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Ein Glas Rillettes als Notfallplan

9. Oktober 2014
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Es ist immer gut einen Notfallplan zu haben. Einen Plan B im Hinterkopf. Falls Plan A eben nicht funktioniert. Schlaue Menschen, von welchen es einige wirklich wissen müssen, raten zu einem solchen Plan B. Damit der Mensch im Falle einer Enttäuschung über einen misslungenen Plan A etwas hat, an dem er sich festhalten kann. Eine Stütze in Notzeiten, ein Rettungsanker, wenn man vor Ärger, Wut oder Unmut einfach versinken und über rein gar nichts mehr nachdenken will.

Nun bin ich aber leider nicht einer dieser Notfallplanmenschen. Oft habe ich nicht einmal einen Plan A. Auch auf die Gefahr hin, dass einige Menschen, die mich in meiner detailverliebten, abhakorientierten Arbeitsstruktur kennen, mich nun auslachen werden: ich mag Pläne nicht.

Trotz aller Listen, to do Zettel und viele Seiten umfassender Timings, die ich gerne für große Teamstrukturen aufsetze, gebe ich nun genüsslich und nicht ohne ein leicht süffisantes Grinsen zu: ich verabscheue festgezurrte Pläne. Solange ich nicht die Verantwortung für ein ganzes Team trage, sondern nur für mich selbst, halte ich mich gerne an meine Intuition. Das musste ich zwar auch erst wieder lernen nach einigen Jahren der Vernachlässigung dieses siebten Sinns (er war irgendwo unter all diesen Plänen versteckt), aber ich habe ihn glücklicherweise seit ein paar Jahren wieder.

Wenn ich zu meinem Plan B befragt werde oder – wie es noch öfter geschieht – andere Menschen glauben meinen Plan B benennen zu können, dann falle ich oft aus allen Wolken. Ich bin eine Träumerin, ein Feingeist, eine Intuitive. Ich lasse mich treiben, pulsiere mit den Ereignissen und hetze nichts und niemandem hinterher. Ich lasse leben und will, dass man mich auch leben lässt. Es ist nett, dass andere für mich mitdenken und mir Lösungen für aus meiner Sicht nichtvorhandene Probleme anbieten, weil ihnen manchmal schwindelig wird, wenn sie an mein Leben voller Unsicherheit denken. Sie meinen das nie böse oder belehrend, können einfach nur nicht aus ihrem Sicherheitsdenken ausbrechen. Ich kann das in Theorie nachvollziehen.

An all jene möchte ich einmal loswerden: ein aufrichtiges Danke für eure Anteilnahme. Ich weiß ihr könnt nicht anders und wollt es doch nur gemütlich, bequem, behaglich im Leben – auch für mich. Ich schätze das an euch, weil ihr damit den lebensnotwendigen Teil an Sicherheit und Behaglichkeit in meinem Leben abdeckt, den ich in raren Momenten auch mal brauche. Dennoch bin ich in unserem sozialen Geflecht für das Abenteuer, das Unbeständige und die ungeahnten Alternativentwicklungen zuständig. Das ist meine Rolle, meine Berufung, mein Schicksal, vor allem aber mein Wesen und mein innigster Wunsch. Ich müsst und sollt gar nicht genauso sein.

Mein Weg, so wie er sich nun seit Langem abzeichnet, entwickelt sich von Schritt zu Schritt, Gedanke zu Gedanke, Idee zu Idee und von Tag zu Tag. Wenn an einem Tag etwas nicht geschieht, das ich mir in kühnsten Träumen ausgemalt habe, dann passiert es eben nicht. Nie aber sitze ich da und habe das Gefühl ich bräuchte einen Notfallplan. Wenn es nicht heute geschah, geschieht es ein anderes Mal. Vielleicht morgen, übermorgen oder in ein paar Jahren. Dann ist es wohl einfach heute noch nicht an der Zeit dafür.

Dem Ein oder Anderen mag das nun etwas unmotiviert klingen, schicksalsergeben oder gar passiv. Dabei bin ich alles andere als passiv oder unmotiviert. Ich gehe die Dinge an, oft viel zu viele gleichzeitig, weil ich so sehr brenne für meine Ideen. Manchmal schaffe ich es den Berg zu bewältigen, manchmal auch nicht. Geht dann etwas schief auf der Großbaustelle, muss ich eben für einige Zeit bestimmte Bereiche absperren bevor ich sie irgendwann wieder freigebe und weiter angehe. Nie aber käme ich auf die Idee, einfach meine Sachen zu packen, die gesamte Baustelle einfach zu verlassen und eine neue zu suchen. Wenn ich feststelle, dass die Villa, die ich zu planen gedenke, eben doch erst einmal eine Hundehütte werden muss bevor ich irgendwann in großem Stil an sie anbaue – nun gut, dann ist das eben so.

Bitte wärmt mir deshalb schlicht und ergreifend keine Notfall-Fertiggerichte mehr auf. Das Gute daran keinen Plan zu haben ist, dass auch kein Notfall eintreten kann, man flexibel und anpassungsfähig bleibt. Gerade weil ich den Weg von A nach B nicht geplant habe, ist es auch nicht schlimm bei C zu landen. Wenn es mir dort nicht gefällt suche ich D auf, oder von mir aus auch X. Mir fällt immer was ein, es gibt immer Optionen. Sie sind stets ein Fortschritt, kein Rückschritt. Mein Fokus liegt nicht auf dem Optimalfall und seinem zwangsläufigen Partner Notfall, sondern dem liebenswerten Duo Zufall und Einfall. Die beiden sind durchaus Chaoten in ihrer Natur, aber sie bringen mich immer dorthin, wo ich sein will.

Macht mir statt aufgewärmter Worst-Case-Konserven also lieber etwas richtiges zu essen, wenn ihr etwas beitragen möchtet. Etwas, das mich nährt und bestärkt, gewürzt mit Substanz, Liebe und Mut. Es muss nichts Großes sein, kein aufwendiges Menü. Eine Portion Zuspruch reicht aus um mich glücklich zu machen. Völlig gleich, wie oft ich Champagner trinke und kulinarischen Höhenflügen fröhne: eine einfache Scheibe Brot ist das, was in bewegenden und aufreibenden Zeiten nährt.

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Es ist auch momentan das, was mich satt macht und mir genug Raum und Zeit gibt Neues zu schaffen. Während ich Tag und Nacht  arbeite und für die Umsetzung schönster Ideen und Projekte sogar meine heilige Einkaufs-, Koch- und Genusszeit opfere, rettet mich ein Laib gutes Brot durch die Wochen der trockenen Genusstheorie. Frühstück, Mittagssnack, Abendbrot.

Das Brot hat verstanden, dass es mich einfach nur aufbauen muss wenn ich schwanke. Und es hat sich beste Unterstützung dafür gesucht, die das Trösten übernimmt wenn die Tage mal wieder zehrend sind. Es ist ein riesiges Glas Rillettes de Porc, das den therapeutischen Part in dieser Konstellation übernimmt. Rillettes vom Duroc Schwein hauchen mir neue Energie ein, wenn die Augen klein und müde sind, der Abendessenhunger aber erst um Mitternacht der Ideenmaschine im Kopf laut genug entgegenbrüllt um erhört zu werden.

Das Glas Cornichons ist längst leer und konnte mangels Zeit nicht nachgekauft werden, aber eigentlich sind sie ja nur ChiChi und Beiwerk. Das Gute braucht keine Schminke. Jedenfalls nicht immer. Seit mittlerweile 12 Tagen habe ich so den köstlichsten Notfallplan im Kühlschrank, den man sich nur vorstellen kann. Und er schmeckt kein bisschen nach Notfallplan.

Herr Zufall legte vor zwei Wochen den Schweinebauch vom Duroc Schwein in meinen Einkaufskorb, Herr Einfall zauberte einen Tag des Grübelns und Zeitmangels später kurzerhand Rillettes daraus, wie ich sie liebe. Mit schön cremiger, aber fleischiger Textur, feinschweinigem Röstgeschmack, etwas zitronigem Thymian, Fleur de Sel und schwarzem Pfeffer. Keine weitere Schmalzzugabe, keine unnötige Fettigkeit, ausschließlich intensives Aroma vom Duroc Schwein und seinen subtilen Gewürzgehilfen.

Köstlichere Notzeiten kann man sich kaum ausmalen. Und erfüllendere schon gar nicht. Was Roggenbrot und Rillettes de Porc in kurzer Zeit auf die Beine stellen können erfahrt ihr schon bald. Spätestens dann, wenn das Glas leer ist.

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Rillettes de Porc

Rezept für 1 großes Glas Rillettes:

1 kg Schweinebauch bester Qualität ohne Knochen (hier: Thüringer Duroc Schwein)
1/2 Bund Zitronenthymian
3 frische Lorbeerblätter (alternativ 4 getrocknete)
Fleur de Sel
Firsch gemahlener, schwarzer Pfeffer

Ofen auf 180 °C Ober-/Unterhitze vorwärmen. Schweinebauch in grobe Würfel schneiden. Etwa 1/3 des Zitronenthymian von den Stielen zupfen, den Rest beiseite legen.

Schweinebauchwürfel mit gezupftem Thymian und den Lorbeerblättern in einen Bräter (am besten gusseisern) geben und rundum kurz anbraten. Je nachdem, wie hell oder leicht kross die Würfel hier angeknuspert werden, gibt es später sehr cremige Rillettes oder eine etwas kräftigere Variante mit einigen festeren Stückchen und intensiverem Geschmack.

Vom Herd nehmen, die restlichen Thymianzweige in das bereits ausgetretene Fett am Bräterboden legen und mit Deckel oder Alufolie abdecken. Nun geht der Bräter  für insgesamt 4 Stunden in den Ofen. Nach den ersten 90 Minuten nochmal kurz herausnehmen, alle Fleischwürfel wenden, wieder in den Ofen stellen und weitere 2,5 Stunden auf 150 °C weitergaren. Bräter aus dem Ofen nehmen und bedeckt über Nacht bei Zimmertemperatur auskühlen lassen.

Am nächsten Tag Thymianzweige und Lorbeerblätter entfernen und eine ordentliche Prise Fleur de Sel und frisch gemahlenen Pfeffer hinzufügen. Fleischstücke mitsamt Fett in die Kitchen Aid (oder Thermomix oder sonstwas) füllen und die Küchenhilfe mit dem Flachrührer bei mittlerer Geschwindigkeit ca. 4-5 Minuten fleißig arbeiten lassen. Dabei werden Fett und die mürben Fleischteile zerpflückt und fügen sich zu einer homogenen Masse zusammen. Hierbei könnt ihr die spätere Konsistenz nach euren Wünschen beeinflussen: längeres Rühren für feinere Rillettes, kürzeres für eine stückigere Textur.

Im Anschluss kommt noch etwas Sammelarbeit. Per Hand wird nun in der Masse nach allen festen Teilchen gefischt: Knorpel, Knochen, Schwarte – all das muss raus und wird in einem kleinen Topf gesammelt. Sobald alle festen Stücke entfernt sind, werden sie noch einmal im Topf langsam erhitzt, sodass ihr ganzes Fett austritt. Denn da steckt der Geschmack drin, von dem wir noch mehr wollen. In ein Sieb abgießen, Fett dabei auffangen und mit einem Suppenlöffel die Stücke ordentlich ausdrücken. Jeder Tropfen zählt.

Die Schwartenstücke kommen in den Müll, das flüssige Fett wird in die Rillettes gegossen und mit der Maschine kurz untergearbeitet. Nochmal final abschmecken, salzen, pfeffern, in ein Glas füllen, fertig.

Zum Genießen einfach auf ein Brot streichen, gegebenenfalls noch ein paar frisch gezupfte Zitronenthymianblättchen darüber streuen, rein beißen, Augen rollen. Großartig, oder?

Bon Appétit!

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6 Comments

  • Reply Jens 22. November 2014 at 14:09

    Ich habe lange überlegt, ob ich einen Notfallplan habe und wenn ja wie er aussieht. Ich glaube , am ehesten das Glas Fischsuppe aus der Provence im Keller. Ja, das ist ein Fertiggericht.. aber selbst machen ist nicht immer eine Option…. und mit Rouille und geröstetem Brot (so schmeckt sogar altes Weißbrot) und einem Glas Wein (Rosé) hat man binnen Minuten alte Urlaubserinnerungen recycelt 🙂

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 23. November 2014 at 16:39

      Lieber Jens,
      Fischsuppe und Rouille sind eine Traumkombination und ein sensationeller Notfallplan. Fast so gut wie ein Glas Rillettes 😉 Darin könnte ich baden – vorausgesetzt sie sind wirklich gut gemacht. Rosé passt dazu natürlich gut, insofern er ordentlich Kraft und Durchsetzungsvermögen hat gegen die Knoblauchfahne der Rouille.Aber dazu hast Du ja bald ein passendes Rosé Paket, mit dem sich das perfekt ausprobieren lässt. Mich jedenfalls hast Du nun mit dem Gedanken an Fischsuppe angesteckt. Mal schauen, wann die in den nächsten Wochen endlich mal wieder in meine Küche Einzug halten kann… 🙂
      Auf den Genuss!

  • Reply Nele 21. Oktober 2014 at 13:12

    „Jeder Tropfen zählt.“ Wie wahr. 🙂
    Danke für Deine Gedanken, die Du hier mit uns geteilt hast. Und das Rillettes klingt so köstlich, dass ich wohl mal meinen nächsten freien Tag hierfür „opfern“ muss.

    Schokoladige Grüße,
    Nele

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 23. November 2014 at 16:42

      Liebe Nele,
      in Anbetracht des umwerfend köstlichen Ergebnisses ist „opfern“ nicht ganz passend. Ich behaupte, man beschenkt sich selbst damit. Aber das ist wohl nur einer meiner spitzfindigen Wortwahlen 😉
      À la prochaine,
      Madame GenussSucht

  • Reply Julia 9. Oktober 2014 at 21:28

    Wie ich das kenne: Das Glück und der Trost einer Scheibe Brot! Herrlicher Post!

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 9. Oktober 2014 at 23:25

      Die guten Dinge sind eben oft die einfachsten… Vielen Dank für das Kompliment zum Post, Julia.

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