AUSBILDUNG WINES & SPIRITS (WSET) TRINKEN

Augenöffnendes Mahnmal

10. April 2014
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Wer mir auf twitter folgt hat es vielleicht schon mitbekommen. Aber weil nicht jeder immer und überall folgt und mitliest – schließlich gibt es ein absolut vorrangiges und verfolgenswertes offline-Leben – möchte ich  noch einmal in größerer Ausführlichkeit erzählen, was sich letzte Woche ereignete.

Ich bin jetzt Studentin!

Nun gut, soweit ist die Aufregung noch nicht allzu groß. Schließlich habe ich das schon im letzten Weinpost verkündet. Ich wiederhole mich, entschuldigt. Aber sie ist wirklich immer noch ein klitzekleines bisschen abstrakt, diese Vorstellung. Was musste ich so fürchterlich groß werden um wieder so klein anzufangen.

Fast fühlt es sich an, als hätte ich auf dem Rücken einen steifen Schulranzen klemmen, dessen Trägerriemen an meinen Schultern einschneiden, was ich aber vor lauter Stolz und freudig glühenden, roten Bäckchen natürlich niemals zugeben würde. Den Kindergarten habe ich letztes Jahr bestanden, man hat mich mit einer Urkunde und einer dritten Anstecknadel in die Schule für ambitioniertere Weintrinker entlassen. Und da stehe ich nun, nichtmal zwei Wochen vor dem offiziellen Einschulungstermin, und habe die Schultasche so voll gepackt, wie es nur notwendig ist.

Die erste Aufgabe galt es schon zu bestehen noch bevor der erste Schultag beginnt: eine 5-seitige Literaturempfehlungsliste forderte Recherche- und Kalkulationskenntnis, um zumindest Bruchstücke davon zu den ersten Themen zu besitzen und in ihre Endlosigkeit an Buchstabenketten einzutauchen. Selbstorganisierte Vorbereitung nennt man das. Das mitgelieferte Textmanuskript zu den ersten beiden von insgesamt 7 Units des WSET Diploma war überraschend überschaubar. Gerademal ein einziger Heftstreifen mit gelochten Unterlagen wurde zur Verfügung gestellt. Jedoch so bis zum Anschlag gefüllt, dass man meinen könnte, der Verfasser habe seinen Textlänge an die DIN-Norm der Heftstreifenhersteller angepasst. Dazu gab es – ein paar illustre Erklärungen und fachspezifische Details zwischen den Worten braucht es sicher ab und an – statt ausufernder Anhänge oder Fußnoten einfach das Oxford Weinlexikon. Das ultimative Wein-Standardwerk, luftige 2768 Gramm leicht, mit einem Umfang von 862 Seiten und über 3900 Fachbegriffen, gedruckt auf nahezu bibelähnlich dünnen Buchseiten. Hurra! Wer braucht ausführliche Studienmaterialien, wenn er Lexika auswendig lernen kann?

Die einschüchternde Anwesenheit eines allwissenden Lexikons trieb dann die Recherchen nach der benannten zusätzlichen Fachliteratur an. Ein paar der Bücher tummelten sich glücklicherweise schon in meinem Buchregal (leider viel zu viele davon noch ungelesen), den Rest war ich nun zu jagen bereit. Ich durchforstete Antiquariate, Gebrauchtbuchhändler, die marktbeherrschenden Preistreiberseiten, jegliche ebook-Anbieter und bemühte für manches Werk auch die Suchmaschinen, wenn der Handel meines Relevant Sets nichts liefern konnte. Es kostete mich zwei Tage Online-Recherche, aber dafür habe ich am Ende in gewissenhafter Studentenmanier eine ganze Menge gespart im Vergleich zum ausschließlichen Neubuchkauf. Nun mussten nur noch all diese Bücher ankommen, dann wollte ich unbedingt und umgehend mit größtem Einsatz loslegen, versprach ich mir im Rausch des euphorischen Tatendrangs.

Als das erste Paket mit 14 (!) Büchern mich morgens um 8:01 aus dem Bett klingelte, versprach der Postbote verheißungsvoll „Ich hab‘ da was Schönes für Sie!“. Dem konnte ich nur zustimmen und tippte sodann freudig meine Unterschrift in das Empfangsbestätigungs-Piepsgerät. Das Auspacken dauerte keine zwei Minuten. Fröhlich wühlte ich im Papierchaos der Verpackung, blätterte in einzelnen Exemplaren herum, legte sie sorgfältig wieder in die Verpackung zurück. Schließlich wartete ich noch auf weitere Bücher und hatte noch ein Textmanuskript durchzuarbeiten. Am nächsten Tag trudelte der nächste Karton ein. Darin nochmals einige Bücher, diesmal allerdings die dickeren Schinken. Erste Einschüchterung überfiel mich. Anlass genug, um endlich einen Stapel auf dem Wohnzimmertisch daraus zu machen und mir den Stapel anzusehen.

Was darauf folgte war unerwartet, raumfüllend, momentergreifend sowie gleichermaßen angsteinflößend und belustigend.

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Vor mir thronte ein Bücherstapel, der mir, aufrecht vor dem Esstisch stehend, fast den Scheitel überragte. Ja gut, ich hatte das alles bestellt, und ich wusste auch, dass es viel war – aber SO viel? Ehrfurcht übermannte mich, dann ein Anflug von Panik, gefolgt von einer Minute größter Nervosität. Wer weiß, ob meine Augen jemals zuvor so weit aufgerissen waren. In einer jahrelang jobbedingt erprobten Überforderung-Übersprungshandlung platzte sodann ein lautes, hochamüsiertes Lachen aus mir heraus. Ironisch, ungläubig, mit leisen Noten von verbittertem Zynismus. Womit ich früher meinen Teams die blankliegenden Nerven rettete, sollte gerade mich selbst vor Angstschweiß retten.

Was mich so schockierte in diesem Moment der Einsicht, war nicht die Menge der Bücher, nicht die Höhe des Turms, nicht die Vorstellung, all das lesen zu müssen. Es war vielmehr die zeitliche Achse, in der ich das zu erledigen vor hatte. In einer kurzen Milchmädchenrechnung versuchte ich das Ausmaß zu umreißen. Statt gemütlich zu lesen, war ich gewillt, den Schnellgang einzulegen, statt geregelter Zeiten war ich bereit, auch Nächte zu opfern, und einige Bücher konnte ich noch auf einen späteren Zeitpunkt verlagern. Doch selbst in diesem Wort-Case-Szenario würden wohl zwei Wochen nicht mehr reichen. Und, ja und!, da würden noch weitere Bücher folgen. Mein Hals war plötzlich sehr trocken.

Also ging ich in die Küche und trank auf dieses Ereignis erst einmal zwei große Gläser kaltes Wasser. Mit jedem Schluck meine Kehle herunter rinnender Kälte sortierten sich wieder die Gedanken. Auch das habe ich jahrelang geprobt: mich schnell wieder zu besinnen und dem Schrecken mit Humor zu begegnen, egal wie sehr die Zeit drängt und wie unmöglich die Aufgabe bis zum einzuhaltenden, unverrückbaren Termin scheint. Ich dankte im Geiste kurz allen Schreckensprojekten und fürchterlichen Kunden meiner Vergangenheit. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so klein. Denn wenn es etwas gibt, das ich wirklich gut kann, dann ist es die Bewältigung riesiger Herausforderungen. Irgendwie hab‘ ich es jedes einzelne Mal geschafft im Leben. Diesmal mache ich keine Ausnahme.
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Zurück im Wohnzimmer lehrte mich meine überaus weise Mitbewohnerin dann, wie man wirklich mit dem Mahnmal-Stapel umgehen muss: ihn liebhaben. Schließlich stapelt er nur eindrucksvoll all meine Ambitionen, Wünsche und Hoffnungen zu einem großen Vorhaben und visualisiert, wohin man gelangen möchte. Schlaues Kätzchen. Ich machte es ihr also flink nach, verewigte den Schockmoment in liebevollen Bildern und widmete mich ganz schnell der Umstapelei statt Hochstapelei.

Aus dem Mahnmal wurde kurzerhand ein Machmal, zerlegt in einzelne kleine Haufen thematischer Abfolgen und Prioritätsstufen. Und sollte keine Zeit für die Bewältigung aller Haufen bleiben, mache ich ganz einfach das, was ich am zweitbesten kann: improvisieren.

Ab an die Arbeit!

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6 Comments

  • Reply Tom 29. März 2016 at 12:20

    Hallo Stafanie,
    es ist nun schon etwas her, dass du diesen Blogartikel gepostet hast. Nachdem ich aber gestern deinen kompletten Blog quasi verschlungen habe, möchte ich mich ganz herzlich für das Teilen deiner Erfahrungen bedanken und dich zu deinem tollen Blog (und den beiden WSET-Leveln) beglückwünschen. Natürlich interessiert es mich auch, wie es um dein Level 4 -Diploma steht! Bist du noch dran? Ich hoffe, dass du nicht aufgegeben hast und irgendwann auch darüber berichtest.

    Und da dein Blog nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam und motivierend ist, muss ich zugeben, dass du mich mit dem WSET ganz schön angefixt hast und ich derzeit auch überlege, einen der Lehrgänge zu besuchen. Ich bin kein Wein-Profi, sondern reiner Dilettant, der aber Spaß am Wein hat und mehr darüber erfahren und bloggen will. Beruflich habe ich nichts mit Wein zu tun und werde es auch in Zukunft nicht haben. Nur für mich. Dennoch meine Frage: Würdest du rückwirkend sagen, dass man zwingend die Level 1 und 2 durchlaufen muss/sollte, bevor man das Level 3 anpeilt? Oder kann man auch direkt Level 3 angreifen, wenn man sich ausreichend lange (im Fernkurs) dafür Zeit lässt?
    LG
    Tom

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 13. April 2016 at 18:57

      Hallo Tom,

      vielen Dank für Deine Worte. Ja, ich bin dran am Diploma, aber das dauert eben etwas länger als die Seminare bis Level 3 😉 Das Feld wird irgendwann so breit, dass man da nicht mehr dauerhaft berichten kann. Zumal das Lernen nicht mehr einem verbindlichen Buch folgt, sondern in völliger Eigenregie. Es nimmt ab da eine ganz andere Dynamik an, zumal ich mittlerweile mein Berufsleben auch dem Wein verschrieben habe.

      Level 1 braucht man meiner Meinung erstmal nicht, spannend wird es ab Level 2. Es gibt zwar auch Möglichkeiten bei Level 3 einzusteigen, aber meines Wissens nach muss man dann schon Vorkenntnisse in der Weinwelt mitbringen, aber das findest du am verlässlichsten dort raus, wo du auch die Kurse machen willst. Mittlerweile sind die Anbieter da alle unterschiedlich aufgestellt, was Seminardauer und Lernblöcke anbelangt, daher macht es am meisten Sinn, mit ihnen direkt zu sprechen.

      Ich wünsche dir viel Spaß bei der Annäherung an den Wein, denn die Reise selbst ist hier das Ziel 🙂

      Liebe Grüße,
      Stefanie

  • Reply Bill 10. September 2015 at 13:17

    Hallo Stephanie,

    deine Geschichte ist sehr spannend, ich stehe u.U. vor einer ähnlichen Entscheidung wie du inklusive der ähnlichen Vorbildung bezgl. Wein.

    Was macht das Studium? Wo studierst du denn genau was?

    Danke schonmal und weiterhin alles Gute

    Bill

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 21. September 2015 at 17:59

      Hallo Bill,

      ich arbeite mittlerweile an meinem Diploma, also am WSET Level 4. Angefangen habe ich das an der Weinakademie Rust / Österreich, aber werde wahrscheinlich einzelne Blöcke davon auch in Geisenheim machen. Das Wichtigste ist erst einmal für dich zu entscheiden, welche Richtung du einschlagen möchtest mit dem Wein. Schreiben, verkaufen, beraten oder gar machen? Denn Önologie, Winzer-Ausbildung, Weinbaustudium, Weinwirtschaft, Sommellerie etc. haben im Kern eben unterschiedliche Ziele und Beschäftigungsfelder, in denen du das später einsetzen kannst. Um diese Frage für mich zu beantworten habe ich damals erst einmal eine Weinlese mitgemacht um in Keller, Weinberg und Weingut hereinzuschauen. Ein großes Abentuer und gleichzeitig ein unersetzlicher Realitätscheck war das, diese Zeit hat mich sehr geprägt und mir viel Klarheit für mich gebracht.

      Ich wünsche dir viel Erfolg beim weiteren Suchen – und Finden 🙂

      Viele Grüße, mittlerweile mit dem Blick in den Weinberg vor der Nase,
      Stefanie

  • Reply Branko 29. April 2014 at 06:43

    Ein Buch fehlt. Ein kleinformatiges, dünnes. Aber wesentliches. Damit du weißt, warum eigentlich. Trust me :)!
    http://www.ucpress.edu/book.php?isbn=9780520271494

    • Genusssucht
      Reply Genusssucht 29. April 2014 at 09:21

      Sehr guter Tipp. Ist sofort auf der Bestellliste gelandet. Auch wenn ich noch immer über anderen Büchern brüte bis Juni. Danke, Branko!

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