevor man sich wehmütig voneinander verabschiedet. Zeit hat man aber nicht nur im geschäftlichen Miteinander, sondern generell. Auch bei der Wohnungssuche.

Klar möchten die Vermieter gerne ihre Wohnung vermieten, die schon leer steht und renoviert ist. Aber es muss ja nicht hektisch werden. Weshalb man sich gerne mit einer Entscheidung noch ein zwei Monate Zeit lässt, obwohl in der Annonce stand „sofort beziehbar“. Man verkündet einen Entscheidungstermin knapp zwei Monate später und stellt mit fröhlichem Lächeln fest: „Sie könnten dann aber gleich einziehen“. Aha! Zwei Monate warten ob man die Auserwählte ist und dann, im obersten Glücksfall, innerhalb von wenigen Tagen einen Umzug organisieren. Irgendeine Lücke schließt sich bei dieser Logik in meinem deutsch denkenden Hirn nicht.

Ich halte mich ja schon für eine recht kühne, mutige Person, die einfach mal neue, kompromisslose Wege beschreitet, ohne sich den angsteinflößenden Wenn-das-was-dann-Fragen zu stellen. Aber bin ich denn hier die Einzige, die nach einem absoluten Minimum an Planungssicherheit Ausschau hält? Die gerne einfach ein paar kleine, aber essenzielle, weil zeitfressende Punkte auf ihrer Veränderungsliste abhaken würde, um sich endlich den großen Inhalten zu widmen?

 

Geduld üben

 

Knapp 3 Stunden verbringe ich täglich mit der Wohnungssuche, weil der schriftliche Austausch und die Telefonate immer ausgesprochen ausdauernd, interessiert, höflich und detailreich sind. Ich habe Traumzuhause gesehen, die zwar von innen passend geschnitten und wunderschön waren, welche ich aber wegen mangelnder Brot- und Milchverfügbarkeit im Umkreis von 20 Kilometern ausschließen musste. Schließlich möchte ich kein einsamer Einsiedler werden. Auch habe ich nach und nach gut zwei Drittel der Fläche der Champagne von der Relevanzliste gestrichen, weil sie zwar landschaftlich wunderschön, aber schlicht und ergreifend zu weit weg vom Leben und von allen Delikatessen der etwas größeren Städte sind. Einige Hunderte Kilometer habe ich für Besichtigungstermine verfahren (alles ziemlich weitläufig hier) und viele Stunden Zeit für diese Ausflugstouren aufgewendet. Und dann sind da noch die Mediationsstunden, mit welchen ich meine deutsch-angehauchte Planungswut immer mal wieder in in die Grünzone der ausdauernden und hoffnungsvollen Geduld einweisen muss, wenn mir mal wieder alles nicht schnell genug geht.

 

Langen Atem beweisen

 

Ich liebe sie wirklich sehr, diese teils engstirnigen, teils weltfremden, aber immer herzlichen, genusssüchtigen und mit unendlicher Geduld und Langatmigkeit ausgestatteten Franzosen. So sehr, dass ich mich mit verwirrtem, aber glücklichem Kopfschütteln all diesem Irrsinn stelle ohne zu verzweifeln oder gar an mir selbst oder meinen Vorhaben zu zweifeln. All diese Verzögerung wird ihren Grund haben. In diesem Glauben bin ich unumstößlich, egal wie lange es dauern wird. Also mache ich, was die Franzosen mir mit Herz, Leib und Seele vorleben, und was ich sowieso am besten kann: ich genieße und warte.

 

Der bittersüße Geschmack des Savoir Vivre

 

Während ich das Warten aufgebe und mit wachsender Geduld ihren Wert zu schätzen lerne, verbringe Zeit mit all diesen Franzosen, die mir so viel von ihrer Zeit zuteil werden lassen und erkenne an, dass sie mir damit das größte Geschenk überhaupt machen. Egal ob es 4-stündige Mittagessen sind, die eigentlich nur eine Stunde dauern sollten, 5-stündige Interviews, die auf 2 Stunden angesetzt waren oder Wohnungsbesichtigungen, aus denen plötzlich 3 Stunden Gespräch werden – sie alle zeigen, dass ich hier richtig bin und angenommen werde. Dass ich kein vorbeiwehender Tourist mehr bin, keine Möchtergernfranzösin und kein Traumtänzer, der mit naiver Einstellung in fremde Länder einfällt und davon ausgeht, dass sofort alles nach Schema F abläuft. Jede Minute, die ich mich in Geduld übe, wird mit immer stärkerer Sicherheit belohnt. Hier bin ich richtig, hier will ich sein.

 

Morgens stehe ich mit offenen Gedanken auf und schaue was der Tag wieder für Überraschungen bereit hält. Ab und an schleicht sich noch ein kleiner Funke Ungeduld, ein kurzer Moment der Nervosität ein. Es wäre zuviel verlangt, wenn das alles in kürzester Zeit ausgelöscht wäre. Doch diese Momente werden kürzer und seltener. Wenn es soweit ist, mache ich das, was Ungeduld und Nervosität sofort im Keim erstickt: ich tische mir kleine Köstlichkeiten auf, schneide ein Stück des herrlichsten Käse ab und schenke mir ein Glas Champagner ein. Es gibt nichts Besseres, um Zeit und Welt hinter sich zu lassen, der Langsamkeit zu frönen und die Fantasie zu beflügeln. Unter diesem Einfluss verwandelt sich jeder noch so bedeutende Anflug von Ungeduld ganz ohne Kraftakt in ein geduldiges Abwarten.

 

Genießen. Wein trinken. Weitermachen.

 

Die Dinge werden gut. Da bin ich mir sicher. Und falls nicht, kann man sie mit einem Glas Champagner und dem nächsten Marktbesuch eben wieder gut machen. Irgendwie ist Geduld an der Quelle der genüsslichen Lebensfreude ein kleines bisschen einfacher.

 

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2 Comments

  • Reply Thomas 12. März 2015 at 22:25

    Ich kann dich nur bestärken! Wenn man die ausgetretenen Pfade verläßt, wird’s vielleicht manchmal etwas steinig, aber man sieht und erlebt Dinge, die kaum ein anderer erleben kann. Alles Gute weiterhin!

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 12. März 2015 at 22:28

      Vielen Dank, Thomas, ein bisschen Rückenstärkung kann ich momentan gut gebrauchen. Aber ich gebe Dir recht, das Verlassen des eingetretenen Weges bringt immer auch neue Aussichten mit sich. Ich bin dankbar für das, was passiert. Auch wenn es nicht immer nach Plan läuft (genau genommen eigentlich nie) 🙂

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