ALLGEMEIN MENÜS

Essensrest und Wochenrest.

19. Februar 2012
Genuss_sucht_Essensrest und Wochenrest
Eine spannende und gleichermaßen geschäftige Woche geht zu Ende und nach einem Tag Erholung von diesem Marathon haben sich endlich wieder genug Lebensgeister in mir gesammelt um einen Blog-Post zu schreiben.

Der Freitag war ein toller Genusssucht Abend. Nachdem ich von 9 Uhr morgens bis zum Eintreffen der Gäste laufend, stehend und vor allem pausenlos den Tag mit Vorbereitungen verbrachte, erlösten mich die ersten Gäste um 19:45 Uhr von allen übrigen „Habe ich schon…? Muss ich noch…?“ Fragen, die mir im Sekundenbruchteiltakt durch den Kopf schwirrten. Ein 4-Gänge-Menü für 10 Leute an einem einzigen Tag zu kochen ist eine äußerst athletisch anmutende Herausforderung, wenn man gleichzeitig noch Fleisch abholen, Tafel eindecken, aufräumen und das Kochchaos wegputzen muss. Die E-Mails, SMS und Whats App Nachrichten der vorfreudigen Gäste musste ich daher tagsüber einfach reaktionslos ignorieren, da nicht einmal Zeit für solch kleine Momente blieb. Krumm genommen hat es mir glücklicherweise niemand.

Der Abend war ein spannender und obwohl ich vorher noch ganz im üblichen Kochtrott war, stellte sich erst nach Servieren des Amuse Gueules das Bewusstsein dafür ein, dass es sich diesmal wirklich um eine Herausforderung handelte. Und während ich rührte, hektisch Tellerstapel manövrierte und mich einige Male schwindelerregend im Kreis um mich selbst drehte, weil ich irgendwas verlegt hatte, wurde mir klar, dass es diesmal anders war. Weil sich nicht nur Freunde am Tisch versammelten, nicht nur eine kleine  bekannte Runde, sondern gleich 3 gänzlich fremde Menschen, eine weitere Person, die ich aus weit entfernter Vergangenheit kenne und sogar Gäste, die einige hundert Kilometer gereist waren für diesen Abend an meinem Tisch. Und auf einmal war alles anders: Ich war tatsächlich ein bisschen nervös. Ein recht unbekannter Gemütszustand für mich, bin ich doch sonst – wenn überhaupt – meist nur freudig aufgeregt oder besorgt unruhig, selten aber wirklich nervös. Diesmal aber hatte sich die Nervosität einfach in den Moment eingeschlichen ohne sich anzukündigen. Auf einmal ging es um was. Auf einmal war ich eben nicht mehr nur Gastgeberin für Freunde, sondern auch verantwortlich für einen ehrenwerten Abend, welcher der Genusssucht keine Schande bringen sollte.

Eingestellt hatten sich die Gäste auf dieses wohlklingende Menü:

– Überraschungs-Aperitif mit Amuse Gueule
– Tomaten-Aprikosen-Suppe mit Croutons
– Parmesan-Flan mit kreolischer Salsa
– Orangengeschmorte Kalbshaxenscheibe mit Paprika-Tomaten-Relish und Safran-Basmati
– Lavendel-Kaki-Crumble mit Kokos-Sauerrahm-Sorbet

Während das Geschmacksbild aller Gänge mir ja schon beim Zusammenstellen der Menüs präsent ist, bringen die Gäste dann ihre Erwartungshaltung zu diesen Worten mit in meine Wohnung, setzen sie mit an meine Tafel. Eine Tomaten-Aprikosen-Suppe kann schließlich flüssig-leicht, sämig-schwer, fruchtig-süß oder obstig-sauer sein. Viel Interpretationsspielraum für jeden Menükarten-Leser.

Die Gäste wurden daher aus meiner leicht nervösen Anspannung heraus ab der Vorspeise sorgfältig beobachtet (solange ich an der Tafel anwesend sein konnte), die Konversationslautstärke und Lachfrequenz aus der Küchenentfernung interessiert verfolgt und die Reaktionen auf die Gänge im Kopf abgespeichert für eine spätere Geistesverarbeitung, während das Hirn noch mit logistischen Meisterleistungen beschäftigt war. Kochen, Anrichten und Servieren für 10 Gäste ist mir an sich nicht neu, in Paarung mit dem Anspruch an Erwartungshaltungserfüllung jedoch schon.

Mein jedoch größter Sorgenpunkt, der zeitliche Abstand zwischen den Gängen, der sich für mich wohl ob der vielen Einzelaufgaben mehrfach wie kleine Ewigkeiten anfühlte, wurde von einigen dazu interviewten Gästen glücklicherweise nicht gleich langgezogen empfunden. Lediglich die Bemessung der Portionsgrößen scheint noch einiger Übung zu bedürfen, denn ich tendiere dazu, die einzelnen Gänge einen Tick zu groß zu machen.

Im Résumée war der Abend war ein sehr schöner und ich hoffe, die Gäste haben sich ebenso wohl gefühlt wie ich mich beim Kochen, Vorbereiten und Bewirten. Die letzte Runde verließ irgendwann nach 3 mein Wohnzimmer und ich blieb mit wahnsinnig vielen Eindrücken zurück, die ich bei einem letzten Glas Wein auf der Couch erst einmal verarbeiten musste. Der letzte Blick des Abends galt nicht dem Chaos in der Küche, sondern dem Gästebuch. Mit Freude im Gesicht klappte ich um 5 Uhr morgens den Abend und überhaupt den ganzen Tag zu.

Der folgende Samstag musste das letzte verbliebende bisschen dieser vielbeschäftigten und schlafarmen Woche erst einmal wieder mit Schlaf und Ruhe füllen. Dankbarerweise gibt es nach so einem Menü immer noch letzte Essenreste, sodass man am nächsten Tag (und oft auch den Tagen danach) keine Sorge um Essensbeschaffung oder Kochen zu haben braucht. Mit ein wenig Fantasie macht die Verwertung auch kleinster Reste riesigen Spaß. Aus der restlichen Zitronenaioli und ein bisschen kreolischer Salsa wurde somit gestern kurzerhand der Dip für ein paar hausgemachte Schellfischstäbchen und Süßkartoffel-Pommes. Köstliche Sache.

Nach Rückerlangung geistiger und körperlicher Kräfte steht der heutige Sonntag schon im Zeichen des nächsten Genusssucht Abends. Kommenden Samstag steht die nächste große Runde an und wieder werden wir eine lange Tafel voll besetzen. Um zeitlich neben der Arbeit wieder alles zu organisieren, steht morgen schon der erste Einkauf an und will sorgfältig geplant sein. Beim Planen und Denken half das tollste Reste-Sandwich, das man sich an einem Sonntagmittag überhaupt vorstellen kann: selbstgebackenes Baguette Rustique mit Frischkäse, halbgeräuchertem Rohschinken, einer halben Röstpaprika, Gurkenscheiben und kreolischer Avocado-Mango-Ananas-Limette-Koriander-Salsa.

Dieser Essensrest zum Wochenrest gibt mir den Rest. Ich lege jetzt wieder die Füße hoch.
Mach’s gut, Woche. Wir sehen uns demnächst wieder.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Ausrechnen, eintippen und dann absenden. * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.

Genuss bringt Menschen zusammen.
Du willst mehr kulinarische Anekdoten und Rezepte? Dann trage dich für den Newsletter ein. Als Dankeschön erhältst du ein RECETTE DU WEEK-END mit allen Genussextras.