GENUSSKULTUR LEBEN

En Champagne, à la campagne

1. Februar 2015

Sonntagmorgen ist ein prädestinierter Zeitpunkt für ein erstes kleines Resumée. Ich bin mittlerweile in Frankreich angekommen, in der großen Weite der Champagne. Ich wohne in einem kleinen Dorf, mit gerade einmal 230 Einwohnern. Keine Tankstelle, nichts zu kaufen. Nicht einmal ein Tante-Emma-Laden oder ein Kiosk. Hier wohnt man.

Wenn man Hunger hat und nicht ausreichend bevorratet ist, dann kauft man dem täglich vorbeidüsenden Bäcker, der direkt vom Fahrersitz aus seine Backware verkauft und danach weiter durch Feld und kleine Ortschaften düst, ein Baguette ab. Den Rest erledigt man an anderen Orten.

Im Vergleich zu Hamburg Eimsbüttel ist das ein bedeutender Wandel meiner Tagesroutine. Trotzdem kommt mir hier nichts zu klein oder befremdlich ländlich vor. Die Provence hat mich im letzten Jahr wohl ausreichend vorbereitet auf das ländliche Leben. Der Blick aus dem Fenster trifft an 3 oder von 4 Himmelsrichtungen auf keine Hindernisse, sondern kann bis zum Horizont blicken. Bis zu riesigen Windmühlen, einem kleinen Waldstrich, über die mit Bäumen gesäumte Landstraße hinaus, mitten auf den Anfang der Côte des Blancs.

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Ich merke wie diese äußere Weite mir wieder innere Weite gibt und ertappe mich stets dabei, in Tipp- und Denkpausen hinaus zu starren. Eine Eigenschaft, die meine Grundschullehrerin schon im Zeugnis der ersten Klasse als Tagträumerei interpretierte. Jedes Mal wenn sich Blick und Gedanken in der Weite verlieren, merke ich, wie sehr das vorher gefehlt hat im Großstadtleben.

Die innere Zerrissenheit zwischen Land- und Großstadtleben ist eine, die ich sicher nicht allein ausfechte. Verkaufszahlen von allen ländlich anmutenden Zeitschriften, Büchern, DIY-Sets bestätigen das schon länger: der Mensch sehnt sich nach Land, aber auch nach der Bequemlichkeit der Stadt. Der Kontrast könnte kaum größer sein.

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Da waren – und sind in kleiner werdender Stückzahl – noch immer Gedanken über Verfügbarkeiten von Lieblingsdingen. Der gut sortierte Biomarkt in nur einer Gehminute Entfernung, die Feinkost-Läden in der unmittelbaren Umgebung, der gute Fischhändler, Wildhändler, die tollen Cafés und Restaurants, Drogerien in Hülle und Fülle, jegliche Banken und Postfilialen in der Nähe, die tollsten Märkte nur einen Sprung entfernt, überall neue Inspiration, neue Trends, Szene-Läden: alles davon in nur 10 Gehminuten erreichbar.

Andererseits auch die Unannehmlichkeiten der Stadt: der nächste Park zwar auch fußläufig, aber nur mit 650 Meter Rundlaufzone – die Demotivationshölle, wenn man einige Kilometer joggend darum kreist und sich am Ende fühlt wie ein Zirkuspferd. Morgens um 5 schon der Lärm der Stadtreinigungsfahrzeuge, der Müllabfuhr, der piependen Bäckerei-LKWs vor der Tür, die gerade polnische Teigrohlinge anliefern. Gerade dann, wenn man nach den nächtlich vom Kiez heimkehrenden, herumgröhlenden Halbstarken wieder in den Schlaf gefunden hat. Tagsüber keine Parkplätze, die erste Schramme schon am zweiten Tag nach Autokauf im Lack, weil sich alle durch die eng parkenden Autos schlängeln.

Dafür eine U-Bahn-Station in nur einer Gehminute erreichbar, in 10 Minuten an der Binnenalster und in maximal 30 Minuten an jedem denkbaren Ort in Hamburg. Oder sofort beim nächsten Car2Go, das einen zum nächsten Spezialitätenladen fährt, wenn man mal wieder die allerbesten Zutaten für das nächste Gericht sucht. Niemals etwas nicht finden. Dafür aber auch immer das Gefühl haben, es gäbe noch mehr, weil eben alles immerwährende Verfügbarkeit und Fülle vortäuscht.

Es ist ein Für und Wider, ein Hin und Her, nicht zwischen Deutschland und Frankreich, sondern zwischen Stadt und Land. So geht es mir auch hier noch. Warum versucht der Mensch eigentlich immer der bestmöglichen Option hinterher zu jagen? Reicht es nicht, sich ab und zu über alle vermeintlichen Wünsche und Bequemlichkeiten hinwegzusetzen und in Ruhe danach Ausschau zu halten, was uns wirklich fehlt und wo unsere wirklichen Bedürfnisse liegen?

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Soll ich doch nach Reims oder lieber zu den Winzern? Wie weit ist weit entfernt? Welche Strecke nehme ich noch in Kauf, um eine der besten Paris-Brest in Reims zu kaufen? Oder ist es sowieso besser für das Hüftgold, möglichst weit davon entfernt zu wohnen? Werde ich ab sofort ein viertel meiner Freizeit für weit entfernt liegende Einkäufe opfern müssen?  Darf ich niemals wieder trinken, wenn ich ausgehe, weil ich immer zurückfahren muss? Oder bin ich am besten einfach ganz in Winzernähe und suche mir dort schnell Freunde, damit ich direkt an der Quelle genießen kann und erst gar nicht in Großstadt-Etablissements verkehren zu müssen?

Es wäre falsch vorzutäuschen hier sei alles rosig und bereits abschließend und für immer in Gold gegossen. Die Dinge beginnen hier gerade, sie nehmen Form und Gestalt an, lassen aber noch nicht erkennen, was uns wie sie mal werden. Ganz langsam löschen sich die Fragen selbst aus dem Kopf und weichen einer Normalität. Die sich alleinig von der Furcht vor dem Unbekannten nährenden Fragen verhungern kläglich in der Neugier auf das Neue, verlieren ihre Kurven. An manchem Ende steht nun nur noch ein Punkt. Weil die Dinge so sind wie sie sind und sie ihre respekteinflößende Größe verlieren, wenn man direkt vor ihnen steht und sie von innen betrachtet.

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Ein paar Tage habe ich mich in der Weite der Champagne verloren. Doch dann schlüpfte ich in meine Gummistiefel und stapfte knapp drei Stunden durch das Weiß, das über Nacht herabgefallen war.  Ich sah ihm beim gemächlichen Schmelzen in der ab und zu durch die Wolken schauenden Sonne zu. Dabei wurde mir wieder die große Magie und Anziehungskraft des ländlichen Lebens bewusst: Hier gibt es nichts, das immerzu blinkt, Geräusche macht, automatisch bespaßt oder ablenkt.

Gedanken und Gefühle gewinnen hier wieder an Kraft, weil man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Nichts verliert sich im Wirrwarr der Ereignisse, über Allem ruht eine Glocke der Ruhe und Entspannung, selbst – oder vielleicht auch insbesondere – nach langen, hochkonzentrierten Arbeitstagen. Man hört den eigenen Herzschlag laut und deutlich, spürt wer man ist.

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Im wandernden Wechsel zwischen Fuchshöhlengeruch, Wildschweinduft und geschlagenem Holz, mit den Gummistiefeln tief im lehmigen Boden einsinkend, lief ich durchs große, weite Nichts, immer mit dem Blick auf den weiten Horizont und die nahen Weinanbaugebiete. Einen symbolischeres Ausblick könnte es kaum geben. Ich stehe auf einem nahezu weißen Blatt und darf es bemalen, wie ich möchte. Ich bin allein aber keinesfalls einsam.

Als ich die letzten halbe Stunde an der wenig befahrenen Landstraße entlang zurück ins Dorf laufe, überholt mich unter Anderem ein alter französischer Lieferwagen. In meine Straße einbiegend, wartet er vor meinem Haus und spricht mit meinem Vermieter. Die Frau mit dem Fotoapparat, die in Gummistiefeln an der Landstraße lang lief erkennt er sofort wieder, von ihr hat er bereits amüsiert meinem Vermieter berichtet. So schnell wird man hier eine Lokalgröße. Willkommen auf dem Land.

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