ALLGEMEIN GENIESSEN GENUSSKULTUR

Ein Herbstspaziergang

23. September 2014

Freizonen

Irgendwie sind es die Zwischenräume, die mir an dieser Welt so gut gefallen. Die Lücken, in denen die Dinge nicht immer ganz definiert sind. Grauzonen werden sie manches Mal böse beschimpft. Freizonen nenne ich sie. Der Herbst gehört zu diesen Freizonen. Denn er zeigt sich mal spätsommerlich, mal frühwinterlich, mal herbstlich-regnerisch.

Er wechselt von Tag zu Tag, schreit seine Meinung in die Welt und ist nicht verschämt sie am nächsten Tag wieder zu revidieren.

Launisch, trotzdem immer mit sanftem Gemüt, führt der Herbst uns gemächlich hinüber in den kalten Winter. Dafür liebe ich ihn sehr.

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Nach vielen Sonnentagen, der großen Hitze der Provence und ausgelassenem Schwelgen im sommerlichen Marktangebot bin ich der strahlenden Jahreszeit überdrüssig.

Mich sehnt es nach Einkehr, Zusammenhalt, Naturverbundenheit und Rückzug in ein gemütliches, teebedampftes Heim – meine Freizone. Für mich ist das nahende Fallen der Blätter und die Veränderung der Natur so entspannend wie das tiefe Ausatmen nach großer Aufregung.

Der Herbst erdet und beruhigt, was der Sommer aufgewühlt und rastlos hinterlassen hat.

Die Tage duften nach Moos, Erde, dampfend aufgebrühtem Tee und Trester von frisch gepresstem Most.

Er klingt wie das Geraschel der Bäume, die nach und nach ihr Sommerkleid abstreifen, nach den umtriebigen Rufen fleißiger Tiere in den Bäumen und dem Knistern von Feuer sowie in fortgeschrittenem Stadium nach dem Knistern von Laub unter den Schuhsohlen.

Sein Geschmack wechselt zwischen frisch gepflückten, süß-sauren Äpfeln, ihrem Most, nach Trauben, Hagebutte, Maronen, nach Quitten, Wildschweinbraten, Rehrücken und Pilzen.

Mir läuft das Wasser im Mund zusammen beim bloßen schriftlichen Auflisten dieser Köstlichkeiten.

Es blieb schlicht und ergreifend nichts anderes übrig, als mich auf die Jagd zu begeben.

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Auf in den Wald

Einen schöneren Tag dafür kann es eigentlich nicht geben.

In dieser Herbstlaune schnappte ich einen Teil meiner Familie, samt Nichte und Neffe, und schwärmte mit ihnen in den Wald aus um Pilze zu sammeln und die Launen des Herbstes in ihren ersten Anzeichen fotografisch festzuhalten.

Während die Sonne einen feinen Goldschimmer über die Spätnachmittagsszenerie legte, spazierten wir mit großem Korb, noch größerem Pilzappetit und kleinen Messern bewaffnet durch das wundersame Schauspiel der Natur.

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Wildschweine hatten den Waldrand ungestüm umgegraben, jegliche Vegetation zertrampelt und unter der aufgeschürften Erde begraben. Pilze inklusive.

Wir mussten also weiter in den Wald hineinlaufen und suchten feuchteren Plätzchen, moosüberzogen oder unter morschem Holz, an welchen sich essbare Pilze wohlfühlen.

Doch dann:
Keine Pilze weit und breit.

Professionelle Pilzsammler schwärmen jeden Morgen in den Wäldern aus und hatten uns wohl die offensichtlichsten und besten Stücke schon weggeschnappt.

Aufgrund der vor Aufregung weit aufgerissenen Äuglein von Nichte und Neffe ließen wir uns jedoch nicht von unseren Plänen abbringen. Mindestens einen einzigen Pilz, nahmen wir uns fest vor, würden wir finden, feierlich schneiden, in den Korb legen und mit stolz geschwollener Pilzsammlerbrust nach Hause tragen. Gefühlte Ewigkeiten später war es dann soweit:

Opa zog endlich den ersten Parasol Pilz aus der Böschung.

Unter freudigem Geschnatter und Gestreite zwischen Nichte und Neffe, wer den Pilz nun wohl zuerst entdeckt hatte und abschneiden dürfe, wanderte endlich die erste Grundlage in den Sammelkorb. Unsere Motivation loderte auf.

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Im Gehölz

Plötzlich schwärmten alle eifrig durchs Gehölz und verteilten sich.

Den konzentrierten Blick auf das hypnotisierende Braun und Grün des Waldbodens gerichtet, gingen wir nun nicht mehr spazieren, sondern suchten eifrig Pilze. Mit der vernünftigen und lebensbejahenden Grundhaltung, nur jene wenige Pilzarten mitzunehmen, die man hundertprozentig kannte. Also beschränkten wir uns auf Parasol, Steinpilz und Maronen. Hauptsache, wir würden sie auch finden.

Während alle anderen nach Essbarem umher streiften, das Holz unter der Last ihrer Schritte knackte und aufgeregte Vögel von den Bäumen zwitscherten, begeisterten mich ganz andere Schönheiten.

Insbesondere die recht offensichtlich giftigen Sorten hatten es mir angetan.

Von bemoosten Baumstumpfen über Steine bis hin zu angelegten Begrenzungen hatten sie sich kleine Bühnen für entzückende Auftritte geschaffen. Und entgegen ihrer essbaren Geschwister waren sie in großer Zahl vertreten und warteten nur darauf bewundert zu werden.

Ein bisschen erinnerten mich die Kulissen an fantasievolle Kinderbuchillustrationen aus meinen Lieblingsbüchern von Ida Bohatta und oder den Märchen der Gebrüder Grimm.

Rotkäppchen muss trotz des irren Fuchses ein glückliches Mädchen gewesen sein, dachte ich kurz bevor ich wieder auf den Auslöser drückte.

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Von Stock zu Stein

Ich stolperte von Stock zu Stein, von Ast zu Stamm, knabberte Bucheckern, sammelte Eicheln, bestaunte allerlei Käfer und inhalierte tief den Duft des frühherbstlichen Waldes und seiner feucht-warmen Behaglichkeit.

Der Tag meinte es gut mit uns und belohnte mit reichlich Sonnenschein.

Ein Esskastanienbaum kreuzte noch unseren Weg und füllte unseren Pilzkorb mit weiteren Leckereien. Groß und mächtig stand er vor uns, kaum ein Anzeichen des Herbsts in seinem Laub ersichtlich, aber prall behangen mit reifen Esskastanien, die zwischen seinen feinen Stachelhülsen hervorlugten.

Am Ende unserer Nachmittagsparade war der Sammelkorb doch reichhaltiger gefüllt als wir es nach dem etwas schleppenden Auftakt zu hoffen gewagt hatten.

Sammlerstolz zeichnete sich in den Gesichtern ab.

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Auf dem Weg zurück

Die größten Überraschungen geschehen immer dann, wenn man nicht mehr damit rechnet.

Mit Maronen, Steinpilzen und Parasolen – ganz so, wie wir es uns gewünscht hatten – konnten wir nun endlich wieder den Weg nach Hause ansteuern. Meine Augen und Gedanken waren bereits weit entrückt und in Zubereitungsgedanken verloren.

Als wir unseren Sammelkorb ins Auto geladen hatten und gerade den Rückweg antreten wollten, mussten wir dennoch ein weiteres Mal kurz stoppen. Auf einen Handwink folgten wir alle dem schnellen Blick des aufgeregten und erstaunten „Oh, anhalten! Schaut mal dort!“ und steigen wieder aus dem Auto aus.

Neidvoll schielten wir allesamt in einen an den Wald angrenzenden Privatgarten, in welchem Großes entdeckt worden war.

Mit mannshohen Zaunlatten vor neugierigen Beobachten geschützt standen dort viel größere und eindrucksvollere Parasol Pilze mit ihren seltsamen Hütchen, als wir sie zuvor im Wald erspäht hatten.

Wir waren fassungslos. Staunen und ehrgeiziger Unmut vermischten sich für einen Augenblick. Einzig und allein das „Warnung vor dem Hunde“ Schild hielt uns von Unfug ab. In diesem Moment wünschten wir uns nichts mehr als über den Zaun zu klettern, die prachtvollen Pilze klammheimlich mit unseren Messern abzuschneiden, den Korb damitzu füllen und zu verschwinden.

Sprachlos staunend standen wir eine Weile an den Zaunpfählen bevor wir uns wehmütig von den Riesen verabschiedeten und in den frühen herbstlichen Abend verschwanden.

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Macht es euch gemütlich, lasst die Sommerhektik entweichen, riecht und schmeckt in die faszinierende Fülle des Herbstes hinein. Schneidet Hagebuttenzweige für das Zuhause, sammelt Eicheln, Kastanien zu Dekozwecken und pult beim Spazierengehen geduldig Bucheckern aus ihren kleinen Hüllen um nussig-mürbe Kindheitserinnerungen zwischen den Zähnen zu zermalmen.

Egal, was und wie ihr es anstellt:
Genießt den Herbst in all seinen Launen und gönnt euch eure ganz persönliche Freizone.

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