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Aix-en-Provence: Sprechende Mauern und stille Ecken

13. April 2014
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Der eigentlich frühlingshafte Hamburger Sonntag fing heute sonnig an und ist mittlerweile grau geworden, im Wechsel mit vereinzelten Sonnenstrahlen. Eine gute Zeit also, um mit ein paar Bildern aus dem Frankreich-Kurzurlaub Farbe in mein und euer Herz zu bringen.

Zwei Wochen ist es nun her, dass ich aus der Provence zurück bin. Auf meinem Frühstücksbrot war heute morgen Pfirsich-Thymian-Marmelade, die ich von dort mitbrachte, das Glas ist noch halb voll. Wo ich sie kaufte und welche anderen Dinge ich dort noch entdeckte, präsentiere ich ein anderes Mal. Denn heute geht es erst einmal um die Stadt, in die es mich zuerst verschlug und die wohl eine der ersten Adressen ist, wenn man an die Provence denkt: Aix-en-Provence.

Zugegeben – es war mein erstes Mal überhaupt in der Provence. Viele Geschichten hatte ich schon über diesen Teil Frankreichs gehört und einige Menschen mutmaßten in Vergangenheit, ich müsse in einem meiner sicher genauso aufregenden früheren Leben von dort gekommen sein, weil all mein zutiefst geliebten Aromen und Düfte hier im Übermaß wachsen und gedeihen. Es war also an der Zeit herauszufinden wie gut sich die klischeehaften Postkartenbilder der Provence mit der Meinung Anderer und den Vorstellungen meiner Imagination verstehen würden.

Damit wären wir auch schon beim ersten Punkt angekommen. Was nun folgt sind keine Klischeebilder. Ich habe nicht eine einzige Stadtführung gemacht, keinen Punkteplan der Sehenswürdigkeiten abgearbeitet, keine empfohlene Stadtwanderung verfolgt.  Vielmehr habe ich die Stadt so entdeckt, wie ich mich eigentlich immer neuen Orten nähere: mit Neugier, Entdeckungsfreude und Intuition.

Ich lief einfach los. Ohne Plan und Ziel, aber mit freudiger Spannung, dem Blick für Stimmungen und einer Kamera. Die folgenden Bilder entsprechen keiner Reihenfolge und keiner Logik, sie sind sowohl in Tagen als auch in Ereignissen und Routen unsortiert. Sie folgen einzig und allein der Begeisterung, die ich empfand während ich die Stadt kennenlernte und einiger thematischer Verknüpfungen, die mich auf meiner Entdeckungstour immer wieder heimsuchten.

Also macht euch einen Kaffee, schenkt euch einen Wein ein (am besten einen schönen Rosé aus der Provence… davon werde ich auch noch ein anderes Mal erzählen) lehnt euch zurück, atmet einmal tief durch. Und dann reist gemeinsam mit mir durch kleine Gassen, vorbei an alten Gemäuern, wunderschönen Marktplätzen und skurrilen Wegesentdeckungen. Genießt das Flair und die Stimmung dieser schönen südfranzösischen Stadt.

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 Die ersten Bilder, an die ich mich erinnere sind nicht mit der Kamera dokumentiert. Denn ich zog einen schweren Koffer hinter mir her, von der Ankunft am Busbahnhof bis zu meiner Unterkunft.  Was aber sofort auffiel war nicht nur die strahlende Sonne, die mich willkommen hieß, sondern auch die sandig-gelben Fassaden der meisten Häuser, von warmer, strahlender und freudiger Wirkung, durchbrochen vom Hellblau des Himmels, das sich auch an vielen Gebäudeanstrichen oder Fensterläden wiederfindet. Das wunderbarste Babyblau, dass man sich vorstellen kann, fast schon einen Hauch ins Lila tendierend.

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Die Stadt wirkt ganz und gar pastellig, obwohl die Intensität der Farben des öfteren schon intensiver sind als Pastelltöne. Das bunte Treiben wilder Knallfarben, das man eher aus Marseille kennt, ist hier jedoch wesentlich gedämpfter. Ein ganz besonderes Licht, das auch schon viele Künstler wie unter anderem auch Cézanne, inspiriert hat, hüllt die Farben der Stadt in einen weichgezeichneten Mantel ein und lässt sie eigenartig sanft-verwittert erscheinen. alte Fassaden und bröckelige Hausanstriche tun dann ihr übriges, um dem alten und verstaubten Eindruck Nachdruck zu verleihen. Manchmal fühlte ich mich, als wanderte ich den ganzen Tag durch einen dämpfenden Wattebausch, so diffus und fast nebelartig streute die Sonne ihre Strahlen durch die alten Gassen.

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Auf dem Cours Mirabeau, der berühmten Flaniermeile der Stadt, und um sie herum, tummeln sich viele Geschäfte, Cafés und Restaurants. Nicht unbedingt immer die besten, aber eben die populärsten.  Wer sich hier herum treibt um shoppen zu gehen oder zu arbeiten, der nimmt gerne sein Morgenkaffee oder sein Mittagessen in der Sonne des Cours Mirabeau ein. Frühmorgens trifft man hier fast nur Einheimische, die gerade die Tische aufstellen, Müllmänner oder zu Arbeit hetzende Menschen, die noch schnell auf dem Weg einen Petit Café zu sich nehmen. Erst wenn die Geschäfte öffnen, darunter großartige Buchhandlungen und viele weniger mittelmässige Bekleidungsbeschäfte, füllt sich die Allee schnell zu einer belebten Straße mit lachenden, diskutierenden und schnatternden Menschen.

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Kaum verlässt man aber die Hauptflaniermeile, schon werden die Straßenzüge schnell wieder leiser, ruhiger und sanfter, die Menschen weniger, das Licht meist dunkler, weil es kaum in die engen Täler der steilgezogenen Häuserwände einfallen kann.

Man läuft durch kleine Gassen, biegt in schmale Passagen ab, durchkreuzt düster anmutende, todesstille Ecken, passiert staubende Haussanierungen oder steht auf einmal mitten im privaten Hinterhof eines Metzgers, zweifelt an kleinen Gassengabelungen, welche Richtung man einschlagen soll und kommt am Ende doch immer wieder irgendwo auf den größeren Straßen der Stadt hinaus.

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Das kleine Labyrinth, das immer einen überraschenden Ausgang nimmt, macht riesigen Spaß und ist wegen der kurzen Wegstrecken äußerst abwechslungsreich. Wer sich darauf einlässt, die Stadt wirklich zu erkunden statt von einem Reiseführer abzulesen, der entdeckt wunderbare kleine Ecken und Gemäuer, bewundert minutenlang ein faszinierendes und irgendwie auch ratlos machendes Brot im Rahmen einer unbenutzt erscheinenden Haustür und erfreut sich jedes Blümeleins, das den Weg säumt. So jedenfalls erging es mir. Solche Überraschungsrouten machen mich glücklich und wirken wie eine wundersame Medizin.

Ich verliebte mich in die an Schachfiguren erinnernden Straßenpfähle, die sandigen Häuserwände, die charmanten Laternen, das aus allen Ecken wuchernde Kraut und die typisch französischen Kunstwerke der chaotischen Außenverkabelung.

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Alte Mauern geben viel Preis darüber, wie lange die Stadt schon ihr Leben führt. Ich bin ein großer Fan von Strukturen und alten Häusern Und glaube daran, dass die Wände auch eine Seele besitzen. Wenn man ihnen zuhört, dann soufflieren sie ausführliche Geschichten und erzählen von großen Momenten im Laufe der Stadtgeschichte.

Manchmal verharrte ich minutenlang vor einem Haus, fühlte die Beschaffenheit des Steins, strich über verrostete Röhre, roch an den Pflanzen die aus den Mauern wuchsen. Einmal begeisterte ich mit meiner faszinierten Aufmerksamkeit eine alte Frau so sehr, dass sie ihren Einkaufstrolley kurzerhand abstellte und mich ansprach. „C’est joli, hein?“. Sie tat es mir gleich und strich auch über die Wand. Einige Fragen später, ich gab mich als Deutsche zu erkennen, folgte dann eine lange Geschichte. Sie begann bei den Freunden der Frau, die früher in diesem Haus wohnten und endete bei ihrer Geschichte über ihren einzigen Deutschlandaufenthalt in jungen Jahren während einer Kur, bei dem sie auch einen Tag in Hamburg verbrachte. Ich sollte diese Frau insgesamt dreimal treffen. An jedem Tag, den ich in Aix verbrachte, begegnete sie mir an anderer Stelle zu anderer Uhrzeit, aber freute sich jedes mal wieder so sehr, mich zu erkennen, dass sie mir die gleiche Geschichte nochmal erzählte.

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Vielleicht sind es also nicht immer die Mauern, die sprechen, sondern die Menschen, die in ihnen leben oder lebten und sie somit zum Klingen bringen, ihnen Charakter und Bedeutung geben. In Aix-en-Provence ließen viele Gebäude vermuten, dass dahinter lange Geschichten, freudige wie auch traurige, steckten. Eine Stadt mit so vielen Schönheitsmakeln muss Persönlichkeit haben, um sich einen so bedeutungsvollen Ruf in der Welt zu machen. Manches Gebäude wirkte besonders gesprächig – als wölbten sich erzählungsfreudige Münder direkt aus den alten Gemäuern heraus.

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Neben den sandigen Souffleusen der Zeit, die auf den stillen Seitengassen auf willige Zuhörer warteten, begeisterte mich an Aix vor allem die Anzahl wunderschöner kleiner Plätze. Sonnendurchflutet, mal belebt, mal sehr still, immer pittoresk. Sie werden nicht nur als Cafépläze oder am Morgen als Marktplatz genutzt, sondern bieten auch viel Platz für Fantasie und Müßiggang, Kommunikation und Leben. Man findet probende Schauspieler, Tageszeitung lesende Brunnenhocker, gedankenverlorene Musikliebhaber mit Kopfhörern, turtelnde Pärchen, irritiert Stadtpläne studierende Touristen, erschöpfte Omas, die vom Einkauf eine Pause benötigen und allerlei Selbstdarsteller, die Frischluft und Inspiration suchen.

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Verlässt man den Kern der Stadt und läuft nur knappe 10 Minuten den Hang hinauf, weg vom Trubel der Geschäfte und Marktplätze, dann trifft man schöne, einfache und vor allem stillere Gegenden. Hier wohnen vor allem Familien, denn viele Schulen, Sportplätze und Parks liegen im äußeren Ring um das Zentrum. Ich wohnte nur 10 Gehminuten vom Cours Mirabeau entfernt, etwas bergaufwärts, und war dankbar über die erholsame Stille, die sich abends und nachts ausbreitete. Der Spaziergang in der Stadt und zurück war genau die richtige Distanz, um den Tag zu starten oder zu beenden.

Diese Viertel wirkten wesentlich luftiger, die Straßen wurden breiter, die Gebäude teils neuer, die einzelnen Grundstücke größer, Katzen streunten herum und Autos wurden auf einmal im Stadtbild sichtbar, die in der Innenstadt eher nur aus Liefergründen unterwegs sind.

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 Es waren wunderschöne Tage in Aix, die ich gänzlich ohne Hektik verbrachte. Von einigen Highlights werde ich noch erzählen. Denn natürlich wäre ein Frankreichtrip nicht ernstzunehmen, und schon gar nicht berichtenswert oder für mich typisch, wenn es nicht mit gutem Essen und Trinken verbunden gewesen wäre. Aufgrund der vielen schönen Bilder habe ich mich aber entschlossen über alles getrennt zu berichten, um mehr Raum zum Schwelgen in den vielen schönen Seiten der Stadt zu lassen.

Ihr könnt euch auf Berichte über die besuchten Märkte, tolle Weinbars, gemütliche Restaurants und einige andere Köstlichkeiten freuen. Aber pssst, so viel kann ich schon verraten: der nächste Stop der Reise ist am Place des Prêcheurs.
Nun entlasse ich euch aber erstmal wieder in die deutsche Realität des Sonntagabend. Bonne soirée!

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