ALLGEMEIN

Erinnerungen

13. März 2012
Genuss_sucht_Erinnerungen

Ich hatte es zwar schon im Kopf und im Nebensatz eines vergangenen Posts auch bereits erwähnt, aber wie gut es wirklich werden würde, welche Erinnerungen in mir wach würden und wie außergewöhnlich gut diese Perfidität werden könne, davon hatte ich – aus dem Jetzt über die jüngste Vergangenheit urteilend – nicht einmal den Hauch einer Ahnung.

Es geht um Frikassee. Ein Gericht, das ich in meinem Kopf seit 10 Jahren nur noch mit Kantine assoziiere, mit stark nach Mehl schmeckenden und leicht klumpenden Fertigsaucen, seltsam entarteten Fleischwürfeln und als Beilage zu breiig verkochtem Reismatsch. Deshalb habe ich dieses Gericht wirklich lange – wirklich, wirklich lange um genau zu sein – aus Sicherheitsmaßnahmen einfach gemieden. Diese Schreckensvision eines Gerichts sollte sich keinesfalls wiederholen. Unvermeidbar war der Genussfaktor dieses Gerichts in weite Ferne gerückt. So fernab, dass ich es nicht einmal selbst kochen wollte.

Dabei existiert in meinem Kopf auch eine noch viel ältere Erinnerung an Hühnerfrikassee, eine kindheitlich schöne, warme, bei der ich mit meiner besten Kindergartenfreundin am Esstisch sitze, ihre Mutter füllt Hühnerfrikassee in rustikale, tiefe Landhausstil-Teller und wir schmatzen genüsslich vor uns hin und lieben unsere kleine Welt für einen Moment so sehr, dass wir noch nicht einmal darüber nachdenken, am Tisch Quatsch zu machen und andächtig still sitzen. Wir müssen ungefähr 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein und die Enthaltsamkeit vom Quatschmachen war unser größtes Opfer. Eines das wir selten für andere Dinge als Süßigkeiten erbrachten. Diese Erinnerung birgt soviel soviel Freundschaft, Geborgenheit, Liebe, Zusammengehörigkeit und Pathos, dass ich mich in Bezug auf die Kantinen-Assoziation immer fragte, wieviel Wahres an dieser kindheitlichen Erinnerung stecken kann, wenn mich ein Kantinenfrikassee irgendwann so sehr verschreckt hatte.

Seit einigen Monaten habe ich von Zeit zu Zeit immer mal wieder an das Frikassee aus meiner Kindheit denken müssen, hatte plötzlich aus unauffindbarem Grund wieder Lust darauf. Und mit den ganzen Hühnerresten vom Schwarzfederliebling war auf einmal das feste Vorhaben da, alle Kantinen-Hühnerfrikassee-Horrorvorstellungen aus dem Kopf zu verbannen. Schließlich kann ich das besser und muss vor so einem einfach Gericht nun wirklich nicht kapitulieren.

Mit einer Mehlschwitze aufgesetzt, mit Wein und Sherry abgelöscht, der über Nacht gelierte und entfettete Hühnersaftrest untergerührt, ein paar in Windeseile geschnittene Möhren und Champignons sowie eine handvoll Tiefkühl-Erbsen und die kleingeschnittenen Fleischreste untergemischt und alles einmal kräftig aufgekocht. Nicht unbedingt die konventionellste Art des Frikassees, aber eine unkomplizierte. Schnell noch einen Topf Reis dazu gekocht, angerichtet. Löffel in den Mund, Augen schließen – wunderbar!

Freundschaft, Liebe, Geborgenheit, Faszination, Pathos und Seelenruhe – alles mit zwei Löffeln wieder da. So sehr, dass ich mich plötzlich sogar an den Geruch der Wohnung meiner Freundin erinnere, die Schriftzüge auf den Landhausstil-Kaffeebechern wieder vor mir sehe, die Wohnung im Geist durchspazieren kann, weiß wo alles stand, alles gekocht wurde, wo wir Quatsch machten, die Zahnbürsten standen, die Couchkissen durch die Gegend flogen, die Balkontür knarrte, wie wir Kindergeburtstage an dem Esstisch verbrachten und mit dicken Ofenhandschuhen und in unendlich viele Zeitungspapierlagen eingepackten Schokoladetafeln „Schokolade-Auspacken“ spielten und jedes Mal sauer wurden, wenn wir Handschuhe und Besteck an einen Gegner abgeben mussten.

Gutes Essen ist eine wunderbare Erinnerung. Weil sie immer mit Familie oder Freundschaft zu tun hat, mit menschlichen Begegnungen und einzigartigen Momenten. Mit Erinnerungen an Zeiten lange bevor wir selbst kochen konnten, an Menschen und Emotionen, die wir seither durchs Leben tragen und die noch nicht einmal von der miesesten Gegenerfahrung (wie der elenden Kantine) auf Dauer ausgelöscht werden können.

Lasst uns neue Erinnerungen schaffen.
Lasst uns genießen.

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