ALLGEMEIN

Einmal alles, bitte.

4. Februar 2012
Genuss_sucht_Einmal alles, bitte

Die Woche war eine träge und dennoch wunderbar. Nicht nur, weil sie genau so träge war, sondern weil sie viel Ansicht, Einsicht und Umsicht mit sich brachte. Zwischen der blinden Genusssucht-Planungswut, einigen Tagen Familienbesuch, großem Aufruhr über kleine Verpflichtungen und dem großen Nichts habe ich mich so schnell um mich selbst gedreht, dass ich mir kurzfristig selbst im Weg stand. Einige Gedanken sind gereift, einige neue Vorhaben entstanden, andere habe ich wieder aus Unwichtigkeit in die hinteren Schubladenecken schieben können.

Ein bisschen hat es mich gegrämt, das Genusssucht Menü am gestrigen Freitag absagen zu müssen mangels ausreichender Anmeldungen. Die Spontanität meiner Genusssucht ist offenbar spontaner als die Kalender mines Genusssüchtigen-Verteilers. Dafür aber habe ich wieder tolles Feedback auf die Termine am 17. und 25. Februar bekommen. Beide sind gut gebucht, der 25. Februar sogar überbucht. Die Freude hat also den kläglichen 3. Februar einfach wieder ausgemerzt. Hurra!

Am Ende gibt es bei mir sowieso nichts, dass sich nicht mit einem ausgiebigen Marktbesuch wieder in Ordnung bringen ließe. Andere Menschen brauchen Yogastunden, Therapiestunden oder Marathons um sich abzuregen. Mir reichen 2 Stunden Isemarkt, um mich wieder zu erden. Und weil ich das weiß, stand ich Freitag mit zwei großen Taschen bei -14 Grad auf dem Isemarkt, warm eingepackt in die Stockholm Jacke, die sich nur bei Temperaturen unter -5 Grad ertragen lässt, garniert mit Wollmütze und -schal sowie dicken Handschuhen. Aus dem Plan, so langsam über den Markt zu laufen, dass ich die rechte und linke Seite wahrnehmen kann und nur einmal die Marktstrecke entlang flanieren muss, bevor ich am anderen Ende in die U-Bahn steige, ist abermals nichts geworden und letztendlich lief ich doch die 4-fache Strecke wie immer. Dieser Markt ist wie ein Spielzeugladen für mich.

Manche Stände und ihr Angebot faszinieren mich so sehr, dass ich danach in die falsche Richtung weiterlaufe, ohne es zu bemerken. Ich kann minutenlang in die Forellentheke starren und dann, gerade wenn ich an der Reihe bin, doch noch mit einem spontanen neuen Plan davonlaufen zum nächsten Stand, mir 15 Minuten den Monolog des Pilzhändlers zur existenziellen Notwendigkeits des Umtopfens meines Zitronenthymian-Topfes anhören oder minutenlang das Klagelied des Gemüsehändlers, der zwar Rosenkohl dabei hat, mir diesen aber nicht verkaufen möchte, weil – wie er unter mitleiderregender Demonstration des verhärmten, blass-grauen und verrunzelten Gemüses erklärt – das kalte Wetter letztlich einfach einen Strich durch seine jüngste Bio-Rosenkohl-Ernte machte. Am Gewürzstand kann ich jedes Mal mir noch unbekannte Dinge finden und mich wie ein Kind über Himbeerpulver freuen und am Käsestand über die vielen kleinen Käseproben, die mir der alte Mann vom Käsestand im Minutentakt über die Theke hält, auf dass ich die hauchdünnen Streifen vom Käsemesser abnehme und sie auf meine Zunge lege, wo sie selbst bei -14 Grad sofort ihr ganzes Aroma entfalten und schmelzen, als handele es sich um reine Butter. Jedes Mal bewundere ich all die Blumen und nehme mir fest vor, am Ende noch einen Bund mit einzupacken, wozu es bislang jedoch nie kam, weil die Taschen und Hände am Ende der Marktzeit so randvoll gefüllt sind, dass Blumen nur noch auf dem Scheitel transportiert werden könnten (worin ich leider nicht geübt bin).

Die Stammkäufer an den unterschiedlichen Ständen, die schon gar nicht mehr in die Theke schauen, sondern abermals bestellen, was sie jede Woche an diesem Stand mitnehmen, dafür aber lieber den Verkäufern wider dessen Willen von ihrem Privatleben der vergangenen Woche erzählen als hätten sie keinen Friseur, ebenso wie die Schickeria Hamburgs, die gerne nach Preis und Ansehen einkauft und selbst die schrumpeligste Artischocke noch für 4,95 Euro einpackt und gerne schon den Namen des Feinkost-Händlers 4 Meter vor dem Stand brüllt, weil es ihnen privilegiert vorkommt, dort Stammkunde und sogar auf Du und Du zu sein – sie alle machen den Markt spannend. Zwischen Warenvielfalt, Lebensmitteln und verrückten Menschen fühle ich mich wohl. So wohl, dass sich mein Portemonnaie immer weiter leert bis alle meine Einkaufstaschen an ihre Belastungsgrenze gebracht sind und ich kaum noch alles tragen kann. Der Heimweg ähnelt bei jedem Besuch einer Sportstunde und ich grübele schon lange ernsthaft über den Einsatz eines hilfreichen Hackenporsche. Dessen Anschaffung ist seit gestern wieder weit oben auf die Prioritätenliste gerückt.

Genauso spannend wie der Marktbesuch selbst ist indes aber die Verwertung der heimgebrachten Kostbarkeiten. Am liebsten würde ich immer sofort alles aufreißen, zubereiten, verkochen, probieren. Dass das nicht immer das Smarteste ist, weil man gar nicht alles auf einmal essen kann, habe ich in Vergangenheit auch schon schmerzhaft erfahren müssen. Daher waltet mittlerweile ein bisschen mehr Disziplin nach dem Marktbesuch und die Vorfreude kann sich ein bisschen mehr entfalten.

In Vorfreude auf das nächste Genusssucht Menü am 17. Februar habe ich gestern Abend mit den fantastischen getrockneten Aprikosen des Gewürzhändlers schon einmal die Tomaten-Aprikosen-Suppe gekocht, um einen Grund zu haben, noch ein Stück von dem knusprigen Holzofenbrot zu verspeisen. Und danach gab es einen Teller seelenwärmender Hausmannskost. Kartoffelbrei mit karamellisiertem Calvados-Kohl und grober Bratwurst. Ein Essen, das bei -14 Grad wirklich sein Bestes tut, um von innen aufzuwärmen. Ein großes Fest war das. So groß, dass die Hälfte der tollen Bratwurst für heute übrig blieb und noch einmal für unbändige Freude am Samstagmittag sorgen konnte. Denn da gab es die gerösteten spärlichen Reste vom Holzofenbrot mit Oliven-Tapenade bestrichen, dazu im ofen gebackene Paprika mit altem Balsamico und Wurst on top. Das war so ein famoser kleiner Snack, dass er der Kamera nicht entfliehen durfte.

Und während ich mich nun in die Küche begebe, um die zwei frischen Jakobsmuscheln aus ihrer Hülle zu befreien und das erste Mal Jakosmuschel-Corail zu essen (Ja, glaubt man’s denn? Ich habe bislang tatsächlich im Wohlwollen aller deutschen Restaurants und Fischläden immer nur das reine Muschelfleisch gegessen und nicht den Corail dazu, wie es im Frankreich üblich ist. Diese Bildungslücke muss noch heute geschlossen werden!) dürft ihr euch am Bild meines kleinen Lieblingssnacks der Woche erfreuen. Die Hauptgerichte mussten alle schnell und warm gegessen wurden, da blieb keine Zeit fürs Fotografieren. Vielleicht beim nächsten Mal.

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