ALLGEMEIN

Bitte nicht stören.

18. März 2012
Genuss_sucht_Bitte nicht stören

Frühling! Naja fast. Immerhin singen die Vögel einen am Sonntagmorgen schon aus dem Bett und die Luft, die durch das Fenster strömt, während man gerade aus der Schlafphase heraus wieder Bewusstsein erlangt, riecht mild und frisch. Die Winterhärte ist aus ihr entwichen und in den Beeten sprießen wieder kleine Blumen und Gräser. Sicher nicht die erfreulichste Zeit für Allergiker, aber glücklicherweise verdirbt mir nichts den Spaß daran. Schließlich bin ich ein Frühlingskind. Die ersten Dinge, die ich nach meiner Geburt wahrnahm, waren diese klare, verheißungsvolle Luft, die ersten Sonnenstrahlen und Menschen, deren Laune durch die ersten Sonnenstrahlen nach einem langen Winter wieder motiviert und positiv wurde.

Die Kraft eines Frühlingstags entfaltet sich meines Erachtens am besten morgens. Wenn man vor dem Wecker aufwacht, oder – im Wochenendfall ohne Wecker – die Augen direkt nach dem Öffnen wieder kurz schließen muss, weil es so hell ist und die Sonne das Gesicht kitzelt. Heute morgen war das so. Ich wachte auf, weil durch den Vorhang Frühlingsluft ins Zimmer strömte und die Morgensonnenstrahlen deshalb auf dem Bett flackerten. Der Blick auf den Wecker offenbarte noch mehr Luxus: Viel zu früh! Ich konnte liegenbleiben. Die Sonntagmorgen sind die einzige Zeit, zu der meine Straße ganz still ist. Alles ist ruhig, die wenigen Schritte, die schon auf ihr unterwegs sind, klingen noch vorsichtig, müde und gelassen. Keine hektischen klack-klacks, sondern ausschließlich gemächlich tok-toks. Eigentlich sind sie es, welche die restliche Stille erst so still machen. Die Abwesenheit anderer Geräusche – keine Autos, keine Waren ausladenden LKWs, keine Gespräche am Blumenladen unter mir, keine Straßenkehrfahrzeuge oder Müllabfuhr, keine Hektik des Alltags. Ich mag den Sonntagmorgen deshalb so gern. Weil auf einmal alles friedlich ist. Selbst ich, wenn ich viel zu wenig geschlafen habe.

Unter der warmen Decke liegend, frische Morgenluft inhalierend, die Augen geschlossen und trotzdem durch geschlossene Lider die Sonnenstrahlen wahrnehmen: So funktioniert bei mir ein großer Glücksmoment. Weil das Nichts auf einmal sehr kostbar ist und das Ende bereits in Sicht. Denn natürlich ist es, abhängig von der Aufwachzeit, nur eine Frage von Minuten, halben Stunden, Stunden, bis der Stadtteil erwacht und sich langsam in einer langen Schlange beim Bäcker nebenan trifft. Und wenn die ersten parkenden Autos mit kurz aufeinander folgenden buff-buffs der Autotüren meinen kleinen Stillefrieden beenden, um ihre Retortenbrötchen in Plastiktüten einzusammeln. Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, aufzustehen, mir einen Lieblingskaffee zu machen: Viel dichter, cremiger Milchschaum mit einem kurzen, höllisch starken Ristretto, dessen Kraft ob seines in der Milchmenge fast redundanten Mengenverhältnisses nur subtil durch die Milch hindurch schmeckt. Dieser Kaffee wird rituell im Schneidersitz sitzend auf meinem Sofa eingenommen. Keine Musik, keine andere Bespaßung. Nur ich, das Sofa und der ferne Blick aus meinem Wohnzimmer-Panorama-Fenster hinaus, mitten in die riesige grüne Tanne hinein. Nun gut, ziemlich oft auch noch mit einer um Aufmerksamkeit buhlenden Katze auf dem Sofa, deren Hin und Her aber schnell durch eine kraulende Hand stillzulegen ist. Und dann wird gesessen. Manchmal 10 Minuten, meistens eher eine halbe Stunde bis Stunde. Nicht unbedingt selten wird sogar der Kaffee in meiner Hand kühl, weil der stupide meditative Blick aus dem Fenster und die Regungslosigkeit des Geistes ihn eine Weile vergessen. Der Sonntagmorgen ist für mich. Bitte nicht stören.

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Erst nach dieser Ruhepause bin ich einsatzbereit. Und, wie sollte es auch anders sein als an Genusssucht leidender Mensch, meisten schleichen sich dann die ersten weiteren Genussgedanken in meinen Kopf. Manchmal geht es um ein Foto, andere Male um das Lesen eine Magazins oder Buchs, ab und zu um Frühstück. Heute ereilten mich die Gedanken an Vanillequark mit Granola und eine riesige Kanne Tee. Symbolisch für meine Sonntage ist der Kusmi Detox Tee geworden, von ihm bekomme ich einfach nie genug. Sonst eher unter der Bitte-kein-Zucker-im-Getränk-Fraktion angesiedelt, liebe ich diesen Tee mit Honig. Nicht irgendeinem Honig, sondern mit Orangenblütenhonig. Diese Kombination ist der absolute Kracher. Blütenhonig, Akazienhonig & Co. können an dieser Stelle einpacken. Weil sie eben nur Süße, aber kein Aroma hinzufügen. Orangenblütenhonig hingegen addiert neben einem kleinen bisschen Süße vor allem diesen wichtigen Hauch von Frucht und Frische, von Intensität und Körper. Nur ein Teelöffel in einer 1,5 Liter Teekanne bewirkt große Wunder. Der Tee wird weich und rund, reich im Geschmack. Es duftet fruchtig nach Orangen und Zitronengras (letzteres ist in der Teemischung enthalten), der Grün- und Matetee widerum bringen einen herben und grasigen Grünteegeschmack als Gegenzug. Genau meins. Die 1,5 Liter Kanne ist in der Regel schnell leer und der Produktname hält (zumindest in meiner Welt), was er verspricht: Er entgiftet mich. Vom Stress der Woche, von der Hektik des Alltags. Er nimmt die Schwere der Woche und verwandelt sie in Leichtigkeit. Für einen ganzen Sonntag.

Aus der Leichtigkeit heraus wird der Sonntag dann gerne zum Koch-, Back- oder Fotografiersonntag, wenn ich keine anderen Pläne habe. Heute entstand daraus der Wunsch nach einem unkomplizierten Sonntagmittag-Essen. Die Sonne war schnell nach dem Aufstehen wieder verschwunden, der Sonntag wollte gemütlich zelebriert werden. Und weil noch Blätterteig von den Königinnenpastetchen des Genusssucht Abends am vergangenen Mittwoch übrig war, zudem ein angebrochene Packung fantastischer Ziegenfrischkäse in Asche, und darüber hinaus ein Päckchenrest wunderbarer Mini-Frühlingszwiebeln unbedingt verbraucht werden wollte, entstand daraus kurzerhand eine Frühlingszwiebel-Ziegenkäse-Tarte. So schnell, so einfach, so Sonntag. Große Dinge bitte an einem anderen Tag. Denn heute heißt es den ganzen Sonntag lang nur: Bitte nicht stören.

Macht es euch schön.
Und lasst euch nicht stören.

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