ALLGEMEIN LEBEN

Das kleine große Glück.

4. März 2012
Genuss_sucht_Gloster

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Die Woche ging unerwartet schnell vorbei und statt schöner Blog Posts hat sie mir vor allem schöne Abende und Mittage beschert. Redselige Abende mit guten Freunden und unkompliziertem Essen zu Beginn der Woche, einen wunderbar feucht-fischig-fröhlichen Abend im Fischfiletierkurs zum Abschluss der Arbeitswoche und einen höchst entspannten Foodshopping-Samstag mit einer schönen Café-Schnatter-Session.

Den Fischfiletierkurs hatte ich schon wirklich lange im Blick, wohl aber auch einige andere Menschen denn die Termine waren immer schnelle ausgebucht als ich mich anmelden konnte. Zudem wird das Filetieren aller erdenklichen Speisefische eine von hunderten Lektionen im Institut Paul Bocuse werden und man sollte meinen, ich könnte daher auf den Spaß verzichten. Konnte ich aber in diesem Fall nicht. Ein bisschen Übung schadet niemandem, schließlich weiß ich nicht, mit welchen Cracks ich da in einer Küche landen werde. Und vor der Kompletterniedrigung wollte ich wenigstens die Kunst des Rund- und Plattfisch-Filetierens mal gekonnt beherrschen. Einige heimische Filetierversuche (zugegebenermaßen immer an kleineren Exemplaren, die das Filetieren nicht unbedingt einfacher machen) habe ich über die Jahre schon hinter mich gebracht und am Ende auch ein gutes Stück Fisch in den Mund schieben können. Was jedoch noch am Fisch zurückblieb und wie unsauber die Kantenschnitte waren, das trieb mich selbst so manches Mal zum Wahnsinn – und ehrlich gesagt vor allem wieder zurück in die Hände des Fischhändlers, der mir die Filets einfach mit einigen Euro mehr verkaufte, so wie sie der Rest der normalen Menschheit eben auch kauft.

Der Kurs fand mit den absoluten Experten statt: Im Frischeparadies Hamburg. Für kleines Geld wurden wir zuerst vom Weinfachberater ordentlich mit Crémant von der Loire angetüdelt, bekamen dann, mit dem mittlerweile 3. Crémant-Glas auf nüchteren Magen in der Hand, eine Führung durch die spannenden Lager und die obere Etage des Frischeparadieses, sagten den Hummern in ihren Becken länger Hallo und bekamen eindrucksvoll gezeigt, wie kraftvoll und energisch die großen Exemplare mit ihrem Schwanz schlagen können, wenn sie keine Lust auf Publikum haben (ich – die Schreckhaftigkeit in Person – musste natürlich dabei die Hälfte meines Crémants auf meine Bluse kippen) und landeten danach wieder am Bistro, an dem uns zwei Köche nacheinander demonstrierten, wie man Dorade, Rotzunge und Loup de Mer fachgerecht filetiert. Dabei tranken wir gelassen Crémant Nummer 4 und 5, bevor wir mit Hausschürze ausgestattet wurden und alle mit eigenen Messern an eigene Fische durften. Jeder Teilnehmer, so auch ich, zerlegte nacheinander die benannten 3 Fischlein unter Dauerbeobachtung, Korrektur und ratsamen Tipps der Köche. Der Crémant tat sein Bestes und führte das Messer seelenruhig durch die Fischlein. Als einfachstes Filetierobjekt erwies sich die Rotzunge, meine Filets waren sogar hübscher als die des Küchenchefs und ich war mächtig stolz, weil die Filets aller anderen Teolnehmer etwas angefressen aussahen. Doch war der stille Ruhm nur von kurzer Dauer. Die Rundfische klappten zwar auch gut genug um Meisterschülerin des Herzens zu bleiben, die verbleibenden Karkassen waren allerdings nicht ebenbürtige Bilderbuchschönheiten wie ihre Rotzungen-Vorgänger, denn zwei gute Millimeter Fleisch standen noch am Gerippe und Paul hätte das in der Küche sicher gerügt. Verschwendung! Stéfanie, encore une fois, s’il vous plaît. Das muss mit mehr Bedacht geschnitten werden, das nächste Mal bitte besser, setzen, das gibt eine Vier.

Die mehr oder weniger massakrierten Tiere durften wir dann mit nach Hause nehmen. Meine Nebenfrau war glücklicherweise nur in Hamburg zu Besuch und wollte danach noch kulturelle Dinge unternehmen, also wanderte kurzfristig auch ihr Ergebnis in meine Taschen. Nach Kursende und einem 10 Minuten Schnelleinkauf im wunderbaren Frischeparadies, knapp nach Ladenschluss, hatte ich dann alles, um beschwipst und fröhlich nach Hause zurück zu kehren. 1,5 kg Filets kann man nicht so schnell wegkochen, daher wurde das meiste eingefroren. Zwei Loup de Mer Filets durften mich noch zu einem schnellen Gurken-Dill-Rahm-Salat und kleinen gekochten Kartoffeln beglücken, dann war der Abend schon spät und ich dank des frühen Freitagnachmittags-Schwipses nicht nur zutiefst beseelt, sondern vor allem sehr müde.

Der Samstag begann früh und mit vielen Fischideen im Kopf. Kurzerhand fuhr ich nach Ottensen, ließ mich dort mal wieder vom Genussmarkt in der Fabrik betören, probierte Käse, Chorizos, Serrano-Schinken, Pralinen, konnte den wenigsten Dingen widerstehen, kaufte und packte ein, hängte um und packte noch ein großes Stück Holzofenbrot drauf. Und als ich dachte, es geht kaum noch besser, da bot sich der absolute Gipfel des Genussglücks am Obststand aus dem Alten Land.

Nachdem ich in diesem Winter noch nicht einmal meine mit den Jahren äußerst rar gewordene Lieblingsapfelsorte gefunden hatte, stolperte ich dort in der Fabrik über eine harmlos erscheinende Kiste, in welcher ich auf einen Blick erkennen konnte: Gloster! Wunderbare Gloster! Meine Gloster! Kindheits-Gloster! Gloster, Gloster, Gloster! Klein, knallrot auf der einen, knallgrün auf der anderen Seite, dünnhäutig, perfekt in Form, Farbe und vor allem im Geschmack. Einziges Problem: Nur noch 3 Äpfel in der Kiste. Oh weh.

Während ich abwarten musste, bis die 3 Leute vor mir in der Reihe beraten waren und ihre Sortenverkostung durch hatten, um dann mit jeweils 2 (!), ja genau zwei gekauften Äpfeln wieder abzuzischen (der Apfelverkäufer tat mir wirklich leid), trieb mich die Sorge umher, dass dies die tatsächlich letzten 3 Äpfel der Saison sein könnten. Bundesweit, weltweit und überhaupt. Angst machte sich für eine Sekunde breit. Große Verlustangst. Glücklicherweise stellte sich der kurze Panikhöhepunkt als völlig grundlose Sorge heraus als ich endlich an der Reihe war. Ein besorgtes „Sind das etwa Gloster? Und jetzt sagen Sie bitte nicht: ‚Die letzten…‘!“ wurde sofort durch das Hervorziehen einer neuen Kiste unter dem Tisch beantwortet. Eine Kiste voller bewundernswerter Gloster. Gloster, meine Gloster, mein Seelenglück. Ich zahle jeden Preis. Habenhabenhaben – sofort!

Ich kaufte 2 Kilo für 3,60 Euro. Und hielt fortan das kostbarste Gut überhaupt in Händen. Erst mit der Tüte in der Hand war ich wieder fähig zu mehr Kommunikation. Meine Euphorie konnte selbst den Apfelfachmann mitreißen, der mich nach dem Grund des Funkelns in den Augen beim Anblick dieser Äpfel befragte und sich geduldig meine Kindheitsgeschichte anhörte, die davon erzählte, wie mein Opa diese Äpfel als eine unter vielen Sorten auf seiner Obstplantage im Obst- und Gartenbauverein anbaute und ich dort in meiner Kindheit immer die allerschönsten Lieblingsäpfel zwischen den unzähligen Baumreihen heraussuchen durfte und ab und an, wenn die große Mostpresse wieder im Einsatz war, mit einem gekonnten Wimpernaufschlag Opa dazu bewegen konnte, selbst sortenreinen Süßen (für alle Nicht-Hessen: Süßmost, frisch gepresster, unfiltrierter Apfelsaft) aus diesen wunderschönen Gloster für mich herzustellen. Jeder in der Familie hatte seinen Lieblingsapfelsorte – bis auf Opa, der alle Äpfel liebte und immer schimpfte, wenn wir mal die Exemplare mit braunen Flecken nicht essen wollten, weil man die doch hätte herausschneiden können.

Die Zufuhr meines großerlterlichen Lieblingsäpfel-Paradieses endete als ich ein Teenager war und seitdem wandere ich Winter für Winter umher und suche genau diese Äpfel. Leider sind sie nicht so populär, nicht so lange lagerfähig, nicht so süß und nicht so sauer, ein bisschen empfindlich und nicht ganz so massentauglich. Viele Gründe, die dazu führten, dass diese Sorte in Deutschland kaum noch angebaut wird. Bei einer Reise in die Heimat im letzten Herbst fand ich auch heraus, dass die Gloster-Bäume im Obstverein meines Opas vor gut 10 Jahren komplett gerodet wurden – wegen mangelnder Nachfrage. Sie machten Platz für Allerweltsäpfel, süße und gefällige Exemplare, die nicht so tropfen beim Essen und trotzdem saftig wirken, die viele, viele Monate im Keller lagern können und trotzdem noch appetitlich aussehen, für alle Jedermannsäpfel dieser Supermarktwelt eben. Jeden Winter weine ich wieder ein Träne um diesen Verlust. Aber manchmal habe ich dann eben doch Glück, zuletzt im Winter 2010/2011 als mein Bio-Laden für genau 2 Wochen die Ernte dieser Sorte anbot und ich mich viele Tage fast ausschließlich von diesem Fund ernährte. Diesmal kenne ich glücklicherweise die Quelle und habe mir versichern lassen, dass die Ernte noch einige Wochen am Marktstand verfügbar sein wird. Welch ein Glück.

Der Apfelmann mochte die Geschichte, wunderte sich etwas, dass der Apfel es je bis nach Frankfurt geschafft hatte und machte mich noch ein bisschen glücklicher indem er mir erzählte, dass sein Vater, Apfelmann Senior, einer der letzten Verbliebenen ist, die noch beim Erfinder dieser Sorte den Apfelanbau lernten. Denn in der Tat wurde diese Apfelsorte 1951 in der Obstbauversuchsanstalt Jork im Alten Land erschaffen und vor allem dort seitdem gezüchtet. Ich bin also durch Zufall an die Direktleitung zu diesem Apfel geraten. An einen der Menschen, die sich mit diesem Apfel wirklich auskennen. Und daher auch wissen, wann er perfekt ausgereift ist und den langweilig-wässrigen Geschmack der Unreife hinter sich lässt, um mit ganz feinen Aromen, wenig Säure, einem bläulichen Rotton und einer knackigen aber dünnen Schale sowie einem annähernd herzförmigen Körperbau Gloster-Liebhaber wie mich zu becircen. Da kauft man so viele tolle Dinge und freut sich am meisten über den an sich eigentlich höchst banalen Apfel. Verrückte Welt.

Mein Apfeltütchen wird mich über die Woche bringen, auch wenn sich der Bestand zwischen den Hauptmahlzeiten (die nicht minder fantastisch waren) schon drastisch gesenkt hat. Aber wozu könnte ein Apfel auch besser schmecken als zu einem Holzofen-Serrano-Brot oder zu leckerem Bergblumenkäse?

Und auch als Dessert nach einer unglaublichen Bouillabaisse (selbstverständlich aus eigenen Karkassen ausgekocht) mit intensiver Rouille auf geröstetem Holzofenbrot passt dieser Apfel ganz großartigst. Irgendwie haben sich alle Einkäufe mal wieder zu Fantastischen zusammengefügt. Aber was anderes hätte zu so einem schönen entspannten Wochenende auch einfach nicht gepasst.

Was ich dieses Wochenende gelernt habe, ist nichts wirklich fundamental Neues. Eigentlich ist es so selbstverständlich, so normal und alltäglich, dass wir es immer wieder zu vergessen scheinen: Das große Glück liegt in den kleinen Dingen. In den Erinnerungen, die wir mit uns tragen oder den kleinen Äpfeln, die uns sensibilisieren, dass ein Apfel nicht nur Apfel und Vitaminkapsel, sondern vor allem ein kleines Stück vom Glück ist. Wohl gerade deshalb sieht mein Lieblingsapfel auch aus wie Kindheit aussehen sollte: mit knallroten glücklichen Wangen und grünen Unschuldflecken, großen Pippi-Langstrumpf-Sommersprossen und, wenn man ihn dreht und wendet, wie ein knallrotes Herz.

Bevor die neue Woche beginnt, wünsche ich euch allen ein bisschen Sonntagabendglück. Und dazu viele kleine Glücksmomente in der ganzen Woche. Schaut einfach mal wieder genauer hin, wo das kleine Glück sich versteckt zwischen all den Banalitäten und dem Alltag. Ich verspreche euch, es ist da. Es will nur gefunden werden.

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1 Comment

  • Reply Monika 8. März 2012 at 12:42

    Das Bild vom Apfel sieht so lecker aus… ich könnt grad reinbeißen…!Liebe Grüße an Dich

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