ALLTAGSKÜCHE ESSEN

Ein bunter Teller Leben

30. März 2014
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Ein neues Lebensjahr ist angebrochen. Meinen Geburtstag, der nun gute zwei Wochen her ist, habe ich still und leise in der Ferne verbracht und die Provence einige Tage genossen. Die Nachtzugreise war weniger aufregend als vermutet und erhofft, dafür aber wesentlich nervtötender als erwartet. Es kommt ja immer anders – damit muss man nicht nur jede Sekunde rechnen, sondern darauf kann man sich bei jedem Lidschlag felsenfest verlassen. Das habe ich im vergangen Jahr intensiver als je zuvor erlebt.

Das Leben schenkt uns in jedem Moment neue Aufgaben, neue Einsichten, neue Lektionen. Nicht immer sind sie willkommen, nicht immer passen sie gerade mit unseren Wünschen oder Vorhaben zusammen, aber stets sind sie überraschend und nötigen uns dazu, unsere Sinne beisammen zu halten und uns auf das zu fokussieren, was gerade ist, anstatt gedankenverloren auf das zu hoffen, was sein könnte.

Mit aufmerksamem Blick, geschärftem Verstand und wachem Geist setzte ich deshalb nach einer von Rattergeräuschen geplagten Nacht im Zug die Füße auf französisches Terrain und freute mich noch an den Pariser Gleisen, vor dem Weiterhuschen zum anderen Ende der Großstadt und dem dort auf mich wartenden Zug in den Süden Frankreichs, darauf, einfach ein paar Tage in meiner gefühlten Heimat verbringen zu können.

Wenige Stunden später erreichte ich Aix-en-Provence und erholte mich nach dem Abladen des Koffers erst einmal ausgiebig beim provençalischen Abendessen, einigen Gläsern regionalen Weins und einer anschließenden Mütze nachgeholten Schlafs, bevor ich das erste Mal tief inhalierte und mich wirklich angekommen fühlte.

Die folgenden Tage ließ ich mich einfach durch die Stadt und ihre Möglichkeiten treiben. Ich sah mir die berühmten Märkte und ihre Charaktere an, flanierte über den berühmten Cours Mirabeau, schlängelte mich durch alte, menschenleere Gassen, besuchte tolle Restaurants und Weinbars, lernte wunderbare Boulangers und Pâtissiers kennen. Das Wetter präsentierte Aix von seiner sonnigsten Seite. Obwohl morgens und abends noch kühle Temperaturen von den Füßen aufwärts krochen, machte sich mittags schon intensive Frühlingshitze breit, die zu Flip Flops, kurzen Hosen und Kleidern verleitete und die Menschen just in Sonnenbadende und Schattensuchende aufteilte.

Nach den Tagen in Aix reiste ich weiter, über Brignoles nach Cotignac, einem kleinen Städtchen mitten im Var. Ein kleiner Bus mitsamt einer scheinbar lebensmüden Busfahrerin, die mit Vollgas durch uneinsehbare Kurven und engste Straßen brauste, brachte mich am Ende doch noch lebend und lachend dorthin. Umsäumt von unzähligen Rebflächen und Olivenbäumen, beeindruckenden Aussichten, einer sehr ursprünglichen Landschaft und alten Tuffsteinhöhlen, durfte ich dort eine wunderbare Familie mit viel Liebe zur Provence, zum Wein und zum Genussleben kennenlernen.

Am Ende ging alles viel zu schnell – ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich rundum glücklich und entspannt war. Die Entspannung löste sich jedoch schnell in Wohlgefallen auf, als ich die Grenze nach Deutschland wieder durchbrach. Von Paris aus fuhr ich direkt weiter nach Düsseldorf. 3 spannende Tage ProWein, zahlreiche Tastings, einige Termine und tolle Kontakte warteten auf mich und brachten nicht nur meine Geschmackspapillen an ihre Grenzen, sondern auch meine Konzentrationsfähigkeit.

 

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Seit wenigen Tagen bin ich nun zurück in Hamburg und mich haben sofort neue Aufgaben und lang ersehnte Geschehnisse eingefangen, die Zeit und Aufmerksamkeit erforderten und dies auch in Zukunft weiterhin werden. Die eindrucksvollen Bilder aus der Provence, die Geschichten und Menschen, die Städte und das Essen, die Erlebnisse und Weine der ProWein – all das liegt nun in diversen Speicherkarten, Notizbüchern und vollgekritzelten Zetteln, unzähligen Broschüren, Visitenkarten und Verkostungsnotizen in einem einzigen, großen Stapel neben meinem Schreibtisch. Fast bin ich zu ehrfurchtsvoll mich heranzutrauen, obwohl ich am liebsten alles auf einmal erledigen würde. Ich werde Zeit brauchen und nach und nach die kleinen Geschichten erzählen, die mir in den vergangenen Wochen widerfahren sind.

Während ich an der Zukunft bastle und nicht dazu komme, die Vergangenheit zu erzählen, trieb es mich heute auf den Wochenmarkt um endlich dem Kühlschrank wieder etwas Leben einzuhauchen. Es gelüstete mir nach Frische, nach Lebenslust, nach Leichtigkeit und Finesse, nach Süßem und Saurem, Knackigem und Weichem. Was auf dem Markt zuerst nur eine grobe Idee formte und Fenchel und rosa Grapefruit in den Einkaufskorb wandern ließ, entwickelte sich beim anschließenden Biomarkt-Besuch in eine überraschende, vor allem aber überraschend überragende Kombination. Bei der Rückkehr schaffte ich es nicht einmal, die Milch in den Kühlschrank zu stellen, so sehr hatte sich die Aromenexplosion schon in meinem Gehirn eingebrannt. Es musste sofort losgehen. Ich hatte nicht nur Appetit, sondern Hunger und immenses Verlangen. Ein bunter Teller Leben sollte meinen Samstag füllen.

Ein hauchdünnes Carpaccio aus Fenchel und Grapefruit, umschmeichelt von einem Dressing aus Pastis, Hanfsamenöl und Fenchelsaat, getoppt von getrockneten, säuerlich-intensiven Physalis, knackigen Hanfsamen und süß-mürben getrockneten Granatapfelkernen war genau das, wonach ich mich verzehrte. Es schmeckte nach Sommer, Freude, Mut, Dankbarkeit, großen Momenten und stillen Augenblicken, nach neuen Zielen, unbändiger Liebe und großem Enthusiasmus.

Trotz all der Arbeit, die vor mir liegt, fühlt sich der Blick ins Heute wie auch ins Morgen genauso an, wie dieser Teller aussieht: alles ist bunt, leicht, süß, sauer, trocken, saftig, knackig, knusprig, weich. Alles hat Sinn und Berechtigung, jedes Element spielt seine Rolle, hat seinen Moment. Alles fügt sich zusammen, bildet zusammen ein Gericht. Man darf sich nicht beirren lassen, wenn einzelne Komponenten ein bisschen bitter auf der Zunge liegen – sie werden gebraucht in der Gesamtkomposition.

Was im Kleinen so eindrucksvoll auf dem Teller entsteht und unsere Gaumen verzückt, sollte uns viel öfter das große Ganze lehren. Denn das ist bekanntlich immer größer als die Summe seiner Einzelteile. Glaubt ihr nicht? Dann schmeckt doch einfach mal herein in den bunten Teller Leben.

 

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EIN BUNTER TELLER LEBEN

(ODER: FENCHEL-GRAPEFRUIT-CARPACCIO)

Zutaten für 2 Genießer:

1 rosa Grapefruit
1 große, feste Fenchelknolle mit schönem Grün
1 EL Hanfsamenöl
1/2 TL Pastis
1/2 TL Fenchelsaat
Fleur de Sel
Pfeffer
1 EL Hanfsamen
1 EL getrocknete Granatapfelkerne
einige getrocknete Physalis
(ich habe eine Mischung aus Hanfsamen / Granatapfelkernen / Physalis von Flores Farm gekauft)

Vorbereitung

Fenchel waschen und in möglichst feine Streifen schneiden (oder am besten mit einem Hobel dünn aufschneiden). Das Fenchelgrün dabei getrennt zur Seite legen. Grapefruit mit dem Messer enthäuten und Scheiben schneiden. Den dabei entstehenden Grapefruitsaft vom Brett auffangen. Fenchelsaat im Mörser zu Pulver zerstoßen.

Zubereitung

Aus Hanfsamenöl, Pastis, ausgetretenem Grapefruitsaft, pulverisierter Fenchelsaat, einer Prise Pfeffer und einer kräftigen Prise Fleur de Sel ein Dressing rühren. Fenchel- und Grapefruitscheiben auf dem Teller arrangieren, mit Dressing beträufeln. Getrocknete Granatapfelkerne, Physalis und Hanfsamen verteilen und das abgezupfte Fenchelgrün darüber streuen.

Bon Appétit!

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5 Comments

  • Reply Karin Schanzenbach 31. März 2014 at 08:26

    Vielen Dank für die frische, entspannte, inspirierende Reise! Liest sich ganz wunderbar .. Mehr davon, bitte.
    Weiterhin viel Tatkraft zum Umsetzen all Deiner Vorhaben wünscht
    Karin

  • Reply Sandy @ Confiture de Vivre 30. März 2014 at 17:17

    Auch wenn ich schon das ein oder andere von dir persönlich gehört habe, ich lese so gern hier! Es hört sich alles ganz richtig und richtig gut an und ich wünsche dir, dass es so positiv weiter geht. Ein wundervolles Carpaccio hast du gezaubert, zu dem ich gern eingeladen gewesen wäre 😉 Wir sehen uns in 14 Tagen zur nächsten Verkostung und zur weiteren Ideen-Umsetzung!
    liebe Grüße,
    Sandy

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 30. März 2014 at 17:22

      Merci, Chérie!
      Dann weiß ich ja jetzt schon, was ich auf die Einkaufsliste schreiben muss, wenn Du vorbei schaust 🙂 Freue mich schon auf das Wiedersehen, den Ideenaustausch und die Dégustation. Hoffentlich habe ich bis dahin die Stapel weggearbeitet…
      À bientôt,
      Madame S.

  • Reply Nele 30. März 2014 at 12:43

    Wieder ein wunderschöner Beitrag. Danke, dass Du uns ein Stückchen mit nach Frankreich mitgenommen hast. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nele

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 30. März 2014 at 12:45

      Danke für das Kompliment, liebste Nele. Bald berichte ich dann noch mehr über die wirklich Ereignisse – mit vielen charmanten Details und Einblick in den provençalischen Genussalltag. Ich freue mich selbst schon aufs Erzählen! 🙂 Liebe Grüße

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